Alexander Masters: "Das kurze Leben des Stuart Shorter"

                                                                    
Die tragische Biographie eines Verlierers
 

Weitere Bücher dieses Autors:

 

 

 

Die Literatur über soziale Außenseiter und Absteiger zeichnet sich nicht gerade durch Kargheit aus. Gerne hängen die Autoren dabei dem Objekt ihrer Beschreibungen das pittoreske Bild des nonkonformistischen Einzelgängers um, der auf den Glanz der bürgerlichen Welt verzichtet, oder sie klagen die Gesellschaft für ihre Schlechtigkeit an. Selten jedoch macht sich ein Autor die Mühe, einen realen Menschen ungeschminkt in seiner desolaten sozialen Rolle zu beschreiben, dessen eigenen Anteil daran nicht zu unterschlagen und dennoch so etwas wie menschliche Wärme zu entwickeln. Alexander Masters ist dieses Kunststück gelungen, wohl auch, weil er sich im Laufe seiner Beobachtungen und Interviews nicht nur in sein Gegenüber eingedacht hat, sondern weil er dabei auch - trotz dessen chaotischer Charaktereigenschaften - eine gewisse Sympathie für ihn empfindet. 

Alexander Masters lernt den obdachlosen Stuart Shorter im Rahmen seiner Arbeiten für die Obdachlosenhilfe auf der Straße kennen und beschließt nach näherer Bekanntschaft, ein Buch über ihn zu schreiben. Dabei verzichtet er von Anfang an auf jede Fiktion oder romanhafte Ausschmückung. Das fängt damit an, dass er sich selbst mit seiner realen Identität in das Buch einbringt und die Entstehung dieses Buches in die Geschichte des Stuart Shorters hineinwebt. Damit verzahnen sich die beiden Erzählstränge einer menschlichen Biographie und des Bücherschreibens untrennbar miteinander. Außerdem wählt Masters eine zweigleisige zeitliche Anordnung: er beginnt in der realen Zeit der letzten Seiten dieses Buches, wenn er das Manuskript Stuart vorlegt - ja, er verfasst dieses Buch sozusagen zusammen mit seinem "Gegenstand" - und schraubt sich von diesem zeitlichen Gegenwartsrahmen immer wieder in ferner liegende Episoden des Shorterschen Lebens hinein. Das Buch endet schließlich mit der Schilderung von Stuarts früher Kindheit und mit seinem überraschenden (Unfall-?)Tod im Alter von 33 Jahren. Daher der Titel "Das kurze Leben....".

Masters stellt sich - und Stuart - immer wieder die Frage, wie es zu der von Gefängnis, Gewaltexzessen, Drogen, Alkohol und wieder Gefängnis geprägten Biographie kommen konnte, nur um von Stuart zu hören, dass das die typische Frage eines "Mittelschichtarsches" sei und ein obdachloser Junkie und Knasti sich solche Fragen nie stelle. Doch Stück für Stück schälen sich die fast tragisch zu nennenden Merkmale dieses Lebens aus den Gesprächen mit Stuart und seiner Umgebung heraus. Stuart leidet seit seiner Geburt an einer erblichen Muskelkrankheit, die den Erkrankten irgendwann an den Rollstuhl fesseln wird und an der bereits sein Vater verstorben ist. Der ebenso haltlose wie kranke Vater hat die Familie früh verlassen und damit bereits einen entsprechenden Einfluss auf den Jungen ausgeübt. Dieser wird wegen seiner anfangs leichten, aber unübersehbaren Behinderung von anderen Kindern dermaßen gehänselt, dass sein Komplex bereits mit elf Jahren in blinde Wut umschlägt; und als er merkt, dass unkontrollierte Gewalt auf seine Umwelt durchaus eine gewisse Wirkung ausübt, gewöhnt er sich an sie. Ein entscheidender Einschnitt in seinem Leben besteht auch darin, dass ihn die Grundschule wegen dieser leichten Körperbehinderung bereits früh in eine Behindertenschule mit schwerstbehinderten Kindern abschiebt, die sein Weltbild nachhaltig prägt. Die schlimmste Erfahrung muss er jedoch im eigenen Familienkreis machen, wo sein älterer Bruder und ein angeheuerter Babysitter den kleinen Stuart systematisch vergewaltigt. Seine frühe Flucht auf die Straße und dann immer wieder ins Heim soll ihn vor dieser Drangsalierung retten, doch der verständnisvolle und hoch geachtete Rektor des Heims wird später als pädophiler Triebtäter entlarvt, der sich jahrelang vor allem an den im anvertrauten Kindern unter vierzehn Jahren verging. Dies alles ist dokumentarisch belegt und keine Erfindung eines fantasiebegabten Romanautors! Masters belegt dies durch Kopien entsprechender Zeitungsausschnitte genau wie die späteren "Ausraster" Stuart Shorters, die man mit zunehmender Kenntnis seiner katastrophalen Jugend immer besser versteht. 

Unwillkürlich fragt man sich als Leser, wie man wohl selbst sich unter solchen Randbedingungen entwickelt hätte, wenn man diese Jugend überhaupt überlebt hätte. Dass Stuart Shorter schon früh in Alkohol und Drogen Vergessen und einige Stunden einer gewissen Unbeschwertheit sucht, lässt sich nun immer besser nachvollziehen. Dass die rabiate Reaktion von Polizei und Strafvollzug wie Wasser auf die Mühlen einer vollständig zerbrochenen Weltsicht wirken, ergibt sich sozusagen von selbst. Dadurch legt jede körperliche Maßregelung im Gefängnis oder durch die Polizei - man kann auch gerne von Misshandlung reden - den Grundstein für Stuarts nächste Gewaltorgie. Dass er schließlich sogar im Gewaltrausch droht, seinen eigenen Sohn - ein Säugling - aus dem Fenster zu werfen, ist nur ein Zeichen seiner Verzweiflung und seines abgrundtiefen Misstrauens gegenüber allen bürgerlichen "Tugenden", haben sich letztere doch immer als Feigenblatt schmutziger Realitäten erwiesen.

Unter diesen Aspekt ist es eher verwunderlich, dass Stuart zu seinem Biographen schließlich sogar eine Art Vertrauensverhältnis aufbaut, das zwar immer wieder dank Stuarts "Wutausbrüche" an seiner Fragilität leidet, aber doch bis zum Schluss ein gewisse Konstanz aufweist und sogar eine positive Entwicklungstendenz aufweist. Am Ende der Lektüre fragt man sich, was aus diesem Unterschichtkind geworden wäre, wenn seine Behinderung maßvoll berücksichtigt worden wäre, er ein sexuell ungefährdetes Familienleben erlebt hätte und der Rektor des Kinderheims nicht pädophil gewesen wäre. Sicher ein vielleicht etwas cholerischer, aber im Großen und Ganzen vernünftiger und in Maßen glücklicher Zeitgenossen.

Bei dem konsequenten Versuch, ein Buch frei aller romanhaften und literarischer Versatzstücke zu schreiben und sich ganz auf die Fakten und nachweisbaren Hintergründe dieses verlorenen Lebens zu beschränken, ist Alexander Masters - ungewollt? - ein Buch von einigem literarischem Wert gelungen. Die Lektüre ist auch Lesern zu empfehlen, die sich normalerweise nicht für die Probleme von Obdachlosen und das Leben auf der Straße interessieren.

Das Buch ist im Kunstmann-Verlag unter der ISBN 3-88897-427-5 erschienen und kostet 19,90 Euro.

Frank Raudszus

Hier bestellen bei AMAZON