Michal Hvorecky: "City - Der unwahrscheinlichste aller Orte

                                                                    
Endzeitlicher Roman über eine "Big Brother"-Welt von Netzsüchtigen
 

Weitere Bücher dieses Autors:

 

 

 

Der Roman spielt in einer nicht zu fernen Zukunft in einem "Supereuropa", dessen Grenzen weit im Osten und Süden liegen und dessen staatlichen Strukturen wenn nicht verloren gegangen dann doch vollständig undurchsichtig geworden sind. Der Ich-Erzähler bezeichnet sich selbst als langjährigen Internet-Süchtigen, der Tag und Nacht vor dem Web-Browser saß und nur zu kurzem Schlaf oder zwecks Nahrungsaufnahme Pausen einlegte. Die Sucht ist in dem Europa dieses Romans bereits seit einiger Zeit verbreitet, und der Erzähler kennt viele, die ihr Leben damit ruiniert haben oder oder sogar daran gestorben sind, z. B. wegen Unterernährung. Irgendwann beschließt er, sein ziellose Leben zu ändern, und reist für längere Zeit ins Ausland. Scheinbar geheilt kommt er zurück und landet in einer deutschen Stadt mit Namen City, die vollständig durchmedialisiert und -kommerzialisiert ist. Man kann sich darunter ein "Groß-Frankfurt" vorstellen.  Hier verfällt er jedoch wieder seiner Internet-Sucht, und im Laufe seines Lebensrückblickes kommen auch frühe sexuelle Erlebnisse mit Verwandten und Lehrern hoch. Andererseits hat das Internet wohl auch damit zu tun, denn sein eigener Schwerpunkt beim permanenten Surfen lag und liegt in der Pornographie. Er hat jahrelang nur in sexuellen Phantasiewelten mit virtuellen Personen gelebt, die sein reales Leben vollständig verdrängt haben.

Eines Tages lernt er bei einem realen "Kontakt-Treff" eine junge Frau kennen, es kommt jedoch wegen der bereits fortgeschritten mentalen Zerstörung zu keinem natürlichen heterosexuellen Kontakt sondern eher zu einem Klammern zweier verlorener Seelen. Als plötzlich in ganz City der Strom ausfällt und die Menschen auf die elementaren Bedürfnisse zurückgeworfen werden, beschäftigt er sich zwangsläufig mit seiner neuen Weggenossin intensiver, vor allem, da er aufgrund der fehlenden Elektrizität in ein "Internet-Entzugskoma" fällt. Anschließend beschließt er, die Menschheit zu retten und eine neue Bewegung zu gründen, bei der er seine als Sex-Beraterin im Internet identifizierte Freundin als Ikone nutzt. Sein Plan gelingt und es bildet sich eine spontane Bewegung - etwa wie Woodstock - bei der die Menschen die Straßen vor dem Hause belagern, sich ihrer Kleider entledigen, der freien Liebe und den Drogen frönen. Doch irgendwann tritt der "Zauberlehrling"-Effekt auf: er verliert die Kontrolle über die Menschenmassen, sein Erotik-Idol entzieht sich, und es kommt zu Ausschreitungen und revolutionären Zuständen auf der Straße. Als Militär und Polizei schließlich für Ordnung sorgen, entdeckt er, dass alles eine von höher gestellten und ausgekochten Internet-Freak eingefädelte Aktion war, sozusagen die Realisierung der Fiktion, in der er unwissentlich die Hauptrolle spielte. Nicht sein freier Wille hat ihn zu seinen Handlungen geführt, sondern eine geschickte Regie unbekannter Produzenten, die ihn und Erika - so heißt das Mädchen - nur zu ihrer Unterhaltung benutzt und eingesetzt haben. Als er zu Fuß aus Supereuropa flieht und tief im Osten - irgendwo im Ural - die Grenze überschreitet, muss er feststellen, dass auch dies schon wieder zu einer medial inszenierten Welt gehört. Er kann dieser vollständig inszenierten Welt nicht mehr entrinnen, und immer, wenn er glaubt, an Authentizität und Autonomie gewonnen zu haben, entpuppt sich das als Teil des Spiels.

Die Internet-Sucht dreht sich bei Hvorecky in geradezu manischer Weise um Pornographie, ohne dass je Einzelheiten zur Sprache kommen. Der Autor beschwört diese Sucht geradezu, ohne sich selbst als Autor billige Vorteile durch entsprechende Szenen zu verschaffen. Obwohl die Pornographie im Mittelpunkt steht, könnte man das Buch fast asketisch nennen. Denn der Protagonist und viele andere Abhängige befinden sich alle in einem verzweifelten Stadium des Entzugs, der immer wieder scheitert. Auch die anarchischen Zustände auf der Straße - nackte Menschen, ungezügeltes Ausleben der Triebe - wirken eher unappetitlich denn in irgendeiner Weise sexualisierend. Die Sicht eines Suchtkranken auf seine abhängige Umgebung wirkt eher ernüchternd.

Die Schwächen des Buches bestehen einerseits in gewissen überflüssigen Elementen: so wirkt der Zeitschnitt mit dem langen Aufenthalt im Ausland wie ein überflüssiger Fremdkörper, vor allem, da die Zeit im Ausland keine weiteren Folgen zeitigt. Andererseits ziehen sich die Schilderungen der anarchischen Zustände auf der Straße in die Länge und wiederholen sich ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Ebenso wirkt die geradezu besessene Konzentration auf sexuelle Abartigkeiten - ohne dass diese beim Namen genannt werden - auf die Dauer etwas eintönig. Bei aller erzählerischen Stärke, die das Buch streckenweise durchaus aufweist, herrscht doch eine gewisse Eindimensionalität der Aussage und eine holzschnittartige Darstellung der Charaktere und Ereignisse. Der tiefe Pessimismus des Autors entlädt sich ein wenig zu sehr in Vordergründigkeiten. Nach der Lektüre beschleicht den Leser zwar ein leichtes Grauen vor einer möglichen zukünftigen Welt, echte Betroffenheit will sich jedoch wegen der doch zu vordergründigen Aussage nicht einstellen.

Das Buch ist im Tropen-Verlag unter der ISBN 3-932170-81-4 erschienen und kostet 19,80 €.

Frank Raudszus

Hier bestellen bei AMAZON