Thomas L. Friedmann: "Die Welt ist flach"

                                                                    
Eine engagierte Analyse der Globalisierung
 

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Thomas L. Friedmann steht als Kolumnist der New York Times an einer exponierten Position der internationalen Medienlandschaft und kann auf umfangreiche Informationsnetzwerke zurückgreifen. In dem vorliegenden Buch beschäftigt er sich eingehend mit der Entwicklung und vor allem den gegenwärtigen sowie zukünftigen Folgen der vielfach geschmähten Globalisierung. Als typischer Amerikaner verfolgt er dabei einen eher pragmatischen als ideologischen Ansatz - was manchem linken Puristen Anlass zu heftiger Kritik geben wird - und bezeichnet sich selbst als überzeugten Optimisten.

Für Friedmann lässt sich die Globalisierung in drei Phasen einteilen. Die erste beginnt - ähnlich wie bei Sloterdijk - 1492 mit Columbus' Entdeckung Amerikas und endet 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer sowie - ironische Koinzidenz - dem Erscheinen von Microsofts WINDOWS. Während dieser langen Zeit der mühsamen Eroberung der Welt durch Beseitigung bzw. Bewältigung elementarer Hürden wie Weltmeere und fehlender Technologie suchten die Nationalstaaten nach ihrem Platz in der Welt und lernten, um ihn zu kämpfen. Die zweite Phase - "Globalisierung 2.0" - dauerte nur einen historischen Lidschlag und endete bereits zur Jahrtausendwende mit der endgültigen flächendeckenden Etablierung des Internets. Während dieser Kurzphase übernahmen die Unternehmen die Rolle der früheren Nationalstaaten, indem sie sich von jenen entkoppelten und sich in einer politisch geöffneten Welt ausbreiteten. Dabei standen sie vor der gleichen Aufgabe, in einer globalen Welt ihren Platz zu finden und zu verteidigen. Was mancher nationalpolitisch gesinnte Sozialkpolitiker der alten Schule als unsozial betrachtet - die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins kostengünstigere Ausland - war oft ein erzwungener Überlebensakt und erhöhte nebenbei, was eben diese Politiker der Industrieländer gern verdrängen, das Einkommen in den Schwellenländern. Die dritte Phase stellt mit dem preiswerten Zugang zum Internet das Individuum in den Mittelpunkt. Was noch vor zehn Jahren nur Unternehmen möglich war, nämlich mit anderen Ländern Informationen auszutauschen, zu kooperieren und Geschäfte zu machen, steht heute jeder Kleinstfirma mit einer eigenen Webseite zur Verfügung. Doch wie auch Phase 2 die Nationalstaaten (noch) nicht überflüssig gemacht hat, sind auch in Phase 3 die Unternehmen nicht existenziell gefährdet. Doch heute heißt es nicht mehr "Der Größere frisst den Kleineren" sondern "Der Schnellere frisst den Langsameren", oder, laut einem alten Kalauer: "Wer zu spät kommt,....".

Friedmann definiert in diesem Zusammenhang eine dreifache Konvergenz als Basis der schnellen Globalisierung: Die erste besteht in dem Zusammenwachsen der Technologien, z. B. Telefon und Datenverkehr (Internet) oder der druckende, faxende und mailende Kopierer. Diese technisch Integration hat den Informationsaustausch und die internationale Kooperation in einem atemberaubenden Maße vorangetrieben und tut es noch mit steigender Intensität. Die zweite Konvergenz besteht in der horizontalen Integration der Geschäftsprozesse mittels der modernen IT- und Kommunikationstechnologien. Heute erhält der Lieferant eines Warenhauses zeitnah Informationen über den Abverkauf von Waren seines Kunden und kann bereits die Produktion seiner Artikel initiieren, bevor dieser einen (manuell erstellten) Auftrag schicken kann. In diesem Zusammenhang berichtet Friedmann von Beispielen wie UPS, die nicht nur Pakete befördern, sondern für ihre Großkunden große Teile der Wertschöpfungskette steuern und überwachen, so dass diese sich auf ihr eigentliches Kerngeschäft konzentrieren können. Konvergenz Nummer drei schließlich ergibt sich aus der politischen Öffnung der Grenzen und der Freigabe der Märkte nach dem Zusammenbruch des - real nie existiert habenden - Sozialismus'. Konnten die Länder des Ostblocks und ihre Vasallenstaaten noch mit künstliche Mauern - virtuellen wie physischen - und eigenen, marktfremden Wirtschaftsmodellen den weltweiten Freihandel einschränken und unterlaufen, so hat dieser nach dem Umschwenken dieser Länder auf eine mehr oder minder demokratische und soziale Marktwirtschaft eine zeitweise schwer zu steuernde Dynamik entwickelt. 

