| Dietmar Dath: "Dirac" |
| Die Entdeckung der Transzendenz | |
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Ähnlich Mulisch stellt Dath eine Gruppe von Mittdreißigern in den Mittelpunkt seines Romans, die seit ihrer Gymnasialzeit in den 80er Jahren immer noch in enger und ausschließlicher Tuchfühlung leben und weitere Außenkontakte auf die notwendigen beruflichen Anlässe begrenzen. Daraus lässt sich bereits eine gewisse Rückwärtsgewandheit erkennen, die allerdings nicht nur den Personen des Romans eigen zu sein scheint. Alle waren sie während ihrer Schülerzeit glühende Anhänger des Stalinismus, Maoismus und ähnlicher Ismen, soweit sie streng links waren. Doch im Gegensatz zu anderen Vertretern dieser Generation haben sie diese Grundhaltung seitdem nicht geändert, sondern pflegen sie mehr oder minder auch nach zwanzig Jahren noch. Da ist Paul, der sich schon als Fünfzehnjähriger durch Abgeklärtheit und selbstbewusstes Auftreten gegenüber den Lehrern die Bewunderung der Mädchen und den stillen Neid der Klassenkameraden zuzog. Zwar hatte er schon damals die frechsten linken Sprüche drauf, aber diese schienen immer mehr ein Mittel zur Selbstvergewisserung denn ein Spiegel tiefer innerer Überzeugung zu sein. Er ist heute Software-Experte und lebt - wie schon damals - sein eigenes Leben, wobei er sich als selbständiger Berater an der Universität mit verschiedenen Projekten durchs Leben schlägt. Nichts Festes also. Johanna war damals kurzfristig seine Freundin, gab ihm jedoch nach kurzer Zeit den Laufpass. Langsam schält sich aus ihrem Verhalten die Erkenntnis heraus, dass sie ihm immer verfallen war, doch als überzeugte linke Feministin sich nicht einfach einem Mann unterordnen wollte. Sie fristet heute als freischaffende Künstlerin ein mehr oder minder kärgliches Leben und lässt sich immer noch von ihrem mittlerweile alten und dem Alkohol verfallenen Vater unterstützen. Christoph betreibt als Psychiater eine eigene Praxis und hat damit als einziger eine gewisse bürgerliche Stetigkeit erreicht. Er nimmt sich das Leben, als er an einer unheilbaren Muskelkrankheit erkrankt. Die Symbolträchtigkeit der Tatsache, dass der einzige "Bürgerliche" an einer lähmenden Krankheit zugrunde geht, ist nicht zu übersehen. David schließlich, dessen Vorname nicht zufällig mit Dietmar alliteriert, ist der Denker und Schreiber der Gruppe, der jedoch gerne immer wie Paul gewesen wäre. Er hängt in gewissem Sinne immer noch an den Mädchen seiner Jugendzeit und hat seitdem offensichtlich keine prägenden Frauenbekanntschaften gemacht. Er verbalisiert als Einziger die linke Phase der Schülerzeit, steht ungebrochen zu seiner damaligen Weltsicht und trauert dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus von 1989 ff. nach, der für ihn nicht aus einer inneren Notwendigkeit der Strukturen erfolgte, sondern eher wie ein externes Unglück über sie hereinbrach. Im Zweifelsfall war der Kapitalismus schuld. Neben gelegentlichen journalistischen Tätigkeiten beschäftigt er sich intensiv mit einem Buch über den Mathematiker Paul Dirac (man beachte die Kongruenz der Vornamen!), der sich in der Welt der Physik und Mathematik in den dreißiger und vierziger Jahren einen Namen als stilles Genie erworben hatte. Dath verknüpft den Alltag der kleinen Gruppe mit dem Leben Diracs, das den Leser immer wieder um etwa siebzig Jahre in die Vergangenheit führt. Dirac wollte die mathematische Weltformel finden, die alle widersprüchlichen Theorien von Einsteins Relativitätstheorie bis zu Heisenbergs Quantenmechanik auf einen Nenner bringt. Doch sein Interesse galt nicht den physikalischen Phänomenen sondern den dahinter stehenden mathematischen Gesetzmäßigkeiten, da er an das hinter allem stehende gültige Gesetz glaubte. David - und mit ihm Dath? - sieht in Dirac ein intellektuelles Vorbild, da auch er an ein logisches Weltgesetz glaubt, das bei ihm Sozialismus in der reinen Form lautet. Er sieht in Dirac einen Bruder im Geiste, nicht zuletzt wegen dessen weltlicher Askese, die nicht einer religiösen Überzeugung entsprang sondern allein seinem rein geistigen Interesse geschuldet war. Der Leser gewinnt dadurch einen Einblick in das Leben und Denken dieses Ausnahmewissenschaftlers, und diese Passagen sind denn auch die stärksten des Buches. Hier beschäftigt sich der Autor intensiv mit einem externen Objekt bzw. Subjekt ohne jegliche Nabelschau oder politischen Weltschmerz. Dabei hat sich Dath intensiv mit mathematischen und physikalischen Problemen beschäftigt und zeigt in seinen Ausführungen auch durchaus einige Kompetenz, soweit man sie bei dem Anspruch dieser wissenschaftlichen