Martín Caparrós: "Valfierno"

                                                                    
Ein fast heiterer Roman über das Ende aller Dinge
 

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Im August 1911 geschah etwas Unerhörtes. Die "Mona Lisa", auch "La Gioconda" genannt, wurde aus dem Pariser Louvre entwendet. Einfach so! Erst Jahre später erschien der italienische Schreiner Vincenzo Perugia bei den Behörden seines Heimatlandes und gab das Werk an sein Land zurück, dem es seiner Ansicht nach gehörte. Dass Leonardo das Gemälde damals offiziell nach Frankreich an König Franz I. verkauft hatte, konnte er nicht wissen. Eben deshalb hängt das Werk jetzt, durch elektronische und andere Maßnahme absolut sicher (?) gegen einen weiteren Diebstahl geschützt, wieder im Louvre....

Der Argentinier Martín Caparrós baut um diese beinahe banale Geschichte eines unglaublichen Diebstahls einen Roman über Schein und Sein, Original und Wirklichkeit. Im Mittelpunkt steht ein Argentinier, der allein bei seiner Mutter aufwächst, die in den goldenen Zeiten der argentinischen Rinderbarone als Dienstmagd bei "Herrschaften" dient. Der Junge wächst ohne Vater und eigene Identität auf, da er zwar mit den Kindern des Hauses spielen darf, aber kein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln kann. Über seinen Vater erfährt er ständig wechselnde Geschichten der Mutter, je nachdem, wie diese aufgelegt ist, und als er zur Bestätigung seiner eigenen Existenz - sprich Bedeutung - ein Kollier entwendet, ist es aus mit dem Leben bei "Herrschaftens", und seine Mutter muss sich mit ihm anderweitig durchs Leben schlagen. Sein weiterer Lebensweg führt ihn weg von einem trinkenden Stiefvater in eine Klosterschule mit pädophilen Mönchen, schließlich in eine linke Protestgruppe und damit direkt ins Gefängnis wegen Aufruhrs. Schließlich waren damals Proteste gegen 18stündige Arbeitstage bei einem Hungerlohn staatsfeindliche Akte.

Nach der Zeit im Gefängnis beginnen seine Selbstinszenierungen, erst nur in Gedanken, später in der Realität. Er beginnt, sich aufregende Lebensläufe auszudenken, so als Seemann auf verschiedenen Schiffen und in chinesischen Opiumhöllen. Nachdem er schon als Kind und Jugendlicher verschiedene Namen getragen hat, beginnt er, sich Identitäten wie Kleider zuzulegen. Diese Geschichten erzählt er auch dem Journalisten, der ihn interviewt. Langsam schält sich die Rahmenhandlung heraus, in der eben dieser Journalist nicht nur ihn, sondern auch andere Zeitgenossen befragt, die mit dem Diebstahl zu tun hatten. Die Interviews werden mitten zwischen die objektive Darstellung der Abläufe - "objektiv" bedeutet hier die Erzählform in der dritten Person - gestreut und etablieren sozusagen "subkutan" die Rahmenhandlung. Erst am Schluss des Buches klärt sich die Bedeutung des Journalisten und der Interviews auf und erweist sich als Teil der Handlung.

In der Person des Marquès de Valfierno wiederholt sich in gewisser Weise die Geschichte der Malerei und speziell der "Mona Lisa". Valfierno ist selbst ein Kunstprodukt - Name und gesellschaftliche Stellung sind seine eigenen Erfindungen - und er inszeniert sich selbst auch wie ein solches. Zeit seines Lebens ein Wesen ohne klare Identität und mit Niederlagen gesegnet - die Aussicht auf das Erbe eines kleinen Ladens, in dem er jahrelang gearbeitet hat, schwindet wegen des fehlenden Testaments - beginnt er, sich zielgerichtet einen artifiziellen Lebenslauf als argentinischer Adliger zu schaffen. Zusammen mit einem genialen Bilder-Kopisten beginnt er unter seinem Pseudonym, in Argentinien Fälschungen als angebliche Originale aus dem Nachlass eines reichen Verwandten zu verkaufen, bis ihm ein raffgieriger Kunstkenner auf die Schliche kommt. Hals über Kopf flieht er mit seinem Komplizen - ein Franzose - nach Paris, wo die beiden bald wieder in das alte Metier einsteigen. Und so reift langsam, von zufälligen Bekanntschaften angeheizt - cherchez les femmes! -, die große, verrückte Idee.

Da dieses Buch jedoch ein wenig von einem Kriminalroman an sich hat, wollen wir die Einzelheiten und den Hintergrund der spektakulären Aktion nicht verraten, sondern interessierten Lesern lieber die Lektüre dieses Buches empfehlen. Es ist spannend und unterhaltsam geschrieben und bietet doch mehr als nur die fiktive Aufarbeitung eines bekannten Kriminalfalles. Wie Caparrós das Thema menschlicher Identität und Selbstvergewisserung in die Geschichte um den Diebstahl der "Mona Lisa" integriert und wie er Parallelen zu Kunst und Kopie herausarbeitet, ist nicht nur amüsant zu lesen, sondern enthält auch viele überraschende Einsichten über den Zusammenhang von Kunst und Leben.

Das Buch ist im Eichborn-Verlag unter der ISBN 3-8218-5776-5 erschienen und kostet 19,90 Euro.

Frank Raudszus

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