Der
Roman spielt in einer nicht zu fernen Zukunft in einem "Supereuropa",
dessen Grenzen weit im Osten und Süden liegen und dessen staatlichen
Strukturen wenn nicht verloren gegangen dann doch vollständig
undurchsichtig geworden sind. Der Ich-Erzähler bezeichnet sich selbst als
langjährigen Internet-Süchtigen, der Tag und Nacht vor dem Web-Browser
saß und nur zu kurzem Schlaf oder zwecks Nahrungsaufnahme Pausen
einlegte. Die Sucht ist in dem Europa dieses Romans bereits seit einiger
Zeit verbreitet, und der Erzähler kennt viele, die ihr Leben damit
ruiniert haben oder oder sogar daran gestorben sind, z. B. wegen
Unterernährung. Irgendwann beschließt er, sein ziellose Leben zu
ändern, und reist für längere Zeit ins Ausland. Scheinbar geheilt kommt
er zurück und landet in einer deutschen Stadt mit Namen City, die
vollständig durchmedialisiert und -kommerzialisiert ist. Man kann sich
darunter ein "Groß-Frankfurt" vorstellen. Hier verfällt
er jedoch wieder seiner Internet-Sucht, und im Laufe seines
Lebensrückblickes kommen auch frühe sexuelle Erlebnisse mit Verwandten
und Lehrern hoch. Andererseits hat das Internet wohl auch damit zu tun,
denn sein eigener Schwerpunkt beim permanenten Surfen lag und liegt in der
Pornographie. Er hat jahrelang nur in sexuellen Phantasiewelten mit
virtuellen Personen gelebt, die sein reales Leben vollständig verdrängt
haben.
Eines Tages lernt er bei einem realen "Kontakt-Treff" eine junge
Frau kennen, es kommt jedoch wegen der bereits fortgeschritten mentalen
Zerstörung zu keinem natürlichen heterosexuellen Kontakt sondern eher zu
einem Klammern zweier verlorener Seelen. Als plötzlich in ganz City
der Strom ausfällt und die Menschen auf die elementaren Bedürfnisse
zurückgeworfen werden, beschäftigt er sich zwangsläufig mit seiner
neuen Weggenossin intensiver, vor allem, da er aufgrund der fehlenden
Elektrizität in ein "Internet-Entzugskoma" fällt.
Anschließend beschließt er, die Menschheit zu retten und eine neue
Bewegung zu gründen, bei der er seine als Sex-Beraterin im Internet
identifizierte Freundin als Ikone nutzt. Sein Plan gelingt und es bildet
sich eine spontane Bewegung - etwa wie Woodstock - bei der die Menschen
die Straßen vor dem Hause belagern, sich ihrer Kleider entledigen, der
freien Liebe und den Drogen frönen. Doch irgendwann tritt der "Zauberlehrling"-Effekt
auf: er verliert die Kontrolle über die Menschenmassen, sein Erotik-Idol
entzieht sich, und es kommt zu Ausschreitungen und revolutionären
Zuständen auf der Straße. Als Militär und Polizei schließlich für
Ordnung sorgen, entdeckt er, dass alles eine von höher gestellten und
ausgekochten Internet-Freak eingefädelte Aktion war, sozusagen die
Realisierung der Fiktion, in der er unwissentlich die Hauptrolle spielte.
Nicht sein freier Wille hat ihn zu seinen Handlungen geführt, sondern
eine geschickte Regie unbekannter Produzenten, die ihn und Erika - so
heißt das Mädchen - nur zu ihrer Unterhaltung benutzt und eingesetzt
haben. Als er zu Fuß aus Supereuropa flieht und tief im Osten - irgendwo
im Ural - die Grenze überschreitet, muss er feststellen, dass auch dies
schon wieder zu einer medial inszenierten Welt gehört. Er kann dieser
vollständig inszenierten Welt nicht mehr entrinnen, und immer, wenn er
glaubt, an Authentizität und Autonomie gewonnen zu haben, entpuppt sich
das als Teil des Spiels.
Die Internet-Sucht dreht sich bei Hvorecky in geradezu manischer Weise um
Pornographie, ohne dass je Einzelheiten zur Sprache kommen. Der Autor
beschwört diese Sucht geradezu, ohne sich selbst als Autor billige
Vorteile durch entsprechende Szenen zu verschaffen. Obwohl die
Pornographie im Mittelpunkt steht, könnte man das Buch fast asketisch
nennen. Denn der Protagonist und viele andere Abhängige befinden sich
alle in einem verzweifelten Stadium des Entzugs, der immer wieder
scheitert. Auch die anarchischen Zustände auf der Straße - nackte
Menschen, ungezügeltes Ausleben der Triebe - wirken eher unappetitlich
denn in irgendeiner Weise sexualisierend. Die Sicht eines Suchtkranken auf
seine abhängige Umgebung wirkt eher ernüchternd.
Die Schwächen des Buches bestehen einerseits in gewissen
überflüssigen Elementen: so wirkt der Zeitschnitt mit dem langen
Aufenthalt im Ausland wie ein überflüssiger Fremdkörper, vor allem, da
die Zeit im Ausland keine weiteren Folgen zeitigt. Andererseits ziehen
sich die Schilderungen der anarchischen Zustände auf der Straße in die
Länge und wiederholen sich ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Ebenso
wirkt die geradezu besessene Konzentration auf sexuelle Abartigkeiten -
ohne dass diese beim Namen genannt werden - auf die Dauer etwas eintönig.
Bei aller erzählerischen Stärke, die das Buch streckenweise durchaus
aufweist, herrscht doch eine gewisse Eindimensionalität der Aussage und
eine holzschnittartige Darstellung der Charaktere und Ereignisse. Der
tiefe Pessimismus des Autors entlädt sich ein wenig zu sehr in
Vordergründigkeiten. Nach der Lektüre beschleicht den Leser zwar ein
leichtes Grauen vor einer möglichen zukünftigen Welt, echte
Betroffenheit will sich jedoch wegen der doch zu vordergründigen Aussage
nicht einstellen.
Das Buch ist im Tropen-Verlag unter der ISBN
3-932170-81-4 erschienen und kostet 19,80 €.
Frank Raudszus