Simon Borowiak: "ALK"

                                                                    
Fast ein medizinisches Sachbuch
 

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„Heute blau, morgen blau, und übermorgen wieder,“ sagt der Volksmund. Was so lustig klingt, spiegelt eine Volkskrankheit wieder: Mindestens 2,5 Millionen Menschen sind in Deutschland alkoholabhängig, weitere Millionen pflegen einen riskanten Konsum. Jährlich sterben 42.000 Menschen durch Alkohol, der volkswirtschaftliche Schaden geht in die Milliarden. Noch verheerender sind die persönlichen Folgen in Form von zerstörten Familien. 

In Deutschland ist das Thema Alkoholismus noch oft tabu. Dies rührt auch vom Doppelgesicht her, das alkoholische Getränke haben – die große Mehrheit kann mit ihnen gut umgehen und genießt sie. Eine Minderheit dagegen – vom Hilfsarbeiter bis zum Professor – stürzt ab. Es dauerte in Deutschland lange, ehe sich zumindest in der Rechtsprechung der Gedanke durchsetzte, dass Alkoholismus keine Charakterschwäche, sondern eine komplexe Erkrankung ist. In den USA beispielsweise ist man viel weiter. Dort scheuen sich auch Hollywoodstars nicht, ganz offen über ihre Besuche bei den Anonymen Alkoholikern zu berichten.

Für Alkoholkranke gibt es hierzulande eine Fülle von Büchern. Doch vielen Ratgebern eignet ein betulich-gouvernantenhafter Ton, die Berichte von Betroffenen sind zu betroffen, die Fachliteratur ist für den interessierten Laien unverständlich. 

Eine ganz besondere Bresche schlägt hier das Buch „ALK“. Verfasst hat es ebenfalls ein Betroffener. Im Zuge einer Entwöhnungstherapie, schreibt er, „las ich mich durch Regalbretter von Alkoholismus-Literatur. Und wurde zunehmend unwillig.“ Sein Buch geht andere Wege, schildert fachlich sehr fundiert und dazu erfahrungsgesättigt, aber auch mit viel Witz und Ironie, was es so mit dem „Alk“ auf sich hat. 

Kann man so mit einem ernsten Thema umgehen? Man kann. Borowiak gelingt die Gratwanderung, durch den spielerischen Umgang mit dem Thema spricht er viele an, die sonst einen weiten Bogen um die Sache machen würden. Er beschreibt, wie sich ein Rausch auf das Gehirn auswirkt, welche Trinkertypen es gibt und welche Definitionen für Alkoholismus. Er stellt die unterschiedlichen Methoden zur Alkohol-Entwöhnung vor und lässt seine persönliche Alkoholkarriere einfließen. Der Leser erhält wichtige Informationen über Sucht, Entgiftung, Krankheitseinsicht, Rückfall, Trinkmotive, die verschiedenen Therapieangebote und vieles mehr. Dabei gelingt es Borowiak vortrefflich, „das Medizinische ins Menschliche“ zu übersetzen.

Urkomisch seine Schilderungen über die Aufenthalte im Krankenhaus unter dem Motto „Es geht ein Entzug nach nirgendwo“, über die unfreundliche Therapeutin Frau Silberschuh. Und zutreffend räumt er mit Legenden auf, etwa denen über die Kreativen: „Künstler saufen, rauchen oder spritzen meistens erst NACH der Arbeit!“. Selten WÄHREND!“.

Borowiak macht auch deutlich, dass die Alkoholsucht eine rätselhafte Sache ist, bei der die Wissenschaft weitgehend im Dunkeln tappt: „Beim Alkoholismus gibt es einige Gesetzmäßigkeiten; sie sind von Trinker zu Trinker verschieden.“ Sehr klar arbeitet der Autor heraus, dass die Alkoholkrankheit irreversibel ist. Wenn einmal die Biochemie im Gehirn entgleist ist, gibt es kein Zurück mehr zum „kontrollierten Trinken.“

Borowiak betont, wie wichtig nach einer Entgiftung und Therapie der Besuch von Selbsthilfegruppen ist, denn die Krankheit lebt im Betroffenen latent weiter. 

Etwas zu kurz kommt in dem Buch, dass viele „trockene“ Alkoholiker, die eine stabile Abstinenz erreicht haben, über eine zuvor ungeahnte, neue Qualität ihres Lebens berichten. Alles in Allem aber ein fulminantes Buch - für alle, die schon mal einen heben. Und für alle, die schon mal einen zuviel gehoben haben.


Alexander Hoffmann


Simon Borowiak: ALK

ISBN-Nr. 3821856440

175 Seiten

Eichborn-Verlag

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