Bettina Röhl: "So macht Kommunismus Spaß!"

                                                                    
Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret
 

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Der Name "Ulrike Meinhof" rief Anfang der siebziger Jahre in der deutschen Bevölkerung geradezu Schrecken hervor, und so manche Frau in den Dreißigern sah sich bei plötzlichen Polizeikontrollen martialisch aussehenden Beamten mit vorgehaltenen Maschinenpistolen gegenüber. Die ehemalige Kolumnistin der Zeitschrift "Konkret" hatte sich Ende der sechziger Jahre erst der Berliner APO und dann der terroristischen RAF ("Rote Armee Fraktion") angeschlossen und nahm sich schließlich 1976 im Gefängnis das Leben, als sie keine Perspektiven mehr für ihr Leben und Wirken sah. In dem vorliegenden Buch beschreibt ausgerechnet Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl den Weg ihrer Mutter in den terroristischen Untergrund und schont dabei weder Verwandte noch - lebende oder bereits verstorbene - Prominente.

Bettina Röhl holt anfangs weit aus und schildert die Familienstammbäume der Familien Meinhof und Röhl, die beide nach dem Krieg in den Westen verschlagen wurden. Entgegen einem landläufigen Mythos stammt Ulrike Meinhof nicht aus einem strengen, asketischen Elternhaus - oft wird von einem Pfarrershaushalt gesprochen - sondern hatte lebensbejahende Eltern, die sie jedoch bereits früh verlor: ihren Vater als Sechsjährige an Krebs und ihre Mutter etwa zehn Jahre später. Ihre Sozialisation ist laut Bettina Röhl nicht zum geringen Teil durch ihre Ziehmutter Renate Riemeck bedingt, eine bekannte linke Professorin der fünfziger Jahre, die deutlich lesbische Züge trug und Zeit ihres Lebens keine Beziehungen zu Männern pflegte. Sie machte Ulrike Meinhof jedoch bereits früh mit linkem Gedankengut bekannt oder unterstützte zumindest solche Entwicklungen, die sich bei der Ziehtochter zum ersten Mal bei den Anti-Atom-Demonstrationen anlässlich der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Mitte bis Ende der fünfziger Jahre zeigten. Auf der anderen Seite schildert sie die lebenslustige und weit verzweigte Familie der Röhls, deren Abkömmling Klaus Rainer Röhl deutliche Zeichen eines halbseidenen, wenn auch durchaus vielfältig begabten und durchsetzungsstarken Charakters zeigte. Er hatte in den fünfziger Jahren eine "alternative" (so nannte man das damals aber noch nicht) Studentenzeitung herausgegeben und benannte sie wenig später in "Konkret" um. Bald schon fand er den journalistischen "Dreh" heraus, für seine vornehmlich junge Zielgruppe Sex und politischen Protest in leicht konsumierbarer Form zu kombinieren, so dass sein Blatt bald zum Geheimtipp unter Linken wurde und damit auch das Interesse der DDR weckte. Bettina Röhl belegt mit etlichen Briefen aus dem Umfeld von "Konkret" und der DDR-Staatssicherheit (Dank sei den DDR-Archiven!), dass "Konkret" über Jahre nicht nur aus Ostberlin finanziert sondern auch gesteuert wurde, frei nach dem Motto: "Wer zahlt, bestimmt". Im Westen galt die Unterstellung der Ostfinanzierung unter der gehobenen Linken als degoutant und böswillig, obwohl die verantwortlichen staatlichen Stellen diesen Sachverhalt als gesichert annahmen.

Ulrike Meinhof geht von der nur ereignisbezogenen Atombewegung einen konsequenten Weg hin zu einer Adeptin der reinen sozialistischen Theorie und entwickelt sich in wenigen Jahren zur radikalen Linken. Ihr Kontakt zu Klaus Rainer Röhl führt sie zu "Konkret" und ihre hohe journalistische Begabung trägt ihr dort bald die Stellung einer ständigen Kolumnistin ein. Ihre sich bald entwickelnd private Beziehung zu Röhl lässt sie auch in die "Geschäfte" mit Ostberlin eintauchen und maßgeblich an deren politischer, propagandistischer und finanzieller Weiterentwicklung mitarbeiten. Zunehmend übernimmt sie die Sprachregelung der Kommunisten, negiert - d.h. ignoriert - sämtliche Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung im Osten bis hin zu Stalins Massakern oder deutet sie als notwendige Maßnahmen zum Schutz des Sozialismus um. Ihre Tochter Bettina seziert ihre Mutter geradezu intellektuell und legt ihre Widersprüche schonungslos offen. Dabei lässt sie jedoch keine Anzeichen von Hass oder später Rache erkennen, sondern analysiert kühl, aber schonungslos. Dasselbe gilt auch bei ihrem Vater Klaus Rainer Röhl, dem sie zwischen den Zeilen viel sachliche Kritik und wenig Zuneigung entgegenbringt. Seine Sprunghaftigkeit, Ichbezogenheit und - wenn angebracht - offene Herzlosigkeit bringt sie klar zum Ausdruck und macht deutlich, dass sie heute mit ihrem Vater nur noch eine lose Bekanntschaft verbindet. Zu dieser distanzierten Haltung hat sicherlich wesentlich der Umstand beigetragen, dass Ulrike Meinhof ihre Töchter bereits als Sechsjährige in fremde Hände gab und ihr Vater sich auch nie besonders um seine Töchter gekümmert hat. Im Falle der Mutter wiederholen sich also die Lebensmuster: die Mutter wuchs weit gehend ohne Eltern auf und die Töchter ebenfalls; nur, dass letztere nicht zu verbohrten Terroristen wurden, sondern ihre Umwelt kühl zu analysieren in der Lage sind, zumindest Bettina am Beispiel dieses Buches.

