| Imre Kertész: "Dossier K. - Eine Ermittlung" |
| Selbstbefragung eines Gezeichneten | |
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"Dossier K." ist als ausführliches Interview verfasst, in dem sich ein fiktiver, engagierter Biograph des Autors mit dessen Leben und Werken befasst. Eindringlich zielt er immer wieder auf zentrale Punkte der Biographie seines Gegenübers und geht Ausflüchten wie Beschönigungen kompromisslos auf den Grund. Das Buch basiert tatsächlich auf dem Material eines Interviews, mutierte dann jedoch bei der Lektüre der Unterlage zu einer Autobiographie im Stil eben dieses Interviews. Wer die Vorbemerkungen nicht liest, glaubt bis zum Schluss an ein tatsächliches Interview zwischen zwei sich nahe stehenden Menschen. Abgesehen von dem biographischen Ernst des "Interviews" stellt es eine originelle Art der Autobiographie dar, stellt sich doch der Autor selbst die unangenehmen Fragen, denen er vielleicht lange Zeit aus dem Weg gegangen ist oder deren Beantwortung er sich selbst versagt hat. Nun, in dieser "Selbstbefragung" muss er sich selbst Rede und Antwort stehen. Zentraler Punkt in Kertèsz' Leben ist das zweifache Leiden unter einer menschenverachtenden Diktatur, einmal mit der eigenen Wertlosigkeit und dem unmittelbaren Tod konfrontiert, das andere Mal als recht- und würdeloses Rädchen in einem großen, sinnlosen Getriebe. Aus dieser existenziellen Erfahrung schöpft Kertész seine Weltanschauung, die auf die Bedeutungslosigkeit des individuellen Lebens hinausläuft, das jederzeit zur verfügbaren Masse unkontrollierbarer gesellschaftlicher Mechanismen werden kann. Kertész legt an seine Erfahrungen in Auschwitz und Buchenwald keine moralischen Maßstäbe an, weil solche den dortigen Zuständen nicht gerecht werden können. Menschliche und moralische Maßstäbe können nur dort entstehen und gedeihen, wo ein Mindestmaß von ihnen eingehalten wird. In einer vollständig amoralischen Welt verlieren die Maßstäbe ihren Sinn, es regiert nur noch die Welt der Fakten und das Prinzip des puren Überlebens. Eben diese Sichtweise bringt er in seiner Selbstbefragung als Erklärung für seine nüchternen Berichte aus den Lagern vor, die so manchem Kritiker wie jugendliche Abenteuerberichte vorgekommen sein mögen. Eine Literatur moralischer Entrüstung wird den Zuständen in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts nicht mehr gerecht, das einzige Mittel ist die nüchterne Weitergabe der damaligen Realität an die nächsten Generationen. Auch leidenschaftliche Appelle an die nächsten Generationen verfehlen für Kertész angesichts des Ausmaßes des Schreckens ihre Wirkung und riskieren sozusagen die Lächerlichkeit angesichts der Inkommensurabilität der Maßstäbe. Dies alles bringt Kertész nicht wortwörtlich und rational nachvollziehbar vor. Vielmehr hütet er sich vor jeglicher Art der Festlegung oder Einordnung der Geschehnisse in ein gesellschaftliches, politisches oder moralisches Wertesystem. Die Möglichkeit eines solchen, Sicherheit und Vertrauen verleihenden Systems ist für ihn nach Auschwitz und der kommunistischen Diktatur nicht mehr gegeben; deshalb lässt er Interpretationen seiner Bücher durch den "Fragesteller" immer wieder ins Leere laufen oder kontert sie zumindest mit vielen Einschränkungen. Sein Vertrauen auf eindeutige Zuschreibungen ist zerbrochen, er stellt sogar seine eigenen Motivationen beim Verfassen seiner verschiedenen Romane immer wieder in Frage und zieht sich auf den inneren Zwang zur Befreiung durch Schreiben zurück. Mit dieser Autobiographie öffnet Kertész ein Fenster in seine eigene Psyche und zeigt dem Leser ungeschminkt seine tief sitzende Lebensunsicherheit, derer er sich durchaus bewusst ist und unter der er leidet. Hier spricht kein erfolgreicher Schriftsteller von der Deutungshöhe des literarischen Olymps zu seinen Bewunderern, hier teilt sich ein im Grunde am Leben Verzweifelter seinen Mitmenschen mit. Seine Verzweiflung und innere Verwüstung beschreibt er jedoch nicht mit starken emotionalen Metaphern sondern mit der eher zweifelnden Unruhe des Wissenschaftlers, der sich seines Gegenstandes nie ganz sicher ist. So gesehen, lässt er den Leser an seinem Erkenntnisprozess teilhaben, ohne ihm weiszumachen, das dieser Prozess zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Weitere kritische oder erklärende Bemerkungen scheinen uns hier fehl am Platze, weil sie nicht auf dem gleichen, fürchterlichen Erfahrungsschatz beruhen und daher zwangsläufig immer beckmesserisch klingen müssen. Wir können nur jedem Besucher dieser Seiten die Lektüre des Buches dringend ans Herz legen. Das Buch ist im
Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-498-03530-3 erschienen und kostet
19,90 Euro. Frank Raudszus |