| Michael Krüger: "Die Turiner Komödie" |
| Wenig komödiantische Nabelschau der schreibenden Zunft | |
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Der Ich-Erzähler erhält einen dringenden Ruf nach Turin, wo sich sein alter Freund, ein weithin anerkannter Romancier und gleichzeitig Leiter eines einschlägigen Universitätsinstituts, unvermutet das Leben genommen hat. Die beiden Freunde gehörten zwar nicht mehr zu den Jüngsten, aber der Tod klopfte eigentlich noch nicht an die Tür. Aufgabe des Erzählers besteht in der Sichtung und Ordnung des Nachlasses, eventuell in posthumen Veröffentlichungen. Im Atelier des verstorbenen Freundes findet er einen kleinen Privatzoo vor, der wohl das private Hobby des großen Romanciers darstellte und unterschwellig die Botschaft überbringt, dass die Tiere ihm lieber als die Menschen waren. Als mehr oder weniger "guter Geist" hält sich noch Martha, eine Frau unbestimmter Funktion, in dem Haus auf, die man wohl wegen ihres demonstrativen Selbstbewusstseins als Assistentin des Dahingeschiedenen wenn nicht gar mehr auffassen kann. Die Ehefrau liegt mit Krebs im Endstadium im Krankenhaus und Eva, eine alte, eher aufdringliche als geliebte Freundin, hat sich auch sofort nach Bekanntwerden des Todes auf den Weg nach Turin gemacht. Einige kurz auftretende Professoren der Universität mit gesteigertem Interesse an spektakulären - sprich vermarktbaren - Nachlässen runden das Personaltableau ab. Aus dieser Konstellation könnte man jetzt eine Menge machen: einen Kriminalroman, der den Filz der Universität oder die Raffgier der Umgebung zum Vorschein bringt; eine literarischen Entdeckungsroman, der ein geheimnisvolles Spätwerk des großen Künstlers ans Tageslicht bringt; die Entlarvung des Toten als Verbrecher oder Heiliger oder sonst was. Dies alles wären typische Unterhaltungsromane mit literarischem "Touch", doch daran liegt dem Autor nichts. Er triebt die literarische Nabelschau konsequent voran, auch wenn es - eher eine technische Variante - nicht der Nabel des Erzählers sondern des Verblichenen ist. Da sich jedoch auch der Erzähler im literarischen Milieu bewegt, bleibt die Geschichte sozusagen "in der Familie". Dauernd gestört von der neugierigen Martha und der aufdringlichen Eva, geht der Freund des Toten dessen Korrespondenz durch und entdeckt dabei erstaunliche Zeichen der Eitelkeit und anderer menschlicher Schwächen, die seinem Bild in der Öffentlichkeit abträglich sein könnten. Es sind nicht die tiefen charakterlichen Abgründe, die sich hier auftun, die aber auch ein Zeichen einer gewissen Größe wären, sondern eine Menge kleiner Peinlichkeiten, die das Bild des Verstorbenen wie in einem umgekehrten Fernglas immer kleiner werden lassen. Er hat ungeniert mehrfach bis zur Unkenntlichkeit hin und her übersetzte Zitate großer Schriftsteller-Kollege verschiedener Epochen ohne Verweis in seine Bücher eingebaut, ja, diese bestehen teilweise zu einem Drittel aus solchen verfremdeten Zitaten, wobei mit einer hohen Dunkelziffer nicht entdeckter Plagiate zu rechnen ist. Unser Erzähler, der selbst an höheren Zielen gescheitert ist und jetzt als Frührentner sein Brot verzehrt, entdeckt in dem bewunderten Freund einen so fragwürdigen wie hochmütigen Geist. Zunehmend stellt sich heraus, dass sein bekanntermaßen hartes Urteil über seine Mitmenschen und seine geradezu demonstrative Abwendung von der bewohnten Welt - er weigerte sich sogar, Preise in Empfang zu nehmen - nicht auf einem weit über dem Mittelmaß stehenden Intellekt und einer tiefen Erkenntnis der Welt beruhte, sondern eher auf einer stark ausgebildeten Egozentrik, die er eigentlich schon als junger Mensch bewiesen hatte, als er seine Freunde schamlos für seine hehren künstlerischen Ambitionen ausbeutete. Wenn der treue Freund am Schluss mit den kompromittierenden Nachlassteilen nach Deutschland entschwindet - wo er sie zu vernichten gedenkt -, bleibt das Buch ohne echte Pointe. Martha bleibt ratlos im Institut, Elsa ist gestorben, und die sich nun vorsichtig umorientierende Eva hat er erfolgreich angeschüttelt. Die einzige kleine Überraschung liegt in dem angeblichen großen Roman, an dem der Freund jahrelang gearbeitet hat, und der sich lediglich als eine Liste von Verweisen auf schriftliche Versatzstücke der realen Welt - Postkarten, Briefe und Sonstiges - herausstellt. Man könnte es das Archiv eines Zettelkastens nennen, als "Zettels Traum" (Zitat). Es wird nicht ganz klar, was der Autor mit diesem ernüchternden Schriftstellerportrait ausdrücken will. Ein Schlüsselroman ist es offensichtlich nicht, es sei denn, aus dem engeren Umfeld. Eine entlarvende Satire ist hierin jedoch auch nicht zu sehen und auch keine ironische Beschreibung des Literaturbetriebes. Für letztere ist es doch zu sehr auf eine Person fixiert, die überdies auch noch skurrile Züge trägt. Ein wenig dringt die Not des Schriftstellers durch, der sich mit der öffentlichen Erwartungshaltung konfrontiert sieht, sie aber nicht erfüllen kann und daher in verschiedenen technischen und psychologischen Ausweichmanövern sein Heil sucht. Da diese nur kurzfristige Linderung bringen können, bringt er sich konsequenterweise um. Am Ende ist dann die Grenze zur selbstverliebten Nabelschau trotz lakonisch- abgeklärten Tonfalls doch überschritten. Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41732-0 erschienen und kostet 22,90 Euro. Frank Raudszus |