Henning Mankell: "Kennedys Hirn"

                                                                    
Engagierter Roman über den "verlorenen" afrikanischen Kontinent 
 

Weitere Bücher dieses Autors:

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Die Hunde von Riga

Die weiße Löwin

Tea Bag

Der Chronist der Winde

Mitsommermord

Die Brandmauer

Die Rückkehr des Tanzlehrers

Tiefe

 

 

 

AIDS hat sich zur weltweiten Seuche entwickelt, die sich nach ihrem - relativen - Abklingen in den westlichen Industrieländern umso ungehemmter in Asien und vor allem in Afrika ausbreitet. Über die Gründe dieser ungleichen Entwicklung wird viel diskutiert, und es gibt neben der Ursachenforschung auch verschiedene Versuche zur Eindämmung. Bisher sind diese jedoch weit gehend erfolglos geblieben, und vor allem Afrika beginnt sich langsam zu entvölkern. Der schwedische Autor Henning Mankell, vormals nur als Verfasser gesellschaftskritischer Kriminalromane mit schwedischem Kontext bekannt, lebt seit einiger Zeit abwechselnd in Schweden und Afrika und hat sich in seinen neueren Büchern zum Anwalt des "vergessenen" Kontinents gemacht.

Wie auch schon in anderen Büchern verbindet Mankell in diesem Roman die schwedische und die afrikanische Welt. Louise Cantor, eine schwedische Archäologin in den Fünfzigern, arbeitet in Griechenland an Ausgrabungen. Schon diese Tätigkeit lässt sich als Metapher ihrer Weltabgewandheit interpretieren. Als sie bei einem Heimaturlaub ihren einzigen Sohn Henrik tot in seiner kleinen Wohnung vorfindet, bricht eine Welt für sie zusammen. Henriks Vater Aaron, eine ruheloser Intellektueller, hat sie schon vor Jahren verlassen, und ihr ist nur noch ihr alter Vater im Norden Schwedens geblieben. Obwohl die äußeren Zeichen auf Selbstmord deuten - eine Überdosis Schlafmittel - , lassen andere Unstimmigkeiten und vor allem die Kenntnis ihres Sohnes Louise an dieser Theorie zweifeln. Bei einer gründlichen Durchsuchung seiner Wohnung findet sie eine Sammlung von Dokumenten, die sich mit dem angeblich verschwundenen Gehirn des 1963 erschossenen amerikanischen Präsidenten J. F. Kennedy befassen. Offensichtlich ging es Henrik in irgendeiner Weise um die Aufdeckung von Geheimnissen. Ein weiterer Hinweis führt sie nach Barcelona, wo Henrik eine Wohnung unterhielt, eine feste Beziehung zu einer jungen Frau pflegte und über größere Geldeinnahmen verfügte. Bei der Verfolgung der dünnen Spuren verschwindet Aaron, der sie nach Spanien begleitet hat. Doch Louise lässt nicht locker. Henriks Freundin gibt ihr weitere Hinweise, die sie nach Maputo in Mozambique führen. Dort taucht sie nicht nur in die Hitze des Kontinents, sondern auch in die desolate wirtschaftliche, politische und gesundheitliche Lage der Bevölkerung ein. In einer karitativen Siedlung für Aidskranke im Endstadium hat sie schließlich ihr Ziel gefunden, weil Henrik hier eine Zeit gearbeitet und Verbindungen geknüpft hat. Auch hier findet sich wieder eine ehemalige Freundin Henriks, die jetzt - wie die meisten dort - an AIDS leidet. Als sich herausstellt, dass auch Henrik daran litt, ist das ein weiterer Schock für Louise, doch langsam beginnt sich das Bild abzurunden, vor allem, da ihr zunehmend Gerüchte über menschenverachtende Versuche mit neuen, ungetesteten Medikamenten an AIDS-Opfern zu Ohren kommen. Einmal misstrauisch geworden, bohrt sie an allen möglichen Stellen nach, stößt aber lediglich auf eine Mauer von Schweigen, Abwiegelung und mehr oder minder verhüllten Drohungen. Dabei erhärtet sich zunehmend der verdacht, dass Aaron sie in Barcelona nicht aus Feigheit verlassen hat, sondern umgebracht wurde.

