| Philip Roth: "Jedermann - Everymann" |
| Ein fast heiterer Roman über das Ende aller Dinge | |
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Jedermanns Geschichte beginnt mit seiner Beerdigung, bei der nur die engsten Anverwandten, unter anderem ehemalige Ehefrauen, erscheinen. Nach dieser eher wehmütig-erstaunten statt traurigen Verabschiedung des Protagonisten lässt der Autor diesen sein Leben in Gedanken Revue passieren. Zeitpunkt dieser Selbstreflexionen sind die letzten Jahre vor dem unerwarteten Tod des mittlerweile über siebzig Jahre zählenden Pensionisten. Seine Jugend mit dem älteren Bruder und dem kleinen Goldschmiedebetrieb des Vaters zieht vorbei, die Lebenslust dieser Jahre und die kleinen Katastrophen des kindlichen Lebens. Seine enge Beziehung zum älteren Bruder zerbricht irgendwann, da dieser neben außergewöhnlichem beruflichen Erfolg auch noch mit einer prächtigen Gesundheit aufwarten kann und damit schließlich den Neid des zu kurz gekommenen jüngeren Bruders hervorruft. Drei Ehefrauen hat er verlassen, mal mit nachvollziehbaren Gründen, mal unter äußerst schäbigen Begleitumständen, wie es nur untreue Männer fertig bringen. An diesem Ehebruch und seinen Folgen leidet der alternde Junggeselle noch immer, erkennt er doch deutlich sein menschliches Versagen in einer Situation, die seinerseits von vordergründigen erotischen Attraktionen geprägt war. Die Tatsache, dass seine Tochter aus dieser Ehe dennoch weiterhin zu ihm hält und ihn vor dem endgültigen Versinken in die Einsamkeit des Alters bewahrt, lässt ihn seinen eigenen Fehltritt umso schärfer erkennen. Die Tatsache, dass die damals erotisch so aufregende Geliebte als spätere Ehefrau ihre praktische Unfähigkeit und ausgeprägten Egoismus bewies, wirkt bei dieser Erkenntnis noch verschärfend. "Jedermann" steht am Ende vor den Trümmern eines Lebens, obwohl er sich als guter Amerikaner immer wieder mit Optimismus voll pumpt. Dieser hält jedoch von Mal zu Mal kürzer an, und die Furcht vor dem Ende beginnt in ihm hoch zu kriechen. Er, der ein Leben lang voll Tatendrang, Neugier und Lebenslust war, verfolgt nun nahezu täglich die aufkommenden Zeichen des Alters, des Verfalls und des nahenden Endes. Als nie wirklich gläubiger Jude - christlichen "Jedermanns" geht es wohl nicht anders - kann er keinen Trost mehr aus einer jenseitigen Welt gewinnen. Als über sich selbst reflektierendes Wesen ist er sich seiner Identität und seines Seins bewusst und sieht das sichere Ende dieser Identität wie ein großes schwarzes Loch vor sich. Der Versuch, den Tod als ein Nichts ohne Schmerz und Reue zu begreifen, das den Toten nicht mehr treffen kann, hilft nur intellektuell, nicht emotionell. Das Wissen um das bevorstehende Ende des Ichs löst unmittelbare Angst in den tiefsten Schichten der Psyche aus, ist der Mensch doch - wie alle Lebewesen - vom Überlebenstrieb gesteuert. So findet er an immer weniger Dingen Freude, auf die er sich in Erwartung seines Ruhestandes gefreut hatte. Einige Jahre lang malt er, ein altes Hobby des Werbefachmanns, als der er mehrere Jahrzehnte lang seinen Lebensunterhalt verdiente, dann jedoch erscheint ihm diese Betätigung nur noch als sinnlos und ohne jegliche Zukunft. Der Versuch, Malkurse zu geben, erweist sich vordergründig durchaus als Erfolg, da seine Schüler an seinen Lippen hängen und sein Lob suchen. Doch auch diese sind - wie er - ältere Menschen, die mit Ruhestand oder Einsamkeit nicht fertig werden und eine sinnvolle Betätigung suchen. Dieser Gleichklang der Alterssymptome weckt in ihm ein tiefes Gefühl der Sinnlosigkeit, das schließlich darin mündet, dass er nur noch lange Spaziergänge unternimmt und in Gedanken sein gesamtes Leben Revue passieren lässt. Als er irgendwann einmal bissig bemerkt, dass alte Leute sich nur noch über ihre Jugend unterhalten könnten, kommt ihm spontan die Erkenntnis, dass eben gerade dies vielleicht die Definition des Alters sei. In seiner selbst gewählten - und verschuldeten - Einsamkeit schaut er jeder jungen Frau sehnsüchtig nach, nicht ohne seine wahren Gefühle hinter der weisen Miene des Alters zu verstecken, muss aber erkennen, dass diese Lebensphase ein für alle Mal vorbei ist. Die zunehmenden Krankheits- und Todesfälle im Verwandten- und Bekanntenkreis bringen ihm die Nähe des Todes immer deutlicher vor Augen, und die Sprachlosigkeit angesichts des bevorstehenden Endes eines Krebskranken nagt mehr an ihm als dessen Krankheit. Er selbst hat schon einige schwierige Herz- und Gefäßoperationen hinter sich und muss auf seine Gesundheit achten; dennoch bezieht er den Tod lange nicht auf sich, als sei er immer noch um die vierzig und Art Director in einer Werbe Agentur, wo man den Tod nur als statistische Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang mit Flugzeug- oder Autounfällen kennt. Die Erfahrungen des Alters verdichten sich schließlich in der Erkenntnis: "Das Alter ist kein Kampf. Es ist ein Massaker!" Dieser Satz zeigt am deutlichsten, wie stark der nicht mehr im Glauben verankerte Mensch am Leben an sich hängt und wie sehr er das "Danach" fürchtet, obwohl oder weil er weiß, dass er dieses "Danach" nicht mehr spürt. Doch Roth weiß auch, dass der verlorene Glaube in seiner zur Überwindung der Todesangst erforderlichen Naivität nicht wieder herzustellen ist. Die einmal verlorene Unschuld ist für immer verloren, und der Mensch muss mit dem gähnenden Abgrund vor seinen Augen leben. Am Schluss lässt Roth seinen Helden dann doch noch heiter sterben, da er voll Zutrauen zu den Ärzten in die Routine-Operation geht und nicht mehr aus der Narkose erwacht. Nach Jahren der wachsenden Todesangst stirbt "Jedermann" mit einem zuversichtlichen Lächeln auf dem Gesicht. Philip Roth ist mit diesem Buch ein großartiges Portrait des menschlichen Alterns gelungen. Gerade die Nüchternheit, ja fast Kargheit seiner Schilderungen und der Verzicht auf vordergründige Emotionalisierung oder gar Pathos vermitteln diesen geradezu monolithischen Eindruck des zu Ende gehenden Lebens, das sich aus kreatürlichen Quellen gegen dieses Ende wehrt, wenn auch vergebens. Junge Leser mögen diesem Buch nicht viel abgewinnen können, ältere jenseits der sechzig jedoch werden viele Empfindungen schmerzlich nachvollziehen können und die Wahrhaftigkeit dieses Buches erfassen. Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-20803-8 erschienen und kostet 17,90 Euro. Frank Raudszus |