| Roland Baader: "totgedacht - Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören" |
| Eine Philippika gegen die modernen Geistespriester | |
|
Weitere Bücher dieses Autors:
|
Baaders Thema sind diesmal die Intellektuellen: die Kaste der Philosophen, Soziologen, Politologen und Journalisten. Üblicherweise werden sie als politisch links stehend eingestuft, und das trifft heute auch durchaus zu. Dass sie den weltweiten Zusammenbruch des "real existierenden Sozialismus" am liebsten nicht zur Kenntnis nehmen und ihn eher mit dem falschen Personal (sie würden das viel besser machen!) begründen, betrachtet Baader mittlerweile eher als eine wenn auch seltsame Petitesse. Ihm geht es vielmehr um ihre einhellige Ablehnung des westlichen Kapitalismus und Liberalismus, dessen materiellen und "freiheitlichen" Vorteile sie dabei im täglichen Leben durchaus zu schätzen wissen. In einer Retrospektive identifiziert er ihre Pendants auf der rechtskonservativen Seite als die Nationalökonomen der wilhelminischen Ära, allen voran der einflussreiche Werner Sombart. Mit ihrer geradezu besessenen Ablehnung von Liberalismus, Kapitalismus und persönlichen Rechten des Individuums, ihrer Verachtung der angelsächsischen "Krämerseelen" und ihrer Verherrlichung der kollektiven "Nation" und des Krieges als hehres Ziel des Deutschen Volkes zeigte diese Kaste, dass sie zumindest in Teilen das gleiche Gedankengut wie die Linke verfolgte, wenn sie diese auch grundsätzlich ablehnte. Was dem rechten wilhelminischen Intellektuellen die natürliche Herrschaftsstruktur der Ständegesellschaft war (in der sie die Elite darstellten), ist dem linken Intellektuellen die Parteiorganisation sozialistischen Zuschnitts, auch wenn er von der Herrschaft des Volkes spricht. Soviel zu den historischen Parallelen, die unter das Kapitel "Was" fallen, in der Baader ausführlich die Eigenarten dieser neuen Klasse beschreibt. Das Verschweigen der linken Verbrechen, angefangen bei Stalins gezielter Ausrottung der widerständigen Bauern, über die 70 Millionen Opfer von Maos Kulturrevolution und die Mauertoten an der DDR-Grenze bis hin zum Kuba Fidel Castros und Nordkorea; die geradezu feindselige Ablehnung der deutschen Wiedervereinigung bis zum letzten Augenblick - Grass lässt grüßen - und der arrogante Vorwurf an die DDR-Bürger, ihnen sei es nur um die "Bananen", sprich: ein besseres Leben, gegangen; der geradezu religiöse Feldzug gegen die Globalisierung, als könne man sie dem Kapitalismus als menschenverachtende Strategie zuschreiben, und das Schweigen über die wirtschaftlichen Erfolge der asiatischen Länder - ausgerechnet das Leitbild der kommunistischen Chinas - infolge der Globalisierung. Alle diese Lebenslügen der westlichen Intellektuellen führt Baader akribisch auf, doch nie mit Häme, sondern eher mit einer verständnislosen Wut über den Realitätsverlust der geistigen "Eliten" des Westens. Im Kapitel "Wie" erläutert der Autor die Mechanismen dieser Strategie. Nach dem Verlust der Religion haben die Intellektuellen die Rationalität auf ihren Schild gehoben. Das klingt erst einmal gut, dahinter steckt jedoch der feste Glaube, alle Werte rational definieren und damit vorschreiben zu können. Werte kommen dann nicht mehr aus dem Lebensmittelpunkt und der Erfahrung des Einzelnen, sondern aus der Definitionshoheit der Intellektuellen. Die Frankfurter Schule mit ihren Protagonisten Adorno, Horkheimer und Habermas spielen dabei für Baader eine unrühmliche, ja desaströse Rolle, haben sie doch einen "weichgespülten" Marxismus gepredigt, der letztlich als verbindliche - und von Intellektuellen vorgegebene - Gesellschaftsform zu gelten habe. In diesem Zusammenhang entlarvt der Autor auch den heute vor allem bei Politikern und Gewerkschaften so beliebten "Solidaritäts"-Begriff, der nur dazu dienen soll, einen von der Führungsschicht definierten Kollektivismus zu