| George Steiner: "Warum Denken traurig macht" |
| Zehn Erkenntnisse über eine elementare Funktion des "homo sapiens" | |
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Eine grundlegende Aporie besteht für Steiner darin, dass man eigentlich über das Denken gar nicht nachdenken kann, denn das hieße, einen Gegenstand mit sich selbst bzw. mit einem Werkzeug derselben Kategorie zu bearbeiten. So wie man Stahl nur mit einem härteren Werkzeug, dem Diamanten, bearbeiten kann, benötigt man für gültige Schlussfolgerungen über das Denken eine Ebene außerhalb unseres geistigen Universums. Doch alles, was wir uns denken können, gehört eben dadurch zu diesem und fällt damit unter das zu untersuchende Objekt. Wie bei der Heisenbergschen Unschärferelation entzieht sich das Objekt einer schlüssigen Beobachtung. Diese Erkenntnis muss den Denkenden schließlich melancholisch stimmen. Ein weiterer Grund für die Traurigkeit durch Denken liegt in der permanenten, ungerichteten Struktur unseres Denkens. Wir können es nicht abstellen - selbst im Schlaf nicht - und es nur selten und für kurze Zeit auf einen einzigen Gegenstand oder in eine einzige Richtung lenken. Eine riesige Verschwendung geistiger Ressourcen ist die Folge - Grund genug, traurig zu sein. Die Unmöglichkeit, die Gedanken unserer Mitmenschen zu lesen, erscheint im Zeitalter des Datenschutzes und der informellen Selbstbestimmung im ersten Moment Hoffnung und Freude auszulösen, lässt uns jedoch letztlich mit unserem Denken allein, isoliert uns und überlässt uns grundsätzlich einer monadischen Einsamkeit, da wir unsere innersten Gedanken mit Worten nie ausdrücken können, wie schon große Dichter enttäuscht festgestellt haben. Die Unmöglichkeit, Gedachtes adäquat in Worte zu fassen, steht aber nicht nur einer - vollkommenen? - menschlichen Kommunikation im Wege, sondern verstellt auch den Weg zur Erkenntnis einer wie immer gearteten Wahrheit über die Dinge außerhalb unseres Denkens. Es lässt sich nicht entscheiden, ob wir eine objektiv existierende Welt - wenn auch eingeschränkt - durch unsere Sinne erfassen oder ob die "Welt" nur eine Halluzination eines sich im Kreise drehenden Geistes ist. Weitere Gründe für Traurigkeit oder Schwermut. Wir wollen an dieser Stelle nicht alle zehn Gründe für die melancholisierende Wirkung des Denkens aufführen sondern eher die Lektüre dieses kleinen Bändchens empfehlen. Steiner baut seine Ausführungen auf den Erkenntnisse Schellings auf, so in dessen "Über das Wesen der menschlichen Freiheit", und führt sie konsequent weiter. Von Schelling übernimmt er auch den deutschen Begriff Schwermut im Original und zitiert ihn wie einen Refrain am Schluss nahezu jeder der zehn Herleitungen. Nimmt man das Buch zur Hand, erwartet man - schon allein wegen des geringen Umfangs - eher eine ironische oder zumindest leichte Wanderung durch die Irrwege des Denkens. Doch in dieser Einschätzung sieht man sich bald getäuscht. Steiner geht den grundsätzlichen, vom Menschen nicht zu lösenden Problemen des Denkens (daher der Begriff der Aporie) von Anfang an mit tiefem Ernst und ohne Abschweifungen auf den Grund. Dass er sie nicht lösen kann, weiß er von Beginn an, und daher durchzieht dieses kleine Buch eben die stille Melancholie, die er als Folge des Denkens postuliert. Quod erat demonstrandum! Das
Buch ist im Suhrkamp-Verlag
unter der ISBN 3-518-41841-6 erschienen und kostet 14,80 Euro. Frank Raudszus |