| Christoph Ransmayr: "Der fliegende Berg" |
| Strukturierte Prosa über den Kontrast der Kulturen | |
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Der Ich-Erzähler ist mit seinem Bruder Liam in Irland bei einem so patriotischen wie leicht verrückten Vater aufgewachsen, den schon früh seine Frau aufgrund seines cholerischen Temperaments und militärischen Gehabes verlassen hat. Bei ihm haben die beiden Brüder gelernt, die Steilküste oberhalb der Atlantikbrandung auf- und abzuklettern, wobei sich vor allem Liam durch Mut und Können ausgezeichnet hat. Er hat dann auch nach dem Tode des Vaters eine alte Ruine auf einer vorgelagerten Insel zu einer "Wohnfestung" ausgebaut, wo er seinen computergestützten Träumen von den noch unentdeckten Regionen des Himalaya-Gebirges nachhängt. Seinen Bruder holt er vom Meer und der Seefahrt zurück und überredet ihn, mit ihm zusammen den "fliegenden Berg" zu besteigen, den ein chinesischer Bomberpilot einst in einer sturmumtosten Wolkenformation kurz erblickt und enthusiastisch gemeldet hatte, bevor er im Sturm abstürzte. Das Buch selbst beginnt mit der Katastrophe während des Abstiegs im aufkommenden Schneesturm, bei dem Liam schließlich umkommt, um anschließend in einer Rückblende die Entwicklung des Abenteuers zu schildern. Auf diplomatischen Wegen und unter Vorspiegelung einer unverfänglichen Recherche erhalten die beiden Brüder den Zutritt zu den verbotenen Gebieten Tibets. Nach dem offiziellen Ende dieser Aufgabe gelingt es ihnen, sich ohne die Begleitung des chinesischen Militärs einer Karawane einheimischer Nomaden anzuschließen, die ihre Tiere auf höher gelegene Weidegründe führen. Zwar klingt diese Freizügigkeit in einem von den Chinesen seit Jahrzehnten als unzugänglich deklarierten Gebiet recht unwahrscheinlich, doch diese dichterische Freiheit darf man dem Autor wohl durchgehen lassen. Jedenfalls ziehen sie mit den Yak-Herden auf die Dreiergruppe von Bergen zu, von denen der "Fliegende Berg" der höchste und wegen seiner schroffen Eiswände auch der gefährlichste ist. Während der Anreise jedoch verliebt sich der Erzähler in eine junge Nomadenfrau, deren Mann bei einem Fluchtversuch von chinesischen Soldaten erschossen wurde und die mit ihrem Kind in dieser Gruppe lebt. Von diesem Punkt an beginnt sich der Unterschied der Kulturen am Beispiel der beiden Brüder herauszukristallisieren. Liam stellt den Prototyp des zielorientierten Menschen westlicher Provenienz dar. Ein einmal ins Auge gefasstes Ziel, mag es in den Augen der anderen - vornehmlich der lokalen Eingeborenen - noch so sinnlos erscheinen, lässt er nicht mehr los. Für ihn stellt die Natur - vor allem in Gestalt des unbestiegenen Berges - eine Herausforderung zu Kampf und Überwindung dar, die Nomaden jedoch leben im täglichen Einverständnis mit der Natur, fügen sich ihren Launen und Wechselfällen und nutzen sie nur soweit nötig und ohne aktiven Eingriff möglich. Sie respektieren und fürchten die Berge und kämen nie auf die Idee, nur um des Besteigens willen ihre Gipfel zu erklimmen. Sie warnen Liam und seinen Bruder vor den Dämonen der Berge, die ihren Tribut einfordern werden, doch Liam sieht darin nur atavistische Ängste unaufgeklärter Ureinwohner. Sein Bruder jedoch sträubt sich lange gegen die Besteigung des sagenumwobenen "fliegenden Berges" und macht sich zunehmend die naturverbundene, dem Augenblick und dem Fluss des alltäglichen Lebens gewidmete Einstellung der Nomaden zu eigen. Erst die brüderliche Solidarität lässt ihn im letzten Moment umdenken und seinem Bruder auf den Berg folgen, wo es dann zur Katastrophe kommt. Der Epilog lässt eben ihn den Nachlass des abgestürzten Bruders in dessen irischem Haus ordnen und abwickeln. Er ist doch nicht bei seiner Geliebten im fernen Himalaya geblieben; der Tod seines Bruders hat ihn wieder auf seine irische Heimat und Herkunft zurückgeworfen, doch die Erfahrung dieser im Tode des Bruders kulminierenden Reise wird ihn nie wieder verlassen. Ransmayrs prosaische Verse lassen die Bergwelt Tibets und ihre Bewohner auf seltsam poetische Weise lebendig werden und markieren den Kontrast zweier Kulturen, die sich über Jahrhunderte herausgebildet haben und sich nicht einfach per Willensakt verbinden lassen. Eben diese Erkenntnis lässt den Protagonisten am Ende wieder in seine Heimat zurückkehren, ohne deshalb jedoch die Lehren der Nomaden hinter sich zu lassen. Großartig die Schilderung der Gebirgsmassive im Himalaya, die eine nahezu mythische Dimension annimmt, ohne deswegen auf das Niveau alpenländischer Heimatromane abzugleiten. Ransmayr nimmt man die Faszination der Bergwelt uneingeschränkt ab, und die Schilderung seiner Protagonisten gewinnt ein Profil, das den Leser durchaus an die großen Helden Homers erinnert. Das Buch ist im
Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-10-062936-1 erschienen und kostet
19,90 Euro. Frank Raudszus |