| Mario Vargas Llosa: "Das böse Mädchen" |
| Roman über die dunklen Seiten der Liebe | |
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Ricardo, der Held seiner in der ersten Person erzählten Geschichte, verliebt sich als Halbwüchsiger in Lima in die temperamentvolle junge Chilenin Lily, die sich jedoch bald als Hochstaplerin entpuppt, da sie in Wahrheit aus der peruanischen Unterschicht stammt und um jeden Preis aufsteigen will. Mit ihrem Bild im Kopf und im Herzen geht er in seine Traumstadt Paris, wo er Sprachen studiert und später als Übersetzer und Dolmetscher arbeitet. Über seine nostalgisch aufrecht erhaltenen peruanischen Kontakte trifft er plötzlich wieder auf die freche Lily, die sich hier auf eine Ausbildung zur Guerillera für die lateinamerikanische Revolution vorbereiten soll. Schnell spürt Ricardo nicht nur seine immer noch lodernde Leidenschaft sondern auch Lilys eher geringe Neigung zum bewaffneten Kampf. Als sie dennoch zur weiteren Ausbildung nach Kuba geht, trauert er ihr nach, obwohl er auch in Paris keinen erotischen Erfolg bei ihr verbuchen konnte. Als sie nicht lange danach plötzlich in Paris als Frau eines mittleren französischen Beamten auftaucht, wundert ihn das wenig, da er weniger an ihre revolutionären Neigungen als an ihren gesellschaftlichen Ehrgeiz geglaubt hat. Nun beginnt ein erotisches Vexierspiel, aus dem Ricardo stets als Verlierer hervorgeht. Dank seiner offenen Anbetung bringt er es zwar bald zu Lilys Liebhaber, hat aber dabei nie das Gefühl, sie wirklich gewonnen zu haben. Eher fühlt er sich als Lückenbüßer während der Pausen auf Lilys Weg nach oben. Selbst in den intimsten Momenten wahrt sie eine nicht zu überbrückende Distanz, die ihn an dieser Beziehung verzweifeln lassen. Dennoch zieht er das deutlich temporäre Verhältnis einer Trennung vor. So nimmt es nicht Wunder, dass Lily eines Tages samt den Ersparnissen ihres braven Gatten verschwindet, ohne sich auch nur von Ricardo zu verabschieden. Ebenso folgerichtig trifft er sie nach einer längeren asketischen Beruhigungsphase plötzlich während eines Besuchs bei einem alten peruanischen Freund in London in den höheren Kreisen der Gesellschaft als Ehefrau eines reichen Pferdenarren wieder. Ein zweites Mal entwickelt sich ein heftiges erotisches Verhältnis zwischen den beiden, mit derselben Verteilung von Leidenschaft und Distanz wie in Paris. Als Ricardo irgendwann im Überschwang seiner Gefühle die Grenzen der Diskretion überschreitet, lässt Lily in wiederum eiskalt fallen, um kurz danach ihren Ehemann zu verlieren, da sie diesen wohl zu offensichtlich als bloße Zwischenstation auf dem Weg nach oben betrachtet hat. Auf der Flucht vor dem Absturz in Armut und Asozialität bleibt sie an einem japanischen Yakuza-Boss hängen, dem sie schließlich nach Tokio folgt. Ricardo durchlebt derweil im Freundeskreis einige erschütternde Erfahrungen mit der beginnenden Aids-Epedemie, kümmert sich mehr um seine peruanischen Verwandten und beginnt Lily zu vergessen, bis er sie eines Tages auf einer nicht ganz ungezielt arrangierten Geschäftsreise nach Japan in Tokio wiedertrifft und ihr prompt wieder verfällt. Als er sich auf dem Höhepunkt ihrer erotischen Zweisamkeit als Marionette in einem abgekarteten Spiel wiederfindet, verlässt er Lily und Tokio Hals über Kopf und flieht zurück nach Paris, um Lily endgültig zu vergessen. Diese jedoch hat längst erkannt, dass sie in ihm einen Retter in der Not hat, der