| Domenico Starnone: "Das Rasiermesser" |
| Selbstreferenzieller Roman über Innen- und Außensicht eines Schriftstellers | |
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Weitere Bücher dieses Autors:
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Die Literatur treibt immer wieder selbstreferenzielle Blüte der Art, dass sich Schriftsteller in ihren Büchern Gedanken über ihre eigene Profession machen, ihre Erkenntnisse und Zweifel in den Gang der Handlung einfließen lassen und mit der fiktionalen Darstellung des um sein Selbstverständnis kämpfenden Schreibers schließlich auch sich selbst zum Gegenstand des Romans machen. In Michael Krügers "Turiner Komödie" fand dieser Prozess in eher resignierender und leicht misanthropischer Form an Hand eines Nachlasses statt, hier spielt der Autor das Thema am "lebenden Objekt" durch. Der Ich-Erzähler ist Anfang sechzig und erfolgreicher Schriftsteller - mehr oder minder die Situation des Autors. Seine Frau ist Wissenschaftlerin und ihm in einer harmonischen Gewöhnungsehe verbunden, die erwachsenen Kinder sind aus dem Hause. In dieser herbstlichen Lebenssituation brechen verschiedene verstörende Eindrücke über den Protagonist herein. Ein unbekannter, junger Schriftsteller drängt ihm nach einer Lesung in sehr selbstbewusster Manier sein Manuskript auf, das er erst verzögert liest und dann wohl eher aus Verärgerung über die Aufdringlichkeit der Jugend mit einem wohlwollend umwölkten Verriss zurückschickt. Gleichzeitig weckt eine attraktive Schriftsteller-Kollegin sein erotisches Interesse, das er sich anfangs als rein fachliches schön redet. Während sich diese Bekanntschaft langsam aber stetig zu einer anfangs noch beiderseits zurückhaltend schwelenden Beziehung entwickelt, erfährt der in seinen sauberen Rahmen von eigenen und Auftragsarbeiten gefasste Ich-Erzähler, dass der junge Schriftsteller mit seinem Buch nicht nur einen durchschlagenden Erfolg erzielt, sondern sich auch auf ihn als Vorbild beruft und ihn zitiert. Als er sich im - literarischen - Bekanntenkreis mit dieser Tatsache konfrontiert und zu einer Stellungnahme genötigt sieht, fühlt er sich in die Enge getrieben. Von nun an läuft die Handlung auf mehreren Ebenen parallel: auf der einen Seite muss er sich der wachsenden Bedeutung dieses jungen Konkurrenten erwehren und sich ihr stellen, auf der anderen Seite ermöglicht ihm ein längerer Auslandsaufenthalt seiner Frau, die lose Beziehung zu der Kollegin in eine heiße Affäre umschlagen zu lassen. Beide Handlungsstränge verweisen auf die sich neigende Lebensbahn des Protagonisten. Der junge Konkurrent stellt in seiner Maßlosigkeit und seinem geradezu stoischen Selbstbewusstsein und Vorwärtsdrängen das "Alter Ego" der Hauptperson, die Projektion seiner eigenen Jugend dar. Ja, die ihm durch den jungen Nebenbuhler drohende Verdrängung in die literarische Zweitrangigkeit lässt diesen sogar geradezu zu einem Symbol für den nicht mehr allzu fernen Tod werden. Die eigenartig jenseitige und geradezu kalt wirkende Zielstrebigkeit des jungen Mannes verstärken diese metaphorische Wirkung noch. Die andere Schlacht gegen Alter und Tod findet im außerehelichen Bett statt. Nadia, die heiß begehrte Kollegin, wird zu einem Sinnbild des prallen Lebens, das es noch einmal zu genießen gilt, dessen Entgleiten aber nicht zu verhindern ist. So macht denn die Affäre auch von vornherein einen gewissermaßen verzweifelten Eindruck, als ob sich der Protagonist angesichts des Todesengels in Gestalt des jungen Schriftstellers noch einmal das Leben zurückholen wollte. In dieser Situation beginnt der Protagonist - sozusagen als Selbsttherapie - mit dem Aufschreiben seiner Jugenderinnerungen, um sich seiner eigenen Identität bewusst zu werden und sich seine eigene Existenz zu beweisen. Dabei spielt ein kindlicher Betrug mit selbst gemalten Fußballerbildchen eine zentrale Rolle, hat doch damals schon die Fiktion die Oberhand über die Realität gewonnen. Ausgehend von dieser kindlichen Vermischung von Phantasie und Wirklichkeit lässt er sein gesamtes Leben und die ihn begleitenden Personen Revue passieren. Dabei transportiert der Autor - nicht der Schriftsteller im Roman - die Handlung in eine neue Ebene, die einem Vexierspiel aus Erinnertem, Vorgestelltem und Erlebtem gleicht. Während die alten Eltern des Protagonisten während der Abwesenheit dessen Frau bei ihm einziehen, erscheint diesem gleichzeitig seine Mutter, die offensichtlich schon lange gestorben ist, in allen Lebenslagen und -altern. Nicht nur also werden die erinnerten Menschen wieder zu "real fiktiven" Figuren, sondern auch die im Handlungsstrom scheinbar realen Personen gewinnen einen fiktiven Charakter. So erscheinen die beiden alten Eltern auch seltsam schemenhaft wie Wiedergänger aus dem Jenseits, von wo sie - der Vater vor allem - Lebensvorwürfe an den Sohn senden. Während des Schreibens der Biographie gewinnen die Personen für den Schreibenden eine nahezu greifbare Realität und vermischen sich mit der oft nur fiktiv empfundenen Alltagswelt. Wirklichkeit und Phantasie gehen eine zunehmend ununterscheidbare Verbindung ein, die sich selbst im Kopf des Schriftstellers nicht mehr klar trennen lässt. Zwischendurch blitzen kurze Momente reiner Alltagsrealität durch, die aber nur die Aufgabe haben, sowohl dem Protagonisten des Romans als auch dem Autor des Buches und dem Leser archimedische Fixpunkte der Orientierung an die Hand zu geben. Diese Orientierung dient aber nur der Fortschreibung des äußeren Handlungsrahmens, der sich zum Ende hin als immer unwesentlicher entpuppt. So bleibt zum Schluss auch alles in der Schwebe - die Affäre versandet, der junge Schriftsteller nötigt den Protagonisten zu einem peinlichen Eingeständnis, die mittlerweile nicht nur räumlich deutlich distanzierte Ehefrau kehrt zurück - und die Dinge finden gerade nicht zu einem wie auch immer gearteten Abschluss. Das Leben kennt keine Choreographie sondern bewegt sich zwischen Erinnerungen, Wünschen und Vorstellungen. Die sogenannte Realität nimmt mit zunehmendem Alter eine immer zweifelhaftere Gestalt an. Die letzten Worte wirken denn auch wie trotzige Selbstbehauptung und -versicherung, wenn die Eheleute sich gegenseitig eingestehen: "Mich gibt es." - "Mich auch". Domenico Starnone hat mit diesem Roman eine Selbstanalyse des Schriftstellers abgeliefert, die nicht nut tief geht sondern auch von Ehrlichkeit geprägt ist. Was davon autobiographisch ist, sei dahin gestellt, es zeigt jedoch eine tiefe Einsicht nicht nur in die schriftstellerische sondern in die menschliche Natur, wie sie ein Schriftsteller sieht. Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-506-8 erschienen und kostet 19,90 Euro. Frank Raudszus |