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1. Hochschule ohne Pfauenhähne
(2006 – Jawahrlal Nehru University, Delhi)
In vielen Hinsichten fand ich meine Hochschule, wo einmal Felsen, Gebirge und Pfauenhähne das Sagen hatten, wie vor einem Jahrzehnt vor: Lerneifer auf dem Campus, ununterbrochene politische Debatten... junge Männer und Frauen, die um Teekiosks in ihre heiteren Flirtstrategien verwickelt waren, viel Englisch mit “Thatswhy” und “That-That” und zum Glück auch viel Hindi (die erste Verfassungssprache Indiens).
Doch ich vermochte nicht umhin die Veränderungen wahrzunehmen:
Auf dem Gebirge wurde viel gebaut. Und die Gebäude schießen weiterhin aus dem Boden:
Neue Fakultäten,
neue Wohnheime,
neue Professorenhäuser.
Schluss mit den vorhandenen Felsen. Der Dschungel ist radikal geschrumpft.
Die Pfauenhähne sind fast vernichtet.
Ja, dieses verwirrende Wachstum geht eindeutig auf Kosten der Felsen und Dornbüsche. Auf dem Campus sehe ich viele Hunde, unheimlich viele Hunde… ausschließlich herrenlos. Sie scheinen die Pfauenhähne, meine Lieblinge, vertrieben zu haben. Laut meinen ehemaligen linken Dozentinnen und Professorinnen, die als „echte, progressivere Inderinnen“ diese Wirklichkeit ungern und (vielleicht schmerzhaft) wahrnehmen möchten, gibt es immer noch Pfauenhähne, die nachts an die Haustüre jener marxistischen Professorinnen klopfen würden.
In meiner Zeit spazierten jedoch die scheuen Vögel allgegenwärtig: In den Büschen, auf den Dächern, vor
Studentenwohnheimen, … Ja, unzählig wie heute Hunde auf den Straßen.
Ich besuchte “Narmada Hostel”, meine Liege und Wiege in den Jahren der Abiturzeit. Es war viel grüner geworden, sah gut aus. Die Sprösslinge, die damals gepflanzt wurden, waren zu den schönen Bäumen herangewachsen.
Sehr erfrischend fand ich jene Nacht, als die Studenten aus dem Bundesland Andhra Pradesh unter dem Mondlicht auf dem Wohnheimdach eine Bollywood-Oper übten – zwei Dutzend wackelnde Hüften. Als ich den Studenten in Bewegung aufmerksamer zuguckte, wackelten die männlichen Hüftgelenke noch eifriger.
Nachdenklich und schmunzelnd schlenderte ich durch die Campusstraßen. Auf einmal hörte ich den Krach eines Riesenfrachters. Ein kolossaler Traktor nahte rasend ohne ein einziges Licht. Ich hüpfte zur Seite. Verdutzt, verärgert schaute ich den Riesen an. Auf dem Fahrzeug ohne Anhänger saßen ein Dutzend Menschen. “My Goodness!” stöhnte ich. Ich prüfte danach die vorbeifahrenden, anderen Fahrzeuge. Ich fand selten ein Kraftfahrzeug oder ein Motorrad, an denen vorne und hinten Lichter brannten.
Ob die deutschen oder die indischen Studenten mehr Handys besitzen, darüber kann ich keine Auskunft geben. Das betrifft auch die aktuellsten Fabrikate und die dazu gehörenden Accessoires.
Marx-Import ist immer noch modisch. Dass auf dem Campus der allergrößte Dichter und Literat Bertolt-Brecht war (und vielleicht immer noch ist), würde die studentische Majorität aller Fakultäten bestätigen. Der Groschendichter galt Linken als der ästhetische Gott. Die Injektionsampulle, die jeder erhält, beinhaltet Brechts Zitate, Klassenkampf und der Sieg des Proletariats.
Dieses Mal auf meinem Rundgang fand ich wie früher in Hülle und Fülle Zitate der Revolution. Es gab jedoch einen Wandel. Eine Änderung. Einen Paradigmenwechsel. Die
aufgehängten Plakate waren nicht vom Meister Brecht. Sondern von Ché Guavara und Pablo Neruda.
Als Schüler in Indien las ich ein paar Zeilen über Ché, dass er sich der Befreiung/ Unabhängigkeit Latein-Amerikas geopfert/ verschrieben hatte. Was mich besonders faszinierte bzw. anzog, hatte es mit den großen, bunten Plakaten von Ché zu tun. Als ich sie jetzt zum ersten Mal in Indien in beeindruckenden Formaten ansah, wanderten meine Blicke zu den T-Shirts deutscher Jugendlichen. Jene
kritisch-skeptische Schüler der wohlhabenden Familien, die das Ungerechte der Welt über Schulbücher, Fernröhre und über ihre unmittelbare Gesellschaft voller Immigranten wahrnehmen. Und sie fühlen sich danach von diesem Wirrwarr belastet. Eine Weile, bis sie mit Alkohol und Drogen in Heavy-Metal, Punk, Hip-Hop, … flüchten müssen.
2. Der Caschewbaum
(2006 – New Chandmari, Motihari)
Ich war ein kleiner Junge, als der Caschewbaum im Innenhof des Hauses gepflanzt wurde. Papa erzählte mir, er werde eines Tages sehr groß werden, und seine Erträge würden uns beeindruckend erfreuen. Ich glaubte ihm nicht, weil auch der Caschewbaum in meiner Gegend eine Rarität war.
Als großer Junge begegnete ich ihm nach Jahren wieder. Der Baum war schnurgerade hoch gewachsen und strotzte vor Kraft und Schönheit.
Der Sohn meiner Tante aus der Nachbarschaft sprach:
„Eigentlich ist er kein gewöhnlicher Cashewbaum. Es wachsen darauf wilde Cashews, die sich von den uns Bekannten unterscheiden.“
„Wie?“
„Sie sehen etwas dunkler, schwärzer aus, und sie schmecken ölig.“
„Aha!“
„Wenn der Baum blüht,…“ fuhr Pankaj, mein Tantensohn, fort, „…, gibt es einen Farbentanz der Blätter. Sie werden rot – rotgelb – rotgelbgrün. Und vor allem, schaut ihn an, wie er steht: symmetrisch, majestätisch.“
Und die Tatsache ist, dass der Baum in seiner vollen Blüte gefällt wird. Er ist allzu groß. Für mein Haus. Für die dicht bebauten Nachbarhäuser. Was passiert, wenn ... der Riese zusammenbricht oder wenn ... ein Sturm ihn niederfällt und dabei die Ziegelsteinhäuser zertrümmert?
Also, wir fällen ihn und verkaufen ihn demnächst.
3. Deutsch in Indien
(Anno 2006 – Max Mueller Bhawan, New Delhi)
Im Goethe Institut Delhi unterhielten sich zwei Frauen: Eine Deutsche und eine Inderin
Es ging um die Sprache. Die Deutsche erzählte, was sie konnte; was sie nicht konnte, z.B. Bayerisch.
Die Inderin sagte: „Bayerisch! O ja Bayerisch! Sie ist schön! Ich möchte Bayerisch lernen!“
Über Anant Kumar, M.A, Universität Kassel:
www.anant-kumar.de.vu
www.autorenhessen.de/autoren/kumar
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