ihr ungeachtet aller Demütigungen immer wieder helfen wird, und nutzt diese Tatsache eiskalt aus. Eines Tages steht sie, von schrecklichen Erlebnisse gezeichnet und dem Tode nahe, vor seiner Wohnung in Paris, und er kann angesichts ihres Zustands nichts anders tun, als seine gesamten Ersparnisse für ihre Rettung und Heilung auszugeben und sie schließlich bei sich aufzunehmen. Doch auch dieser Großmut kann Lilys ruhelosen Ehrgeiz nicht stillen, und wieder einmal verlässt sie ihn ohne viel Federlesens mit dem wohlhabenden und bereits sich dem Greisenalter nähernden Mann ihrer Arbeitgeberin, bei der sich Ricardo für die eingesetzt hatte. Der mittlerweile fast mittellose und kranke Ricardo findet jedoch noch einmal ein stilles Glück mit einer jüngeren Künstlerin, mit der zusammen in Spanien lebt. Ohne hohe Ansprüche an das Leben hofft der gerade Fünfzigjährige auf noch einige gute Jahre, vielleicht noch eine Ehe und ein spätes Kind, doch die Frauen wollen es nicht so. Seine Lebensgefährtin verliebt sich in einen gleichaltrigen Künstler und plötzlich steht eine völlig verhärmte und schwerkranke Lily vor seinem Tisch im Caféhaus und pocht auf ihre Rechte als Ehefrau...... Wie man dieser Inhaltsangabe entnehmen kann, steht die fatale Beziehung dieser beiden, diese "amour fou", von Anfang an im Mittelpunkt des Romans. Zwar begleitet Llosa diese Geschichte immer wieder durch Ausflüge in die jeweilige politische Landschaft, sei es die Revolution in Kuba, sei es das terroristische Brodeln in Peru, seien es die politischen Auf- und Umbrüche in Europa. Doch diese Schilderungen schaffen es nie in eine zentrale Position, wo sie ihr eigenes Gewicht gewinnen und dem Roman ein gesellschaftspolitisches Profil verleihen könnten. Zeitweilig wirken die Exkurse in Politik oder Gesellschaft wie die Reiseberichte eines Feuilletonisten: breit gefächert, mit Kenntnis geschwängert, aber ohne innere Betroffenheit oder Engagement. Llosa bleibt fixiert auf die verhängnisvolle Beziehung zwischen diesen beiden Menschen, die jedoch ebenfalls wegen ihrer Extremität nicht zu einer allgemeingültigen Aussage führt. Weder lässt sich Ricardo als der dekadente und leicht zu verführende Sproß eines untergehenden Bürgertums verstehen noch gar Lily als die albtraumhafte Reinkarnation des Prinzips Frau. Ricardo ist nur Ricardo und Lily nur Lily, sie weisen beide in keinem Augenblick dieses Buches über sich selbst hinaus. Dadurch gleitet der Roman ein wenig in ein reines Beziehungsdrama ab, sozusagen in einen höherwertigen Groschenroman. Darauf verweist oft auch die ein wenig schwülstige Sprache, so bei Ricardos leidenschaftlichen Liebesschwüren, die bisweilen an das frühe 19. Jahrhundert erinnern. Llosa gelingen dabei durchaus auch viele psychologisch überzeugende Momentschilderungen oder Erkenntnisse, doch daneben bleibt vor allem der gesellschaftliche Teil der Buches etwas farblos und eher konventionell. Das Buch liest sich dennoch als spannende Unterhaltung recht gut und bietet viele überraschende Momente, aber auch Längen, vor allem im ersten Teil, wenn Llosa langsam und weit ausholend auf die sich zuspitzende Situation zusteuert. Man sollte für dieses Buch auf jeden Fall viel Zeit und auch Geduld mitbringen und aufgrund des Namens des Autors nicht zu hohe intellektuelle Erwartungen an den Inhalt knüpfen. Das Buch ist im
Suhrkamp-Verlag unter der ISBN
3-518-41832-7 erschienen und kostet 24,90 Euro. Frank Raudszus |