Thomas Glavinic: "Die Arbeit der Nacht"

                                                                    
Der andere Robinson Crusoe
 

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Daniel Defoes Roman "Robinson Crusoe" aus dem 18. Jahrhundert schildert das Leben eines Schiffbrüchigen auf einer einsamen Insel, der dort - anfangs ohne jeden Kontakt zu irgendwelchen menschlichen Lebewesen - aus dem Nichts Stück für Stück so etwas wie eine "Einmann-Zivilisation" aufbaut und schließlich seine Kenntnisse und Erfahrungen an einen naiven, unverbildeten Wilden weitergibt. Das Buch strotzt sozusagen vor aufklärerischem Optimismus und setzt die Kraft des vernünftigen Individuums über alle irrationalen Aspekte. Der Österreicher Thomas Glavinic, Jahrgang 1972, greift das Thema des in einer gleichgültigen Umwelt auf sich allein gestellten Einzelnen erneut auf und spielt es auf eine wesentlich pessimistischere, sprich österreichische Weise durch. 

Jonas, 35, wacht eines Morgens auf und vermisst seine Freundin. Auf dem Weg zur Arbeit stellt er schnell fest, dass die Menschen aus Wien verschwunden sind. Kein Bus, kein Auto, kein Zug fährt. Alles ist still, sogar die Vögel, Hunde und Katzen sind verschwunden. Nur die technische Infrastruktur der Stadt, sprich die Elektrizität, scheint weiter zu funktionieren. Nach der Logik dieses Verschwindens darf man nicht fragen: trotz des vollständigen Fehlens von Lebewesen sind weder Autounfälle noch Zugunglücke oder Flugzeugabstürze zu verzeichnen. Jonas registriert die Tatsache eher verwundert und interessiert als entsetzt. Mit dem Auto und zu Fuß durchstreift er die Stadt und sucht vergeblich nach Lebenszeichen. Notgedrungen versieht er sich in verschiedenen Läden und Restaurants gewaltsam mit den zum Leben notwendigen Dingen und begeht geradezu lustvoll eine ganze Reihe von Gesetzesübertretungen und Diebstählen, die jetzt aber ihre juristische Bedeutung verloren haben. Schon nach wenigen Tagen quält ihn die Frage nach dem Wesen der Realität, die schon Descartes und andere Philosophen umgetrieben hat. Da alles Wissen von der Welt durch menschliche Anschauung vermittelt ist, gibt es keinen Beweis für die Existenz der Welt ohne die Betrachtung durch den Menschen - oder das Tier. Wenn also alle Lebewesen verschwunden ist, stellt sich die Frage, ob überhaupt irgendetwas außerhalb des Gesichtskreises des letzten Menschen - nämlich Jonas - existiert. Die bisher als trivial eingestufte Annahme, dass der Eiffelturm auch ohne meine Anwesenheit dort existiert, gewinnt in Anbetracht des Fehlens weiterer Zeugen eine völlig neue Qualität. Um sich der Existenz der Welt außerhalb seiner Anschauung zu versichern und auch, um die eventuelle Anwesenheit weiterer Menschen zu entdecken, installiert Jonas an verschiedenen Stellen Wiens Videokameras und sammelt in täglichen Rundfahrten durch die Stadt die bespielten Kassetten ein, um sie sich anzusehen und sich so der Existenz der äußeren Welt zu versichern. Da während seines nächtlichen Schlafes zumindest zeitweise auch der letzte Überlebende aus dem bewussten Leben ausscheidet, filmt er sogar sich beim Schlaf, um sich seiner eigenen Existenz sicher zu sein. Dabei entdeckt er zu seinem Schrecken auf den Bändern immer wieder kleine Ungereimtheiten oder scheinbar unbedeutende Aktivitäten des "Schläfers", an die er sich nicht erinnern kann und die auf einen unerklärlichen äußeren Einfluss hindeuten. 

