Joachim Fest: "Ich nicht"

                                                                    
Eine autobiographische Verbeugung vor einem mutigen Vater
 

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Autobiographien gehören üblicherweise zu jedem Prominentenleben und haben sich wegen ihrer weit verbreiteten Tendenz zur Selbstinszenierung einen fragwürdigen Ruf erworben. Gerade in letzter Zeit hat diese Nabelschau im Verbindung mit dem scheinbar arglosen Eingeständnis geringfügiger Flecken auf der ach so weißen Weste aktuelle Bedeutung gewonnen. In diesem trüben Meer von Selbstbespiegelungen und halbherzigen Selbstbezichtigungen tut es geradezu gut, einen schnörkellosen Lebensbericht zu lesen, dessen Autor von Menschen und Zeitgeschichte berichtet, ohne sich dabei mehr als notwendig in den Mittelpunkt zu rücken. Joachim Fest, anerkannter Historiker und langjähriger Herausgeber der F.A.Z., hat in diesem Buch seine Jugend Revue passieren lassen. Er beginnt mit den ersten Erinnerungen an die Vorschulkindheit Anfang der dreißiger Jahre und endet mit der Aufnahme des Jurastudiums und der beginnenden "Normalität" zu Beginn der Fünfziger.

Joachim Fest geht es in diesem Buch offensichtlich in erster Linie darum, die Jahre seiner Kindheit und Jugend der drohenden Vergessenheit zu entreißen, die mit dem Tod der älteren und gleichaltrigen Zeitgenossen unvermeidlich einsetzt. Vor allem jedoch hat es ihn bei der Niederschrift dieses Buches offensichtlich gedrängt, seinen Eltern, und hier besonders seinem Vater, ein Denkmal zu setzen, da dieser sich noch angesichts des Todes lange nach dem Kriege aus einer typisch preußischen Bescheidenheit heraus weigerte, seine Rolle vor und während des Krieges angemessen darzustellen. Zu sehr hatte der Vater offensichtlich darunter gelitten, dass nach dem Krieg die Zahl der ehemaligen Widerstandskämpfer rapide zunahm und dass er die Wahrheit über diese Zeitgenossen kannte. 

Fest schildert sein Berliner Elternhaus als preußisch-konservativ und geht dabei auch eingehend auf die Großeltern der mütterlichen und väterlichen Linie ein, die ihm als kerzengerade und integre Persönlichkeiten in Erinnerung geblieben sind. Sein Vater war Direktor einer Volksschule und machte schon vor 1933 kein Hehl aus seiner tief sitzenden Abneigung gegen die in seinen Augen damals "nur" barbarischen Nationalsozialisten. Bereits 1933 wurde er wegen politischer Unzuverlässigkeit vom aktiven Dienst suspendiert und einige Zeit später auch offiziell entlassen. Seit dieser Zeit musste die siebenköpfige Familie mit dem Nötigsten auskommen und die Mutter ihren gesamten Erfindungsreichtum aufbringen, um die Familie durch die unruhigen Zeiten zu bringen. Obwohl ihm Freunde - und auch seine Frau - mehrere Male rieten, zumindest zum Schein in die NSDAP einzutreten, um seine Familie einigermaßen abzusichern, blieb Fest senior seinen Prinzipien treu und beeinflusste auch seine noch jungen Söhne in dieser Richtung. Joachim war bei Hitlers Machtübernahme sechs Jahre, sein älterer Bruder Wolfgang zwei Jahre älter. Mit ihm verband Joachim eine fast zwillingshafte Beziehung, die einerseits auf dem geringen Altersunterschied und andererseits auf der Vorbildfunktion des älteren Bruders beruhte, der sich schon früh durch Selbstbewusstsein und Einsicht in die herrschenden Bedingungen auszeichnete. Dieser Blick nach oben zum großen Bruder ging ein wenig auf Kosten der Beziehung zu den jüngeren Geschwistern, einem weiteren Bruder und zwei Schwestern. Fest schildert seinen Bruder, seinen Vater und sich als ein Dreigespann, das gemeinsam die schwierige Nazizeit durchzustehen hatte, wobei der Vater beide älteren Söhne schon früh in die gesellschaftliche Verantwortung nahm, indem er ihnen gegenüber seine Meinung über das Hitler-Regime unzweideutig zum Ausdruck brachte. Dabei ging er das Risiko eines unvorsichtigen Kindermundes vor allem bei dem noch sehr jungen Joachim bewusst ein. Die Erziehung zum inneren Widerstand erschien dem Vater offensichtlich wichtiger als das nackte Überleben.

Joachim Fest schildert die zwölf gefährlichen Jahre in unspektakulärer chronologischer Folge, wobei er kaum ein Detail seiner Erziehung auslässt, so Auseinandersetzungen mit konservativen Lehrern oder die literarischen und musikalischen Einflüsse des Vaters, der auf eine angemessen geisteswissenschaftliche Bildung hohen Wert legte. Die kulturelle Charakterformung durch den Vater rückt Fest dabei eher unauffällig in den Vordergrund, ohne jegliches Bildungspathos, so dass der Bücherkanon bisweilen zur bloßen Aufzählung mutiert. Nur mit knappen Sätzen geht er auf die Wirkung einzelner Werke der Weltliteratur ein, wenn sie ihm für die eigene Entwicklung wichtig zu sein scheinen. Nie jedoch richtet er dabei den Blick über Gebühr auf sich, sondern sieht sich lediglich als Chronisten des Zeit- und Familiengeschehens. Diese persönliche Zurücknahme hält er auch bei der größten familiären Katastrophe durch, dem Tod des älteren Bruders im letzten Kriegsjahres. Nur aus den vorangegangenen Beschreibungen der engen Beziehung der beiden Brüder lässt sich ermessen, wie der zu diesem Zeitpunkt selbst als Achtzehnjähriger im Abwehrkampf an der Westfront stehende Joachim unter dem Tod des Bruders gelitten haben muss. Er jedoch zieht es vor, den nie endenden Schmerz der Mutter an kleinen Beispielen aufzuzeigen, anstatt seine eigene Trauer pathetisch auszubreiten. In diesem Sinne ist - oder war - Fest ein typischer Preuße in bestem Sinne: bescheiden und zurückhaltend, doch von bestechender Bildung und hohem Verantwortungsbewusstsein.

Man darf dieses Buch nicht von den Ereignissen her lesen, die sich eher in einzelne Eindrücke verlaufen und oft unter fehlender Erinnerung leiden. Freunde, die er kennen und schätzen lernt und in den Kriegswirren auf tragische Weise verliert, skizziert er mit sicherer Hand und vermerkt ihr Ende mit kontrollierter Trauer, die man zwischen den Zeilen lesen muss. Die Tatsachen und die Menschen sprechen in dieser Biographie für sich, der Autor muss sie nicht pathetisch überhöhen.

Man sollte in diesem Buch auch keine Aufarbeitung des Dritten Reiches sehen. Das hat Fest ausreichend und tief schürfend in seinen Biographien über Hitler und Speer getan. Dieses ist ein persönlicher Bericht über seine und seiner Familie schwersten Jahre und eine Hommage an Mutter und Vater. Von dieser im besten Sinne schlichten Autobiographie könnten so manche - auch literarische - Zeitgenossen viel lernen.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-498-05305-1 erschienen und kostet 19,90 Euro.

Frank Raudszus

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