Ketil Bjørnstad: "Vindings Spiel"

                                                                    
Einfühlsamer Roman über das Heranwachsen eines Musiktalents
 

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Der Tanz des Lebens

 

Bücher über Künstler und ihre Kunst beschränken sich oft auf biographische Darstellungen oder verfallen andererseits in schwülstige Verherrlichung der Kunst. Selten liest man kompetente Literatur aus der Feder eines - nichtliterarischen - Künstlers, da schriftstellerische und andere künstlerische Talente offensichtlich unterschiedlich verteilt sind. Der Norweger Ketil Bjørnstadt, Jahrgang 1952, stellt in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar, denn er ist einerseits professioneller Pianist und andererseits anerkannter Schriftsteller. In dem vorliegenden Roman bestätigt er, dass dieser "Doppelberuf" nicht auf eitler Selbstüberschätzung sondern auf solidem Können beruht.

Im Mittelpunkt des Romans steht der 15-jährige Aksel, der von seiner Mutter die Liebe und das Talent zur Musik geerbt hat. Die Zeit, Ende der 60er Jahre, deckt sich mit der entsprechenden Altersphase des Autors, so dass man hier einige autobiographische Elemente vermuten darf. Die wirtschaftliche Lage des in geschäftlichen Dingen unglücklich agierenden Vaters ist eher kritisch, und so ist Aksel auf einen hausbackenen aber preiswerten Klavierlehrer angewiesen. Als die Mutter bei einem Badeunfall ertrinkt, geht Aksel - ebenso wie seine ältere Schwester - nicht mehr zur Schule. Während diese jedoch den Schulbesuch aus Gründen der Selbstfindung und des Überdrusses verweigert und sich von Job zu Job durchschlägt, verbringt Aksel seine gestohlenen Stunden ohne Wissen des Vaters am Klavier und spielt Schubert, Chopin und Beethoven. Im Rahmen der Vorbereitung auf die ersten öffentlichen Auftritte lernt er andere Jugendliche im vergleichbaren Alter und mit ähnlichen Neigungen kennen, drei Mädchen und einen Jungen. Während andere Jugendliche in diesem Alter die ersten praktischen Erfahrungen mit Alkohol, Diskotheken und dem anderen Geschlecht gewinnen, widmen diese jungen Menschen ihre gesamte Freizeit dem Klavierspiel. Dabei wirken sie in keiner Weise verschroben oder weltfremd, sie haben lediglich aus ihrem Talent eine Berufung gemacht. Untereinander fachsimpeln sie über die Schwierigkeiten verschiedener Klavierstücke, über unterschiedliche Interpretationsansätze und die Bedeutung, die sie einzelnen Komponisten zumessen. Aksel bleibt jedoch insofern ein Außenseiter - oder fühlt sich zumindest als ein solcher - als er sich weder teure Lehrer noch hochwertige Instrumente oder eigene Übungsräume leisten kann, während die anderen Jugendlichen aus wohlhabenden bis reichen Elternhäusern kommen. Sie nehmen ihn jedoch offen in ihren Kreis auf und behandeln ihn nicht nur als ihresgleichen sondern gestehen ihm auch mehr oder weniger das größte Talent zu.

In eins dieser Mädchen, das ganz in seiner Nähe wohnt, verliebt sich Aksel unsterblich, lässt es die für ihn unerreichbare Anja jedoch nicht wissen. Nur seine eigene Schwester ahnt sehr schnell seine Verfassung. Anja wird von ihrem Vater hermetisch gegen die Umwelt abgeriegelt und einer systematischen Ausbildung zur Spitzenpianistin unterworfen. Je mehr sich Aksel Anja nähert, und über die Musik schafft er dies auch unter dem freundschaftlichen Deckmantel, desto mehr lehnt ihn der Vater ab und versucht, ihn von seiner Tochter fernzuhalten. Aksel seinerseits entdeckt in diesem, Hirnchirurg von Beruf, zunehmend Züge einer krankhaften Besetzung der eigenen Tochter, und als diese zusehends abnimmt und sich immer mehr von den anderen jungen Pianisten abkapselt, nimmt er vorsichtig Kontakt zu der lebenstüchtigen Mutter auf. Dabei spürt er bei dieser eine große Unruhe und Besorgnis, ohne dass diese konkret zum Ausdruck kommen. Die Situation in der Familie der Angebeteten scheint unaufhaltsam zu eskalieren, ohne dass er irgendwelchen Einfluss nehmen könnte.