festigen. Dieser aber stellt laut Baader das Ende aller individuellen Freiheitsrechte dar, denn wer unsolidarisch, sprich "unsozial" ist, macht sich automatisch am kollektiven Körper strafbar. Das hatten wir doch schon einmal "tausend" kurze Jahre lang! Anschließend diskutiert Baader unter der Überschrift "Warum" in zehn Unterkapiteln die Gründe für diese realitäts- und freiheitsfeindliche Einstellung der Intellektuellen und entdeckt dabei das uralte Motiv "Machtstreben". Zu feudalen Zeiten dienten die geistigen Eliten den jeweiligen Herrschern als Berater und Hofdichter zu durchaus nicht schlechten Konditionen. Dabei konnten sie sich eindeutig vom gemeinen Volk absetzen und den Abglanz des Adels genießen. Heute sind diese Pfründe verschüttet, und der Intellektuelle muss sich andere Quellen für Macht und Einfluss suchen. Laut Baader verbietet es der intellektuelle Dünkel, sich im offenen Wettstreit mit dem gemeinen Volk zu messen - und eventuell zu verlieren. Deshalb findet man auch keinen echten Intellektuellen in der Wirtschaft. Der größte Teil dieser Gruppe steht auf den Gehaltslisten des Staates, sei es als Professor, Lehrer oder in vergleichbaren Stellungen. Da sie ihr Einkommen nicht täglich am Markt der Konsumenten erarbeiten müssen, fällt es für sie folglich wie Manna vom Himmel und müsste daher immer reichlich vorhanden sein. Ihre ideologisch bedingte - und oftmals bewusst gepflegte - Ahnungslosigkeit in ökonomischen Angelegenheiten ist in ihren Augen einerseits ein sie erhebender Vorzug und lässt sie andererseits ungeniert und wirtschaftsfern schwadronieren und Unsinniges wie Unmögliches fordern. Im Zweifelsfall sind böser Kapitalismus und "Neo-Liberalismus" an allem schuld und müssen mit politischen Mittel an die Kandare genommen werden. Und hier zeigt sich das Machtstreben der Intellektuellen laut Baader in Reinkultur: da ihnen die Machtausübung in einem Gemeinwesen weitgehend freier Marktteilnehmer unmöglich ist und sie im Wettbewerb - zu Recht - zu verlieren fürchten, bekämpfen sie alle Systeme mit freien Märkten und Marktteilnehmern mit allen Kräften, um schließlich ein Kollektivsystem zu installieren, das ihnen die Definitionshoheit über die Regeln des menschlichen Zusammenlebens und damit Macht verleiht. Im Schlusskapitel - "Wohin" - wagt Baader eine Vorausschau auf die mögliche weitere Entwicklung. Dabei weist er mit großer Besorgnis auf das wachsende Heer von marktuntauglichen aber ehrgeizigen Politologen, Soziologen, Germanisten und - zumindest teilweise - Pädagogen hin, die sich mangels "standesgemäßer" Jobs zu einer intellektuellen "Reservearmee" im oben beschriebenen Sinne entwickeln könnten. Weiterhin sieht er die Gefahr, dass die Intellektuellen in zunehmendem Maße dem - von ihnen verachteten - Volk ein "Diesseitsparadies" unter sozial(istisch)en Vorzeichen vorgaukeln bis hin zum finalen Zusammenbruch, der bei konsequenter Missachtung aller ökonomischer Gesetze unausweichlich kommen - siehe Argentinien - und vor allem die unteren Schichten treffen wird. Die einzige Alternative sieht er in einer möglichst konsequenten Privatisierung weiterer Institutionen, allen voran des Bildungswesens, um durch echten Wettbewerb hier endlich echte, realitätsnahe Qualität statt (quasi-)staatlicher weil intellektueller Bevormundung zu erreichen. Er selbst ist sich dabei nicht sicher, ob sich dies in absehbarer Zeit verwirklichen lassen wird, und schaut eher pessimistisch in die Zukunft. Baader ist mit diesem Buch eine schonungslose und über weite Strecken zutreffende Analyse der deutschen - und westeuropäischen - Situation gelungen, die genug Sprengstoff für politische Kontroversen liefert. Leider ist zu befürchten, dass Politiker und Intellektuelle dieses Buch mit stiller Einigkeit totschweigen werden. Das Buch ist im Resch-Verlag unter der ISBN3-935197-26-8 erschienen und kostet 22,80 Euro. Frank Raudszus |