Îrshad Manji: "Der Aufbruch"

                                                                    
Plädoyer für einen aufgeklärten Islam
 

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TitelseiteIrshad Manji lebt seit Jahren in Kanada, kommt jedoch ursprünglich aus einem muslimischen Kulturkreis und ist auch entsprechend aufgewachsen. Bereits als Jugendliche irritierten sie viele apodiktische und nicht hinterfragbare Aussagen ihres Madras-Lehrers, der auf kritische Fragen, z. B. zur Stellung der Frau in der Gesellschaft, lediglich auf die Pflicht zum Gleuben verweisen konnte. Manji, die sich selbst als folgsame und gläubige Muslimin verstand, geriet immer mehr ins Grübeln, vor allem, als sie feststellte, dass jegliche Kritik am Islam verboten war, die Muslime jedoch den westlichen "way of life" bis hin zur Verteufelung kritisierten. Sie durften also in den Ländern, die ihnen Gastfreundschaft gewährten, diese heftig kritisieren, verbaten sich selbst aber jegliche Kritik. Mit zunehmendem Alter fielen ihr nicht nur die Abwertung und Unterdrückung der Frauen, sondern darüber hinaus eine Reihe weiterer Unstimmigkeiten im Verhalten und in der Weltanschauung und Lebensführung der Muslims auf. Da sie selbst mit einer Frau zusammenlebt, sah sie sich bald mit der Verteufelung der Homosexualität konfrontiert, auf die in isalmischen Ländern de facto die Todesstrafe steht. Auch das Selbstmitleid der Muslime, die alle Schuld ihres historischen Niedergangs bei den westlichen Ländern suchen, selbst jedoch offenes Denken und eine nicht dem Koran verpflichtete Bildung ablehnen, stieß ihr zunehmend auf. Als dann die Zäsur des 11. September die Aufmerksamkeit auf muslimische Selbstmordattentäter und den Isalm allgemein lenkte, begann sie, sich intensiv mit dem Koran auseinanderzusetzen, der angeblich die Grundlage für all die widersprüchlichen und - teilweise - menschenverachtenden islamischen Gesetze bildet. Bald stellte sie fest, dass der Koran durchaus nichts z. B. über die Minderwertigkeit der Frauen aussagt, ja, dass er in vielen Dingen widersprüchliche Aussagen trifft. Mehr oder minder wuchs in ihr die Auffassung, dass der Korean eher eine eilig zusammengestellte Sammlung von Alltags und Religionsregeln zwecks Zusammenhalts einer einfachen Stammesgesellschaft darstellt, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit und innere Konsistenz erheben kann. Im Koran fand sie auch die Bestätigung, dass Islam und Christentum gemeinsam auf der jüdischen Religion basieren, die der Koran auch ausdrücklich anerkennt. Der Hass der islamischen Länder auf die Juden - sprich: Israelis - wurde ihr dadurch vollends unverständlich.

All diese Erlebnisse und Erkenntnisse veranlassten sie schließlich zu dem vorliegenden Buch, das sich von üblichen Analysen des Islams dadurch unterscheidet, dass es nicht versucht, Nicht-Muslims den Islam zu erklären (und ihn u. U. zu "entschuldigen"), sondern dass es sich direkt an die Muslims wendet, um sie aus ihrer selbstgerechten Lethargie aufzurütteln. Immer wieder spricht Manji den Leser direkt als Muslim an und fordert ihn auf, die Ungereimtheiten seiner "real existierenden Religion" zu erkennen und sich für Reformen einzusetzen. Bei aller Skepsis gegenüber den westlichen "Werten" sieht sie doch die vorurteilslose, offene Weltschau der westlichen Gesellschaften mit ihren Grundwerten wie Pressefreiheit, Gleichberechtigung und Demokratie als die einzige sinnvolle Alternative zu dem derzeitigen islamischen Weltbild.

Bei ihrer "Abrechnung" mit dem Islam nimmt Manji kein Blatt vor den Mund und weicht keinem Tabu aus. Ob Homosexualität, ob Frauenunterdrückung oder Madrasenerziehung, ob mangelnde wissenschaftliche Bildung und demokratische Strukturen, alles kommt auf den Tisch und wird einer strengen Prüfung unterzogen. Bei dieser beherzten Philippika fragt man sich am Schluss erstaunt, warum Manji immer noch Muslimin ist, und an verschiedenen Stellen deutet sie auch an, dass ihre Geduld mit der eigenen Relegionswelt begrenzt ist. Doch die Zeilen dieses im Jahr 2005 erschienenen Buches sehen sie als engagierte Muslimin, die noch auf die reformfähigkeit des Islams hofft. Wie lange diese mutige Frau angesichts des bisher ungeänderten Auftretens des Islams diese Haltung durchhält, bleibt abzuwarten. Obwohl sie von vielen positiven und negativen Reaktionen berichtet - von Muslims kamen leider vorrangig beschimpfungen udn Drohungen - werden wohl hauptsächlich Nicht-Muslims dieses Buch gelesen haben, das ihnen in übersichtlicher Form und in einem leicht verständlichen und unterhaltsamen Stil die Eigenarten und Widersprüche des Islams nahebringt.

Das Buch ist im Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) unter der ISBN 3-423-34193-9 erschienen und kostet 9,50 Euro.

Frank Raudszus



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