Christian Schuldt: "Systemtheorie"

                                                                    
Eine Zusammenfassung der bahnbrechenden Theorie von Niklas Luhmann
 

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Die Theorie gesellschaftlicher Systeme hat im Laufe der Jahrtausende - verglichen mit technischen Disziplinen - eine ausgesprochen bewegte Entwicklungslinie durchlaufen, angefangen mit Platons Höhlenlehre über das mystische Mittelalter, Kants und Hegels vom Geist gesteuerte Philosophien bis hin zu Marx' mittlerweile abgewrackten Kommunismus und den handlungsorientierten "Tendenzbetrieb" der Frankfurter Schule. Die Soziologie als eigene Spezialwissenschaft hat sich hier über die letzten Jahrzehnte ein eigenes Eckchen eingerichtet und ist prompt mit der Frankfurter Schule aneinander geraten. Mitten in diesem unübersichtlichen Umfeld von Positivismusstreit und Kritischer Theorie hat sich Niklas Luhmann, ein ehemaliger Verwaltungsbeamter, in den sechziger und siebziger Jahren daran gemacht, eine umfassende Theorie der gesellschaftlichen Systeme zu entwerfen, das in seiner Vollständigkeit seinesgleichen sucht. Der Soziologe Christian Schuldt, Jahrgang 1970, hat sich in diesem kleinen Bändchen die Aufgabe gestellt, die umfassende und äußerst komplexe Theorie des 1997 verstorbenen Luhmann in einer Kurzfassung von knapp 100 Seiten zusammenzufassen und auf das Wesentliche zu reduzieren.

Die landläufige Ansicht unterstellt dem Begriff "Systemtheorie" einen technokratischen Ansatz, ein für Sozialwissenschaftler tödlicher Vorwurf, wie wir es noch vom Positivismusstreit zwischen Soziologen Popperscher Prägung und der Frankfurter Schule in den siebziger Jahren kennen. Und prompt hat sich laut Schuldt auch "Alt-Frankfurter" Jürgen Habermas auf Luhmann gestürzt und ihm mit den bewährten Waffen der Frankfurter Schule ein affirmatives, systemerhaltendes Grundmuster "nachgewiesen". Wir benutzen diesen Ausdruck bewusst, da die Vertreter der Frankfurter Schule ihre Gegner eher mit vermeintlich wissenschaftlich begründeter Überzeugung abqualifiziert als mit ihnen diskutiert haben. 

Schuldt kommt sehr schnell auf den Punkt und beschreibt Luhmanns Ansatz als umfassend in dem Sinne, dass seine Theorie für alle Systeme gilt, in denen Kommunikation herrscht, seien es technische, organische oder soziale Systeme. Luhmann löste sich damit vom Akteur "Mensch" zugunsten einer Instanz "Kommunikation", was ihm prompt die einhellige Empörung aller soziologischen und philosophischen Gutmenschen einbrachte. Schließlich geht es bei der Soziologie doch um den Menschen und nicht um tote Dinge, gell? Macht man sich jedoch einmal von diesem anheimelnden Gedankengut frei, so erkennt man bald die Erkenntniskraft von Luhmanns Ansatz, der gerade wegen der Abstraktion seine Kraft entfaltet und sich auf unterschiedliche Umgebungen anwenden lässt. Laut Schuldt mag die Annäherung an Luhmann schwierig sein und die Komplexität seiner Theorien sich wie eine Mauer vor dem "Common Sense" aufrichten, doch die Ergebnisse bei der Anwendung bringen seiner Ansicht nach verblüffend konsistente und wiederkehrende Erkenntnisse. Dabei sieht Luhmann - wie auch vor ihm schon die Frankfurter Schule -, dass es bei der Beobachtung gesellschaftlicher Zusammenhänge keine "erhöhte" Beobachterposition gibt, nur deutet er dies nicht moralisch im Sinne einer à priori einzubringenden Zielvorstellung, sondern nüchtern als Tatsache. Wer sich ein wenig mit Physik beschäftigt hat, wird sich hier unmittelbar an Heisenbergs Unschärferelation in der Quantenphysik erinnern, die ebenfalls eine objektive Beobachtung aller Eigenschaften eines Teilchens nicht erlaubt. Zwar ist diese Analogie nicht "1:1" zu verstehen, aber die Unmöglichkeit einer objektiven Beobachtung ist beiden gemein.

Trotz dieser grundlegenden Einschränkung konzediert Schuldt - offensichtlich ist er ein Vertreter der Luhmannschen Systemtheorie - dieser den wohl umfassendsten und modernsten Ansatz für das Verständnis hochkomplexer System, gleich welcher Ausprägung. Dass man soziale Systeme prinzipiell mit technischen gleich setzen kann, wird vielen nicht gefallen, doch vor einer konsequenten Ablehnung steht immer ein entsprechender Gegenbeweis, andernfalls handelt es sich um Glauben, d.h. Ideologie. Wer sich einen schnellen Überblick über Niklas Luhmann verschaffen will, dem sei dieser dünne Band empfohlen. Wer seine Theorien wirklich verstehen will, muss sich wohl durch tausend Seiten kämpfen.

Das Buch ist in der Europäischen Verlagsanstalt unter der ISBN 3-434-46153-1 erschienen und kostet 8,60 Euro.

Frank Raudszus

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