Besonders hebt die Autorin auch auf die Verblendung ihrer Mutter ab, die die Bundesrepublik als faschistischen Staat darstellte und sich nicht der Bedeutung der Tatsache bewusst war, dass sie diese grundlegende, zerstörerische Systemkritik in gerade diesem Staat laut und wiederholt artikulieren durfte; ganz abgesehen davon, dass die Verfassung der BRD weltweit als eine der fortschrittlichsten und freiheitlichen galt und gilt. Außerdem legt sie gnadenlos den Widerspruch offen, der in dem zunehmendem Genuss der Röhls an der feinen - sprich kapitalistischen - Hamburger Gesellschaft und ihrer eigenen Zugehörigkeit zu diesen Kreisen auf der einen Seite und den revolutionären Pamphleten in "Konkret" auf der anderen Seite besteht. Schon Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl - vor allem aber letzterer - lebten nach dem Motto: "Links reden und rechts leben", wie auch heute noch gewisse saarländische Politiker. Dabei kristallisiert sich in Bettina Röhls Buch zunehmend heraus, dass Ulrike Meinhofs endgültiger Übertritt zum linken Untergrund wohl auch privat bedingt war, d.h. durch Klaus Röhls öffentliches und für Ulrike Meinhof außerordentlich demütigendes Verhältnis mit einer anderen Frau. Dies wirft wohl auch noch einen weiteren Schatten auf die intellektuell-moralische Qualität der Ulrike Meinhof, den so mancher nostalgische 68er nicht wahrhaben will. In diesem Zusammenhang schont Bettina Röhl übrigens auch die Prominenz von Gustav Heinemann über Rudolf Augstein bis Stefan Aust sowie viele summarische genannt "Salon-Revolutionäre" nicht, die entweder hanebüchenen "Links"-Unsinn über den Ungarn-Aufstand 1956 verzapften (Gustav Heinemann), als ehemalige "Redaktionsgenossen" Ulrike Meinhof heute  intellektuell marginalisieren (Stefan Aust) oder aber als "gemeine Intellektuelle" damals die RAF im Hintergrund aktiv unterstützten, ohne ihre BHW-Verträge oder Pensionsansprüche gefährden zu wollen. In diesem Zusammenhang empfindet es die Autorin - und nicht nur sie - befremdlich, dass noch heute viele dieser Leute Ulrike Meinhof zu einer zweiten Rosa Luxemburg verklären. Blinder Terrorismus mit Mord und Zerstörung sowie eine völlige Ausblendung der Realität zugunsten einer verquasten, schon damals bankrotten utopischen Ideologie lassen sich schwer als Argumente für eine integre Persönlichkeit verkaufen.

Wenn überhaupt Kritik an diesem Buch zu üben ist, dann hinsichtlich der übermäßigen Zitate der Korrespondenz aller Betroffenen. Hier hätte man sicher kürzen bzw. auf einen Anhang verweisen können; das hätte die Lektüre flüssiger gestaltet. Weiterhin hätte man von der Autorin gerne den Ansatz einer Analyse über die Gründe des stetigen Realitätsverlustes ihrer Mutter gesehen. Lag es an der Sozialisation durch ihre linke und ideologische starre Ziehmutter Renate Riemeck und/oder am frühen Verlust ihrer Eltern, die sie durch ein ideologisches Zuhause ersetzen wollte? Fragen, die sicher schwer zu beantworten sind, zu denen man aber gerne die Meinung der Tochter gehört hätte. Doch auch so ist dieses Buch ein umfangreiches Stück Zeitgeschichte, das wir jedem Interessierten, vor allem aber allen "Alt-68ern", dringend zur Lektüre empfehlen.

Das Buch ist im Europäischen Verlagsanstalt (EVA) unter der ISBN 3-434-50600-4 erschienen und kostet 29,80 Euro.

Frank Raudszus

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