Gabriele Weingartner: "Fräulein Schnitzler"

                                                                    
Wenn die Realität die Fiktion zitiert....
 

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Literarische informierte Leser werden bei dem Titel dieses Buches stutzen. Handelt sich hier um ein "Titelplagiat"? Dann jedoch werden sie das Zitat erkennen, da der Verweis auf den "Paralleltitel" - es handelt sich um Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else" - unübersehbar ist. In dieser Novelle erzählt Schnitzler die tragische Geschichte eines jungen Mädchens, das sich zwecks Vermeidung des väterlichen Bankrotts den eindeutigen Wünschen eines älteren Herren fügt und daran zugrunde geht. Schnitzler selbst liebte seine Tochter Lili über alles und war über ihre frühen Heirat mit dem faschistischen Offizier Arnoldo Capellini alles andere als erfreut. Als liebender Vater ließ er die junge Frau jedoch mit ihrem Gatten nach Venedig ziehen und  blieb nur noch in brieflichem Kontakt mit ihr. In Venedig jedoch erkaltet die Liebe Arnoldos, die sowieso nur aus geschmeichelter Eitelkeit bestand, sehr bald und wandelt sich zu offener Unterdrückung und liebloser "Erziehung". Niemand  bemerkt Lilis unaufhaltsames Abgleiten in die Depression. Die Haushilfe Rita steht ganz auf der Seite des fanatisierten Arnoldo und zur Nachbarschaft kann Lili nur rudimentäre Kontakte knüpfen. Als sich eine Schwangerschaft ankündigt, ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten, und Lili sucht im selben Alter wie ihre "Schwester im Geiste" Else in Schnitzlers Novelle den Freitod.

Gabriele Weingartner drückt die Analogie der Fälle nicht nur durch das nahe liegende Zitat des Titels aus, sondern versucht auch, in gewisser Weise die Stimmung der Schnitzlerschen Novelle nachzubilden, ohne deswegen plagiatorisch vorzugehen. Ihre Lili wird nicht zur Elses Kopie sondern behält ihre eigene Identität, und dennoch sind die Parallelitäten unübersehbar. Der widerliche Kunsthändler Dorsday aus Schnitzlers Novelle findet sein Pendant im wahren Leben in Arnoldo, der ebenfalls ein menschenverachtendes Weltbild auslebt, und Elses nichts ahnende und kurzsichtig auf die eigenen Probleme fixierte Eltern findet man in Arthur Schnitzlers Tändeln mit verschiedenen - mehr oder minder platonischen - Freundinnen wieder, die den Gedanken an Lili und ihre Probleme in den Hintergrund drängen. Doch geht es der Autorin offensichtlich nicht darum, die Analogie zwischen Fiktion und Realität auf die Spitze zu treiben; das hieße denn doch das literarische Zitat zu überziehen. Zwar flicht sie immer wieder eben diese Novelle in ihre Geschichte über die unglückliche Lili, aber durchaus in glaubwürdiger und dem Handlungsverlauf nicht künstlich aufgesetzter Weise; denn schließlich kannte Lili die Werke ihres Vaters und besonders "Fräulein Else". Flüchtig vergleicht sie sich mit ihr - und aus diesen Passagen verdient das Buch seine Einordnung als "Roman" -, ohne jedoch durch diesen Vergleich zwangsläufig zum Freitod zu gelangen. Nichts liegt Gabriele Weingartner ferner als Melodramatik, und schon den Anschein vermeidet sie daher peinlichst. Doch die sich geradezu aufdrängende Analogie führt sie immer wieder auf den schmalen Grat zwischen vordergründiger Fiktionalisierung einer wahren Biographie und nüchterner Darstellung der Ereignisse. Diese Gratwanderung gelingt Gabriele Weingartner meisterlich, und die fast tragisch zu nennende Ähnlichkeit zwischen Fiktion und Leben wird greifbar, ohne jemals in platten Symbolismus abzugleiten. Neben Lilis Schicksal mit seiner "Else-Analogie" schildert die Autorin eindrucksvoll die Atmosphäre der ausgehenden zwanziger Jahre mit dem aufkommenden Faschismus und seinen mehr oder minder schleichend zu Tage tretendem Unterdrückungsmechanismen. Die jüdischen Betreiber der Tipografia verweisen mit ihrer noch diffusen Angst auf eine schlimmere Zukunft, auf die der Leser nicht mehr ausdrücklich erinnert zu werden braucht, und die Stadt Venedig verbreitet eben den "morbiden Glanz der Bourgeoisie", dem der Faschismus bald darauf den Garaus machen wird. Arnoldo Capellini erscheint bei Gabriele Weingartner nur in Lilis Gedanken und Erinnerungen, und diese indirekte Annäherung lässt ihn noch bedrohlicher erscheinen als im direkten Dialog. Die zeitliche Beschränkung der Handlung auf Lilis letzten beiden Lebenstage (24. bis 26. Juli 1928) verleiht dem Buch darüber hinaus eine hohe Dichte, da hier jede Minute zählt und jede kleine Demütigung ihren Platz als Stein im Puzzle eines sich auflösenden Lebens einnimmt. Entsprechend dem Fortschritt dieses Zustands lösen sich auch Lilis Gedanken immer weiter auf, schweifen ab in Kinderzeiten und in Phantasien, um jedes Mal mit mehr Mühe wieder zurückzukehren in eine mehr gefürchtete als gehasste Realität.

Gabriele Weingartner erweist mit diesem Psychogramm eines dem Untergang entgegengehenden jungen Menschen als würdige Nachfolgerin des großen Psychologen Arthur Schnitzler. Wie dieser folgt sie den psychischen Ängsten und Hoffnungen ihrer Protagonistin bis ins kleinste Detail und lässt dabei ein tiefes Verständnis dieser noch so jungen Frau erkennen, die sich in jugendlichem Leichtsinn früh an einen "blendenden" Mann bindet und mit den seelischen Folgen dieser fatalen Liaison nicht fertig wird. Dabei wirkt keine Zeile dieses Buches sentimental oder gar kitschig. Das "Schicksal" im romantischen Sinn hat hier keinen Platz, dafür die bedrohliche Konstellation gesellschaftlicher und persönlicher Verhältnisse umso mehr.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-499-1 erschienen und kostet 19,90 Euro.

Frank Raudszus

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