In
einer weit gehend medial vermittelten Welt wächst die Sehnsucht nach dem
Authentischen - was immer das sein mag - unverkennbar und in allen
Bereichen. Gerade die als "unauthentisch" verklagten Medien
haben - welch Ironie - diesen Trend als erste erkannt, mit Produktionen
wie "Big Brother" oder "Reality TV" darauf reagiert
und das nach Authentizität suchende Publikum damit vom Regen in die
Traufe geschickt. Doch auch seriöse Autoren versuchen, mit ihren Mitteln
ein Stück Authentizität zu erschaffen, und sei es nur der schöne
Schein. Armin Müller-Stahl, in Deutschland seit Jahren hauptsächlich als
erstklassiger Schauspieler bekannt, hat sich jetzt ebenfalls mit einem
besonderen Werk dieser Herausforderung gestellt.
Vor einer Würdigung des vorliegenden Buches ist jedoch eine kurze
Vorstellung des Künstlers notwendig, weil es sich eben nicht
"nur" um einen Schauspieler handelt, der sich jetzt auch einmal
- wie andere Mimen - als Autor versuchen will. Müller-Stahl, heute 75,
ist in der DDR aufgewachsen und hat dort anfangs als bildender Künstler
gewirkt, bevor das väterliche Erbe der Lust zur Schauspielerei
durchbrach. Außerdem hat er schon früh Geige gelernt und einige Zeit mit
dem Gedanken gespielt, Musiker zu werden. Wir haben es hier also mit einem
wahren Multitalent auf verschiedenen musischen Gebieten zu tun, und die
Ironie der Geschichte will es, dass er - wie Einstein in seinem Fach -
wegen mangelnder Begabung nicht zur Schauspielschule zugelassen wurde. Wer
nur einen seiner Filme gesehen hat, kann darüber nur den Kopf schütteln;
allerdings befindet er sich in dieser Beziehung mit Einstein und anderen
Geistesgrößen in guter Gesellschaft.....
Müller-Stahl lebt heute - nach einer späten, aber beeindruckenden
Hollywood-Karriere - in Los Angeles. Dort hat er eines Tages eine Wette
mit einem Drehbuchautor abgeschlossen, dass man über jeden beliebigen
Passanten auf der Straße ein spannendes Drehbuch - und damit einen Film -
verfassen können. Gesagt, getan - und Armin Müller-Stahl zog mit
Aufnahmegerät, Skizzenblock (der muss immer mit) und einem versteckten
Kameramann im Gefolge den Sunset Strip hoch. Schon bald entdeckt er sein
Opfer und lässt es nicht mehr los. Der Einstieg ins Gespräch erweist
sich etwas schwierig, da es sich offensichtlich um einen misstrauischen
"Homeless" handelt. Doch schon bald stellt sich heraus, dass
dieser Obdachlose einst Bankpräsident war und freiwillig seinen Dienst
quittierte, um auf der Straße zu leben, Gitarre zu spielen und ein Buch
zu schreiben. In einem minutiös geführten Tagebuch beschreibt
Müller-Stahl seine fast täglichen Gespräche mit dem Mann am Strand von
Venice, seine Abneigung gegen Filmaufnahme und das entsprechende
Versteckspiel des Kameramanns, die abrupten Stimmungsänderungen des
Gesprächspartners und die Informationen über sein Leben, die er dem ihm
zunehmend vertraut werdenden Müller-Stahl nach und nach anvertraut. Bis
zu einem bestimmten Punkt nimmt man dem Autor den authentischen
Hintergrund des Buches ab, dann erhält das Leben seines
Gesprächspartners jedoch eine dramaturgisch derart strukturierte Gestalt,
dass man zunehmend eine Camouflage der Authentizität vermutet. Denn
langsam schält sich heraus, dass dieser Mann seit seinem dreizehnten
Lebensjahr auf der Suche nach seinem Vater ist, der ihn damals verließ,
weil ihm als geflohenem deutschen Kriegsgefangenen nach Jahren der
Illegalität in den USA der Boden unter den Füßen zu heiß wurde. Diesem
Vater wird noch ein geradezu begnadetes Gitarrenspiel zugesprochen, mit
dem er schon die Soldaten in Rommels Afrikakorps fasziniert hat. Das Ende
der Soldatenzeit in Afrika nimmt dann tragische Züge an, wobei es davon
drei Fassungen gibt, die den Vater mit verschiedenen Gesichtern zeigen.
Wenn man aus Müller-Stahls Biographie erfährt, dass sein eigener Vater
kurz vor Kriegsende unter unklaren Umständen starb, schwindet der letzte
zarte Glaube an eine authentische Geschichte aus den Vororten von L.A..
Aber
was soll's? Wir wollen uns nicht an die echte oder unechte Authentizität
klammern. In diesem Werk kommt sie als Belebung des Buches daher und
verleiht dem Buch zusätzliches Lokalkolorit. L.A. mal von einer anderen
Seite, aus der Sicht der Entwurzelten oder freiwilligen Aussteiger, die
ihre Tage am Strand und auf den Straßen verbringen. Hinter dieser
Vorortgeschichte von L.A. baut Müller-Stahl ein Stück zeitgenössischer
USA-Geschichte mit den Lebensgewohnheiten, dem Lebenshunger, der Skepsis
und dem unverwüstlichen Optimismus der Bewohner auf. Das Ganze
präsentiert er unaufdringlich, ohne Zeigefinger, nur mit den knappen und
ein wenig rauhen Äußerungen seines Gesprächspartners. Doch der Text
macht nur einen Teil dieses Buches aus und würde es nicht über viele
anderen Romane über die Suche nach der eigenen Identität und der des
Vaters - als Metapher für die eigenen Wurzeln - herausheben. Daneben
enthält das Buch über hundert Zeichnungen - meist spontane Skizzen - von
Armin Müller-Stahl. Viele dieser Skizzen bestehen nur aus wenigen
Strichen, und doch vermitteln sie einen lebendigen Eindruck der Menschen
am Strand von Venice, seinen es Mütter mit Kindern, alte Männer beim
Plausch oder Jazz-Musiker mit ihren Instrumenten. Teilweise hat der
Künstler die Skizzen koloriert, was ihnen eine stärkere Wirkung
verleiht. Mit dieser Verbindung von Wort und Bild gewinnt das Buch eine
ganz eigene Qualität. Die Skizzen sind hier nicht "nur"
Illustrationen zu einem Text, sondern stellen einen eigenständigen
Kontext her, der den Text auf Augenhöhe ergänzt, wenn nicht sogar
übertrifft.
Skizze aus "Venice"
#Am Schluss enthält das Buch noch eine detaillierte künstlerische
Biographie von Armin Müller-Stahl, die auch seine Auseinandersetzungen
mit dem DDR-Regime und seinen Mut zum Protest nicht auslässt. Dieses Buch
ist - vielleicht ein wenig unfreiwillig - zu einem Lebensrückblick und
einer Bilanz des Autors geworden, ohne dass er - wie andere seiner
Kollegen - in ermüdenden Selbstbespiegelungen sein Leben vor einem
gelangweilten Leser ausbreitet. Dieses Buch liest sich als Roman ebenso
gut wie als Bildband oder - eben - als Biographie.
Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN
3-351-02609-9 erschienen und kostet 49,90 Euro.