In seiner Ohnmacht sucht er Trost in seiner eigenen Vergangenheit. Er sucht alte Wohnungen auf, bis hin zu der, in der er als kleiner Junge mit seinen Eltern gelebt hat. In einem wahren Kraftakt und mit Hilfe verschiedener Transportmittel befreit er diese "Ursprungswohnung" von allen Zeichen späterer Bewohner und baut dort wieder die Möbel seiner Eltern und seine eigenen auf. Damit richtet er sich eine eigene, durchgängige Identität in einer identitätslosen Welt ein. Doch diese Aktivitäten bleiben Selbstzweck und verharren in diesem, ebenso wie seine Reise durch Österreich, die anfangs der Suche nach weiteren Überlebenden dient. Doch bald schlägt die Motivation in die Suche nach der eigenen Identität um: er besucht die Orte seiner früheren Anwesenheit, zum Beispiel Urlaubsorte, findet sogar ein Moped, wie er es als Halbwüchsiger gefahren hat, und fährt damit durch halb Österreich. Dabei folgt er überall dem Prinzip, Videokameras aufzustellen und sich der fortdauernden Existenz dieser Orte nach seiner Abreise zu versichern. Doch all diese Aktivitäten - Reisen, Wohnungswechsel und -einrichtung, Einfrieren der Vergangenheit per Ton und Bild - können keinen Sinn vermitteln und dienen damit - natürlich - als Metapher für unser aller Alltagsleben.

Alle Aktivitäten durchdringt immer wieder der Gedanke an Marie, seine Freundin, mit der ihn eine enge Beziehung verband und deren spärliche Utensilien ihn jeden Tag an sie erinnern. Da sie aus einer nordenglischen Familie stammt, beschließt er, sich ihre Identität aus ihrem Elternhaus zu holen und sie mit seiner zu vereinigen. Schließlich reist er mit einem zum Wohnwagen umgebauten Lastwagen bis zum Kanaltunnel und durchquert diesen per Moped und zu Fuß. Im ebenfalls menschenleeren England fährt er mit wechselnden fahrbaren Untersätzen weiter nach Norden, nur um festzustellen, dass er nach jeder Schlafpause einige Dutzend oder hundert Kilometer weiter südlich wieder aufwacht. Im Schlaf scheint eine Transformation stattzufinden, die ähnliche Auswirkungen auf ihn hat wie auf die verschwundene Menschheit, nur, dass bei ihm die räumliche Verschiebung begrenzt ist. Also hält er sich mit Medikamenten wach, erreicht das Haus seiner Freundin, nimmt alle ihre persönlichen Gegenstände an sich und reist auf demselben Weg zurück nach Wien, nicht ohne unterwegs die Videokameras und - kassetten einzusammeln. Anschließend begutachtet er in einer multiplen Videoschau all die ereignislosen Videos von menschenleeren Raststätten, Innenstädten oder Landschaften und erkennt, dass die Welt gleichgültig gegen sich und ihn auch ohne sein Zutun und das anderer Menschen fortbesteht, als reine Existenz ohne jedes Ziel. Nicht nur seine geschaute Welt ist real, sondern auch der überwiegende, nicht von ihm erfasste Rest. Sein Leben verflüchtigt sich damit zur Marginalie. Mit den persönlichen Dingen seiner Freundin besteigt er schließlich den Stefansdom und lässt sich von der Aussichtsplattform fallen. Die letzten Seiten fassen seine Gedanken noch einmal im Zeitraffer auf dem Sturz nach unten zusammen, der sich endlos zu dehnen scheint. Die Welt hat für ihn jeden Sinn verloren und sein einziges Ziel liegt darin, sich im Tod mit Marie zu vereinigen, wohin auch immer sie verschwunden sein mag.

Thomas Glavinics Robinson alias Jonas baut in seiner menschenleeren Welt keine neue Zivilisation auf, vielmehr betrachtet er die vorhandene mit skeptischer Distanz. Er ist sozusagen ein invertierter Robinson Crusoe. Nicht eine von Menschen erfüllte Welt hat ihn durch ein unvorhersehbares Schicksal in eine einsame, unzivilisierte Umgebung geworfen, sondern die Menschen haben diese Welt verlassen - warum auch immer - und ihn vergessen. Er konstruiert keine Welt neu sondern dekonstruiert und dokumentiert die vorhandene. Doch diese Dokumentation findet außer ihm, ihrem Verfasser, keine Abnehmer, und verfehlt damit ihren eigentlichen Zweck, wie auch er seinen Lebenszweck, die Kommunikation mit seinesgleichen, nicht mehr erfüllen kann. Also beendet er konsequent dieses Leben, das seinen einzigen Zweck verloren hat.
Glavinics Roman ist von einem fast schwermütigen Pessimismus durchzogen, wie er viele österreichische Autoren - Roth, Bernhard und andere - auszeichnet. Über diese Schwermut kan auch sein trockener und über Strecken fast humorvoller Tonfall nicht hinwegtäuschen. Letztlich erweist sich der lakonische Ton als Sarkasmus oder bestenfalls als Galgenhumor. Fast möchte man am Ende des Buches das Zitat "Der Rest ist Schweigen" hinzufügen.

Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-20762-2 erschienen und kostet 22,80 Euro.

Frank Raudszus

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