Den Themen "Outsourcing" und "Offshoring" widmet Friedmann einen Großteil seines Buches, gerade weil diese Begriffe im  "Westen" mit Besorgnis und Angst um Arbeitsplatz und Wohlstand besetzt sind. Doch Friedmann macht deutlich, dass diese Entwicklung unumkehrbar ist und dass neuer Protektionismus in weltweiter Rezession und schwindendem Wohlstand gerade bei den heutigen Wohlstandsländern resultieren würde. Alle Beispiele der ferneren und näheren Geschichte bezeugen, dass Freihandel der einzige Weg zu allgemeinem Wohlstand sind. Allerdings gewinnen in einer offenen, globalen Welt die Schnellen und Tüchtigen. Wer sich auf gestrigen Erfolgen ausruhen zu können glaubt und diese als unveräußerlichen Besitzstand betrachtet, wird das Wettrennen tatsächlich verlieren. Gerade die politisch bedingte Stagnation vieler "sozialistischer" Länder - von der Sowjetunion über deren Vasallenstaaten bis hin zu China, Indien, Kuba und Nordkorea - hat den westlichen Ländern jahrzehntelang ein weitgehend ungefährdetes Aktionsfeld überlassen, zum Preis der Armut in jenen Ländern. Mit deren Erwachen aus der sozialistischen Lethargie - abgesehen von den beiden Unbelehrbaren - weht den ehemals westlichen Industrieländern ein schärferer Wind ins Gesicht. Noch sind Indien und  China "nur" Zulieferer in der weltweiten Wertschöpfungskette, doch ihr Ehrgeiz richtet sich auf die wesentlich weiter vorne angesiedelten Glieder dieser Kette, und angesichts der hervorragenden Ausbildung in diesen Ländern und des unbedingten Erfolgswillens werden sie ihre Ziele wohl auch erreichen.

Friedmann läutet jedoch deswegen nicht das Totenglöckchen für den Westen. Dort sieht er immer noch eine Tradition der Kreativität und der Ideen angesiedelt, die sich nur schwer und in langen Zeiträumen von anderen Kulturen - Indien oder China - übernehmen lassen. Das bedeutet jedoch, dass der Westen seinen Vorsprung und Wohlstand nur durch neue technologische Ideen bewahren kann, nicht jedoch in der Dumpingkonkurrenz bei reproduktiven Tätigkeiten. Das erfordert ein wesentlich höheres Bildungs- und "Anstrengungs"-Niveau, als es heute im Westen vorhanden ist, wo sich eher eine Anspruchshaltung durchgesetzt hat. Friedmann beschreibt die heutige Welt mit dem hübschen Vergleich einer Stadt mit verschiedenen Vierteln: in einem Viertel sitzen die Amerikaner mit dem Martini in der Hand im Vorgarten und schimpfen über die Faulheit der anderen; im nächsten lassen sich die überalterten Europäer von östlichen Pflegekräften versorgen; im indischen und chinesischen Viertel jedoch brodelt es vor fleißigen Händlern und Handwerkern, die notfalls auch die Nacht durcharbeiten. Kommentar überflüssig! 

Der Autor geißelt in diesem Zusammenhang die Politik der Regierung Bush, die Bildungsetats de facto kürzt, um die Steuern für die Reichen und die etablierten Industrien zu senken. Statt großzügig Schulen und Universitäten zu fördern, versenkt Bush das Geld in einer überzogenen Terroristenjagd und einem ruinösen Irak-Abenteuer. Man sieht, Friedmann ist alles andere als "a good American" und ist gerade deshalb ein solcher. Aber seine Kritik richtet sich nicht nur an seine eigene Regierung: immer wieder werden auch die Europäer zitiert, namentlich Deutschland mit seinem Hang zu Überregulierungen und mit der daraus resultierenden Stagnation der wirtschaftlichen, technologischen Entwicklung (ganz zu schweigen von dem demographischen Versagen einer offensichtlich demotivierten Gesellschaft). Auch sieht er deutlich die sich verschärfenden Probleme in "Boom"-Ländern wie Indien und China: Umweltkatastrophen und zunehmende soziale Gegensätze als Zündstoff für schwere Konflikte. Doch bewertet er den Nutzen des unbedingten Vorwärtsdranges dieser Länder höher als den Schaden der derzeitigen und der sich abzeichnenden Probleme. Eine Gesellschaft im rasanten Aufstieg wird immer auf Probleme stoßen - siehe Deutschland nach 1871 -, doch sind diese aufgrund der allgemeinen Aufbruchsstimmung lösbar. Absteigende weil selbstzufriedene Gesellschaften können dagegen nicht einmal mehr die Energie zur Problemlösung aufbringen, und ihre Politiker verschieben alle - scheinbar unlösbaren - Probleme auf später.

Friedmann macht sich auch Gedanken zum Terrorismus, den er als negatives Beispiel eines durchaus erfolgreichen globalisierten Unternehmens - think global, act local - bezeichnet. Er geht auch auf die seiner Meinung nach irrational agierenden Globalisierungsgegner von ATTAC ein, denen er zwar gute Absicht aber mangelnde Einsichten in Gegebenheiten und Notwendigkeiten vorwirft. Doch anstatt sie ins ideologische Abseits zu verbannen, fordert er die Gesellschaft auf, das gut gemeinte Engagement der Globalisierungsgegner durch Diskussion und Überzeugung sinnvoll zu nutzen und in produktive  Bahnen zu lenken. 

Neben der weitgehend zutreffenden Analyse der gegenwärtigen Situation und der wahrscheinlichen kurz- und mittelfristigen Entwicklung macht der Autor auch eine Reihe von Vorschlägen, wie die Politik des Westens sinnvoll und gewinnbringend mit der Globalisierung umgehen sollte. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die konsequente Stärkung von Bildung, Forschung und Technologien sowie die Stärkung der Eigenverantwortung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Friedmann ist durchaus kein Sozialist, er erweist sich in diesem Buch jedoch als überzeugter Sozialmensch.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41837-8 erschienen und kostet 26,80 Euro.

Frank Raudszus

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