| Leon de Winter: "Place de la Bastille" |
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Ein Roman über Identität und Geschichte |
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Paul de Wit lebt als Geschichtslehrer in Amsterdam. Schon als Student haben ihn die Zufälle der Geschichte fasziniert, was nicht zuletzt auf seine eigene Vergangenheit zurückzuführen ist. Als Kleinkind wurde er von seinen jüdischen Eltern getrennt, die anschließend in Auschwitz den Tod fanden. Da er seine Eltern nie von Angesicht kennengelernt hat, leidet er unter einem schweren Identitätsverlust, der ihn in Apathie versinken lässt. Seinen Schuldienst versieht er nur noch unwillig, und der Familie entflieht in einen permanenten Videokonsum. Seine Frau Mieke hat ihn einst eher aus Protest - er ist Jude! - gegen ihre erzkatholischen Eltern geheiratet, und mittlerweile verbinden sie eigentlich nur noch die beiden Kinder. Paul ist besessen von der Idee, ein Buch über die missglückte Flucht Ludwig XVI. im Jahre 1791 zu schreiben. Während dieser Flucht gab es Dutzende von Augenblicken und Situationen für ein gelingen, doch bildeten Zufälle und marginale Irrtümer ein undurchdringliches Netz, in dem sich Ludwigs Flucht verfing. Paul geht in dem Buch dem Gedanken “Was wäre gewesen, wenn ...?” nach, obwohl er weiß, dass diese Frage angesichts der Faktizität der Geschichte sinnlos ist. Dieses Insistieren auf anderen Möglichkeitsformen der Geschichte hat mit seinem Zwillingsbruder zu tun, der aus Sicherheitsgründen von ihm getrennt wurde und angeblich verstorben ist. Als Paul in Paris Material für sein Buch sammelt, lernt er eine französische Jüdin kennen, mit der er ein Verhältnis eingeht. Von da an unternimmt er mehrere “Recherchereisen” nach Paris, um Pauline - so ausgerechnet ihr Name - zu treffen. Bei einem dieser Besuche macht er auf dem langweiligen Place de la Bastille ein Foto von Pauline, auf dem er später zufällig einen Doppelgänger von sich entdeckt. Von diesem Augenblick an wächst in ihm die Idee, dass es sich bei diesem Fremden um seinen verschollenen Bruder Philip handeln muss, und er versucht, diesem Fremden auf die Spur zu kommen. Als er sich ihm schließlich im Taxi in einem kleinen Ort am Meer nähert, kehrt er im letzten Moment um, da er in dem Treffen mit einem Phantom keinen Sinn mehr sieht oder weil er vor einer Enttäuschung flieht. Leon de Winter thematisiert in diesem Buch die Frage der persönlichen Identität, die sich letztlich aus der eigenen Vergangenheit und der Herkunft entwickelt. Eine menschliche Existenz ohne nachvollziehbare Genealogie bleibt notgedrungen immer unvollständig, und unter dieser “Kastration” des eigenen Lebensursprunges leidet de Winters Protagonist. Ziellos streift er durch ein leben, dem er keinen Sinn entnehmen kann, seine gekappten Wurzeln verursachen einen kaum zu lindernden Phantomschmerz. Doch die einmal gekappten Verbindungen zur eigenen Vergangenheit lassen sich nicht durch einen Willensakt wiederherstellen. Der versuch, einen imaginären Fremden als Bruder zu identifizieren - auch wenn dies im ersten Augenblick sinnvoll erscheint - erweist sich als Chimäre, da Paul erkennt, dass er im Grunde genommen immer nur sich selber sucht. Als Metapher für diese Selbstsuche verdächtigt er sich selbst, das besagte Foto nicht selbst aufgenommen sondern einen vorbeikommenden Passanten darum gebeten zu haben. Damit wäre sein Doppelgänger auf dem Bild er selbst und die Suche nach seinem Bruder führte zwangsläufig zu ihm selbst. De Winter lässt das Ende offen, da das Problem der eigenen Identität nicht durch einen affirmativen Romanschluss zu lösen ist. Die Botschaft lautet, dass man die eigene Identität nicht durch Dritte finden und bestätigen (lassen) kann, sondern diesen Prozess höchstselbst als lebenslange Aufgabe bewältigen muss.
Das Buch ist im Diogenes-Verlag
unter der ISBN 3-257-06496-9 erschienen und kostet 17,90 Euro. Frank Raudszus |
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