| Arkadi Babtschenko: "Die Farbe des Krieges" |
| Ein Bericht aus der Hölle der russischen Armee | |
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Als Achtzehnjähriger wird er Mitte der neunziger Jahre einberufen und nach Tschetschenien geschickt. Die jungen Soldaten haben schon viel von der Grausamkeit der Tschetschenen gehört und rechnen im Innersten mit einem frühen Tod. Doch was sie nicht erwartet haben, ist die Tatsache, dass schon das Alltagsleben in der Armee einen Krieg eigener Art darstellt, der mit aller Härte ausgefochten wird. Das beginnt schon damit, dass die jungen Soldaten nach einer langen Anreise in die Etappe der Front einen ganzen Tag ohne Verpflegung gelassen werden. Auch sonst kümmert sich kein Vorgesetzter um sie, so dass sie sich schon über eine ungeahnte Freiheit freuen. Doch dann naht die Realität: in der russischen Armee zählt das Recht des Stärkeren, und die einzige Kommunikation zwischen den Soldaten besteht in brutaler Prügel. Die neuen Rekruten werden Nacht um Nacht von den älteren ohne speziellen Grund verprügelt, wobei sich die meist durch starken Wodkagenuss "motivierten" Quälgeister aller Foltermethoden bedienen, die ein länger an der Front dienender Soldat sich angeeignet hat. Ursprünglich dienten diese Prügelorgien einmal dazu, die jungen Soldaten zur Geldbeschaffung zu zwingen, doch dieser immer noch gültige Grund ist gegenüber der reinen Lust am Verprügeln der Abhängigen in den Hintergrund getreten. Denn auch wenn der "leibeigene" Soldat das Geld beschafft hat, geht das Prügeln weiter und endet erst mit dem alkoholbedingten Ausfall des Prügelnden. Um ihre Peiniger gewogen zu stimmen, verkaufen die jungen Soldaten Munition und Waffen an die Bevölkerung oder bauen zu diesem Zweck sogar wertvolle Geräte aus Panzern aus. Bald merken sie jedoch, dass dies kein neuer Einfall ist, sondern dass die halbe Armee vom General bis zum einfachen Soldaten Waffen, Munition und Verpflegung veruntreut und verschiebt. Die Generäle haben dabei nur den Vorteil, dass sie ganze Wagenladungen zweckentfremden und die Bücher entsprechend fälschen können. Wenn die Soldaten anfangs noch einen Funken Respekt vor den Offizieren besaßen, so verliert sich dieser sehr schnell, vor allem, als sie merken, dass die stets alkoholisierten Offiziere einander ebenso schlagen wie die älteren Soldaten sie: der General den Oberst, dieser den Major, dieser den Leutnant und dieser den Unteroffizier. Man redet in dieser Armee nicht mehr, sondern man schlägt, und der Wodka ist immer dabei. In einem solchen Umfeld wird der Krieg fast schon zur Nebensache, denn das Leben in der Kaserne ist schon selbst zum oft tödlichen Krieg geworden, und dabei kann es z. B. vorkommen, dass die ungesicherte Maschinenpistole eines betrunkenen Soldaten "losgeht" und einige Kameraden tötet oder schwer verletzt. Was in einer anderen Armee einen Skandal ersten Ranges darstellen würde, wird hier als Alltagsunfall unter den Tisch gekehrt. Und wenn die Soldaten dann an der Front stehen, müssen sie nach unvorstellbaren Entbehrungen in menschenunwürdigen Unterständen, in Matsch, Schnee und Regen bei unzureichender oder gar ausbleibender Verpflegung noch die Grausamkeiten der Tschetschenen mit ansehen, die grundsätzlich keine Gefangenen machen und entweder die Köpfe der Getöteten über die Frontlinie werfen oder die jungen russischen Soldaten entlang der Dorfstraße kreuzigen wie in archaischen Zeiten. Die längst verrohten Soldaten verfahren dann auf Anweisung ihrer Vorgesetzten mit gefangenen Tschetschenen auf die gleiche Weise. Am Schluss dieser endlosen Qualen werden demonstrativ noch die Falschen mit Orden für ihre Tapferkeit ausgezeichnet, so der Koch und Schreiber des Generals. Babtschenkos Buch erinnert ein wenig an Grimmelshausens "Simplicissimus", doch ohne dessen naive Ironie des Halbwüchsigen. Er schildert die Grausamkeiten und unhaltbaren Zustände in der russischen Armee mit dem nüchternen Entsetzen des Wissenden, weil ihm die detaillierte Darstellung der Ereignisse wichtiger erscheint als lediglich eine moralische Tirade. Das dieses Entsetzen sich bei aller Sachlichkeit doch immer wieder in Worten Bahn bricht, ist nicht weiter verwunderlich. Weiterhin nimmt es nach dieser Lektüre auch nicht mehr Wunder, dass Russland in diesem Krieg wie auch in Afghanistan gescheitert ist. Eine derart demoralisierte, ja kriminalisierte Armee ist zu irgendwelchen klugen Strategien oder taktischen Manövern kaum noch fähig, vor allem, da durch alle Dienstgrade jegliche Motivation außer der einer persönlichen Bereicherung fehlt. Angesichts dieses Buches sowie der Ereignisse um den vergifteten ehemaligen KGB-Mitarbeiter und die Journalistin Politkowskaja muss man sich fragen, ob Babtschenko in Russland noch sicher ist. Das Buch ist im
Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-87134-558-6 erschienen und kostet
17,90 Euro. Frank Raudszus |