Auch eine zwischenzeitliche Rückkehr nach Schweden bringt nur wenig neue Erkenntnisse, doch weitere Hinweis aus der ehemaligen Umgebung ihres Sohnes bestätigen ihre Vermutungen. Als schließlich Henriks sterbenskranke Freundin aus Maputo anruft und ihr wichtige Informationen ankündigt, reist sie wieder dorthin, nur um zu erleben, wie das Mädchen noch vor der entscheidenden Aussage vor ihren Augen erschossen wird. Alle Kontakte, die zur Aufklärung hätten beitragen können, sind somit beseitigt, und die Verantwortlichen der Pflegestation üben sich in mildtätigen und betroffenen Unschuldsbeteuerungen. Bis zum Schluss des Buches gelingt es Louise Cantor nicht, eines einzigen belastbaren Beweises habhaft zu werden, und als sie tief enttäuscht nach Schweden zurückreist, merkt sie nicht, dass auch diese Abreise genau beobachtet wird.

Wenn man von Mankells Roman das überzeugende Engagement abzieht, dann bleibt eine reine Vermutung verbotener Tests an AIDS-Kranken. So sehr er solche Tests suggeriert, so wenig liefert er auch nur ein einziges Faktum oder einen Namen, der sich auf existierende Firmen oder Organisationen abbilden ließe. Natürlich wissen Mankell und sein Verlag nur zu gut, dass die großen Pharma-Unternehmen umfangreiche Rechtsabteilungen unterhalten, die nur nach eindeutigen Verweisen auf real existierende Firmen suchen, um sie juristisch zu verwerten. In anderen Zusammenhängen gab und gibt es Fälle, in denen den Klägern eine solche Analogie mit entsprechenden Folgen für die Autoren und Verlage zugestanden wurden. Also hält sich Mankell schon aus diesem Grunde bedeckt. Andererseits wäre bei vorhandenen Beweisen oder auch nur starken Indizien längst ein Aufschrei durch alle internationalen Presseorgane und Organisationen gegangen, die den betroffenen Unternehmen existenzielle Probleme bereitet hätten. Fehlen solche Beweise, so bieten sich grundsätzlich zwei Reaktionen an: man kann entweder die Unschuldsvermutung gelten lassen oder eine Verschwörungstheorie aufstellen, wobei letztere den logischen "Charme" aufweist, dass gerade das Fehlen jeglicher Beweise als Beweis für die Raffinesse und Hinterhältigkeit der Täter gilt. QED! 

Mankell ist sich der Schwäche beider Alternativen bewusst und lässt sich daher auf keine von ihnen ein. Doch sein schwebendes Verharren in der unbewiesenen Vermutung, symbolisch dargestellt durch eine - noch erfolglose - Abreise seiner Protagonistin, stellt sich schließlich auch als Scheinlösung heraus. Man möchte seinen Behauptungen gerne Glauben schenken (d. h. man möchte es eigentlich NICHT!), doch vom Tode Henriks bis zur Ermordung der aidskranken Frau in Maputo führt keine direkte Linie zu konkreten Unternehmen oder Organisationen. Alles bleibt im Vagen und in der Möglichkeitsform. Henrik KÖNNTE sich wegen seiner Aidserkrankung das Leben genommen haben und die Ermordeten KÖNNTEN simplen Kriminellen zum Opfer gefallen sein. Auch das will man natürlich nicht glauben, und so bleibt am Ende ein Gefühl der Verunsicherung und des Zweifels. Vielleicht war das auch das Ziel des Autors; daneben bleibt jedoch immer die ungeheuerliche Anschuldigung grausamer Menschenversuche im Hintergrund stehen, die durch nichts belegt aber auch durch nichts widerlegt ist. Die eventuell Betroffenen werden sich hüten, sich gegen nicht aufgestellte konkrete Anschuldigungen zu wehren ("der getretene Hund bellt"), beim Leser bleibt jedoch ein Verdacht nach dem Motto "Semper aliquid haeret", der weder inhaltlich noch ethisch befriedigt.

Das Buch ist im Zsolnay-Verlag unter der ISBN 3-552-05347-6 erschienen und kostet 24,90 Euro.

Frank Raudszus

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