Ebene als "Dilettant" erwerben kann. Auch versucht er dabei in keiner Weise, Dirac für irgendeine Weltanschauung in Schutzhaft zu nehmen, sondern schildert ihn auch als politischen Menschen durchaus kritisch und objektiv. Bei der Beschreibung des menschlichen Alltag im frühen 21. Jahrhundert zeigt Dath jedoch eine erstaunliche Starrheit, die man euphemisch auch Nostalgie nennen könnte. Seine Protagonisten lösen sich eigentlich nie aus ihrer Schülerzeit; David ist immer noch der rebellierende Linksaktivist ohne eigene Lebensperspektiven, Paul hangelt sich von Auftrag zu Auftrag durchs Leben und Johanna wartet in ihrer winzigen Wohnung vergeblich auf den großen Durchbruch. Die Gespräche zwischen Paul und David drehen sich vornehmlich um den untergegangenen Sozialismus und die Mädchen der Schulzeit, wobei Paul eher distanziert-sarkastisch reagiert. Er hat mittlerweile eine bildhübsche Freundin mit einer leichten psychischen Störung gefunden, mit der er zusammenlebt. Als Johanna Nicole kennenlernt, legt sie sie sofort als Kunstmodell in Beschlag, um damit die Deutungshoheit über Pauls Leben zurückzugewinnen. Als Nicole ungewollt schwanger wird, rät sie ihr, dem kindunwilligen Paul vorerst nichts zu sagen und ansonsten auf sie zu vertrauen. Als diese Paul die Tatsache jedoch nicht verschweigen kann und dieser freudig reagiert, sieht Johanna wieder einmal ihre Felle davonschwimmen. Das Geschehen eskaliert plötzlich, als die unter psychischer Beobachtung stehende Nicole in eine schwere tätliche Auseinandersetzung mit einer irren Nachbarin gerät und - wie diese - in einer Anstalt landet. Johanna übernimmt nun zeitweise das kleine Kind und nähert sich dadurch zwangsläufig wieder Paul an. Nicole, die immer von Erscheinungen einer Frau redet, springt auf Anraten dieser transzendenten Person vom Kirchturm, da sie in dieser Welt nicht mehr leben will. Doch kommt sie nie auf dem Kirchenvorplatz an, sondern wird von eben dieser Frauengestalt in eine bessere - Dirac'sche? - Parallelwelt entführt. David erkennt, dass er Jahrzehnte lang nur über linke Politik geredet und nichts getan hat, und beschließt, wieder klein an der journalistischen Basis zu beginnen. So reist er in die USA, um dort den Berichten der angeblichen UFO-Landungen in den späten vierziger Jahren nachzugehen. Doch er - und mit ihm der Autor - kommt zu keinem Schluss. Weder entlarvt er die Geschichten als Humbug noch vertritt er eine wie auch im er fundierte UFO-Theorie. Seine Gesprächspartner sind alte Männer, die ihren mittlerweile eingefrorenen Überzeugungen anhängen und nur noch gestanzte, an der Wirklichkeit nicht mehr gemessene Meinungen von sich geben. Nicht einmal zu dem naheliegenden Vorwurf einer gezielten Desinformation des militärisch-industriellen Komplexes in den USA kann er sich durchringen. So bleibt am Schluss alles in der Schwebe, oder besser: alle Erzählfäden hängen lose in der Luft. Paul und Johanna leben mit- und nebeneinander und mit Kind, Nicole ist in einer Parallelwelt unterwegs und David hängt unschlüssig in den USA herum. Keine Perspektiven und keine Aussichten auf die schnelle Wiederkehr eines alle befriedenden Sozialismus. Stattdessen eine nebulöse Transzendenz mit vieldeutiger und damit sich jeder Deutung entziehender Aussage. Dietmar Dath schreibt sich in diesem Roman seine Lebenserfahrungen der letzten zwanzig Jahre von der Seele, zeigt dabei unfreiwillig(?) eine Erstarrung in der Vergangenheit, die den Begriff der Nostalgie sprengt, und eine Unfähigkeit, mit der sich rasch ändernden Welt fertig zu werden. Nicht umsonst leben seine Protagonisten in privat wie beruflich ungefestigten Verhältnissen und ohne Kinder. Einmal bemerkt sein David, dass man in diese Welt keine Kinder setzen dürfe, weil man sie damit dem Kapital zum Fraße vorwerfen würde. Nun gut, mag der Kommunismus das bessere Gesellschaftsmodell sein; doch wenn es mangels Geburten - und wir müssen David Daths Worte im Sinne eines kategorischen Imperativs ernst nehmen - keine Menschheit mehr gibt, hat auch der Kommunismus seinen Sinn verloren. Dann regieren nur noch Wind und Wellen die Welt. Sprachlich weist das Buch durchaus Stärken auf. Dath weiß seine Leser zu fesseln und seine Personen glaubwürdig und lebensnah zu charakterisieren. Eine Reihe von Passagen mit falsch formulierter indirekter Rede oder falschen Weil-Sätzen kann man mit etwas gutem Willen auch als realist-ironische Wiedergabe der gesprochenen Sprache interpretieren, doch bleiben bisweilen Zweifel. Das Buch ist im
Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41863-7 erschienen und kostet
19,90 Euro. Frank Raudszus |