Während er sich in stiller Liebe zu Anja verzehrt, macht ihm ein anderes Mädchen aus dem Pianistenkreis deutliche Avancen und schreitet schließlich im günstigen Moment zur Tat. Aksel ist jetzt an ein ungeliebtes Mädchen gebunden und verzehrt sich gleichzeitig nach einem anderen. Trotz dieser persönlich schwierigen und Kräfte zehrenden Situation vernachlässigt er das Klavierspielen in keiner Weise, sondern flüchtet sich geradezu in die Musik. Während die anderen ihre ersten öffentlichen Auftritte vorbereiten, kämpft er mit den Leiden der unglücklichen Liebe und den schwierigsten Klavierstücken der Literatur. Wie Jugendliche so sind, müssen sie sich gleich an den "größten Brocken" messen, statt sich langsam vorzutasten.  Bjørnstad schildert die musikalische Entwicklung der jungen Pianisten mit sehr viel musikalischen - speziell pianistischem - Sachverstand und Einfühlungsvermögen für die Psyche junger Menschen. Wahrscheinlich brauchte er sich dabei nur genau an seine eigene Jugend zu erinnern. Dabei bestehen die Karrieren der jungen Musiker nicht nur aus Höhepunkten, sondern auch aus schweren Niederlagen. Ein hoch begabtes Mädchen verpatzt ihren ersten öffentlichen Auftritt - sie schafft lediglich nicht die selbst gesetzte Spitzenleistung - und beendet ihre Pianistenkarriere aus freiem Entschluss, bevor sie noch begonnen hat. Die geliebte Anja verschwindet immer mehr aus seinem Gesichtskreis, erleidet bei ihrem ersten großen Auftritt ebenfalls eine vernichtende Niederlage und erkrankt ernstlich. Am Ende des Buches zeichnet sich ihre tödliche Magersucht als Folge eines väterlichen Missbrauchs ab. Zwar klärt der Autor den Hintergrund der Tragödie nicht auf, doch der Selbstmord des Vaters auf Anzeige seiner eigenen Frau lässt darauf schließen, dass der eigene Vater das Mädchen durch sexuellen Missbrauch an sich gekettet hat, um sie anschließend für eine Pianistenkarriere gefügig zu machen. Wahrscheinlich spielt Bjørnstad hier auf einen realen Fall an, den er aus juristischen Gründen nicht weiter konkretisieren kann. Am Ende steht der junge Aksel ohne Freundin da, bekommt jedoch über einen Glücksfall eine Wohnung und eine erstklassige Lehrerin und kann sich auf eine Pianistenlaufbahn vorbereiten.

Ausgehend von der reinen Inhaltswiedergabe könnte man meinen, hier handle es sich um eine Allerweltsgeschichte um Liebe und Triebe im musikalischen Milieu, doch dieser Eindruck trügt. Der Autor zeichnet die seelische Situation und Entwicklung junger Menschen in einem kritischen Alter mit feiner Feder nach und vergisst dabei auch nicht die ältere Generation, die sich nicht immer von der besten Seite zeigt. Neben dem besessenen Vater spielt eine psychisch manipulierende Klavierpädagogen eine fragwürdige Rolle, und die Eltern der anderen jungen Musiker sind ebenfalls nicht ganz frei von Standesdünkel, vor allem dem jungen Mann aus einfachem Hause gegenüber. Neben diesem Entwicklungsroman spielt die Musik selbst eine große Rolle, und der Leser erfährt viele künstlerische Details über verschiedene Musikstücke. Aufgrund seines professionellen Hintergrunds bewegt sich der Autor dabei auf relativ hohem Niveau, so dass gewisse Vorkenntnisse auf diesem Gebiet für den Leser nicht nur nützlich sondern nahezu notwendig sind. Wer sich ernsthaft für klassische und romantische Klaviermusik interessiert, gewinnt hier einen guten Eindruck vom Wesen des Pianistentums.

Das Buch ist im Insel-Verlag unter der ISBN 3-458-17292-0 erschienen und kostet 22,90 Euro.

Frank Raudszus

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