Christian Rickens: "Die neuen Spießer"

                                                                    
Eine scharfzüngige Antwort an neue Wertepropheten
 

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Rezensionen von Sekundärliteratur erfordern normalerweise die Lektüre der entsprechenden Primärliteratur, wollen sie den Anspruch von Ernsthaftigkeit erheben. Liegt diese Voraussetzung nicht vor, was hier der Fall ist, so müsste man sie durch einschlägige Lektüre schaffen oder die Rezension unterlassen. Da Ersteres am Zeitmangel scheitert und Letzteres den Bericht über ein im Grunde intelligentes Buch verhindern würde, muss eine logische Konstruktion her, die gerade diese Lücke füllt. Jede Kritik an einer neuen intellektuellen Bewegung bringt neben der reinen kritischen Auseinandersetzung mit den dort vertretenen Thesen auch ein eigenes Weltbild des Autoren zum Vorschein, das sich unabhängig von dem Objekt der Kritik aus dem Kontext der Ausführungen entwickelt. Dieses Welt- oder Meinungsbild und die Art und Weise, es dem Leser nahe zu bringen, lassen sich wiederum als Grundlage für eine Rezension heranziehen.

Christian Rickens, als Mittdreißiger selbst ein Produkt der "68er-Generation", nimmt sich die neuen Konservativen vor, die ihre Weltsicht in Büchern wie "Minimum" (FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher), "Schluss mit lustig" (Peter Hahne), "Das Eva-Prinzip" (Eva Herrmann) und "Die Kultur der Freiheit" (Udo die Fabio) verbreiten. Rickens zitiert neben diesen "Kernbüchern" noch eine ganze Reihe weiterer Autoren, so etablierter Demographen und Historiker, z. B. den umstrittenen Paul Nolte. Dabei ist vor allem erst einmal das solide Literaturstudium hervorzuheben, wobei sich mangels ausreichenden Quellenstudiums keine Aussage darüber treffen lässt, inwieweit Behauptungen der jeweiligen Autoren aus dem Zusammenhang gerissen wurden, was bei Kritikern von Weltanschauungen eine gern geübte Verfahrensweise ist. Zumindest Autoren wie Peter Hahne und Eva Herrmann jedoch haben mit ihren Ausführungen mittlerweile eine derartige Resonanz gewonnen, dass man Rickens´ Zitate und Kommentare für stichhaltig nehmen kann. Auch bei den anderen zitierten Autoren einer neuen Bürgerlichkeit sprechen die Zitate im Großen und Ganzen für sich.

Bei der Lektüre dieses Buches fällt grundsätzlich der Unterschied zwischen dem analytischen Kritiker (Rickens) und den werteorientierten Vertretern konkreter Weltanschauungen auf. Während letztere sich zu einer bestimmten Weltsicht  mit konkreten Werten bekennen und damit automatisch angreifbar werden, zieht sich der Intellektuelle gerne auf die kritische Analyse der existierenden (falschen) Verhältnisse zurück. Während der "Wertemensch" für - oft fragwürdige - konkrete  Wertesysteme eintritt, liegt dem Intellektuellen in erster Linie daran, nicht im Unrecht zu sein. Der liberale Individualist erkennt über sich keine "Wertemacht" an außer die der Liberalität und der Toleranz und kann daher seine eigene Identität nur durch die "Richtigkeit" seiner persönlichen Weltsicht wahren. Der Wahrer konkreter und allgemeingültiger Werte - seien es religiöse oder politische (Marxismus!) - dagegen kann sich immer auf ein übergeordnetes Wertesystem beziehen und abstützen. Insofern kommt natürlich der neue Bürgerliche mit seinen Versprechungen einer objektiven Wertehierarchie besser beim Publikum an als der analytische "Fledderer", der diesen konkreten Werten nichts Eigenes entgegenzusetzen hat. Die Stärke des Intellektuellen ist also gleichzeitig seine große Schwäche.

Rickens geht methodisch die Lieblingsthemen der deutschen "Neo-Cons" (Neu-Konservativen) an: nach einem kurzen historischen Abriss dieser in den Neunzigern entstandenen Bewegung kommt er auf eines der den Neu-Konservativen besonders am Herzen liegenden Themen zu sprechen, den demographischen Wandel. Diese in der Tat bedenkliche Tendenz sehen die "Bürgerlichen"  in der beruflichen Fixierung der Frau, der Abwertung der Hausfrau und dem gezielten Eindringen des Staates in Schlaf- und Kinderzimmer der Familien. Rickens leugnet das Problem nicht, kann aber nicht ganz der Gefahr der Unverbindlichkeit entgehen, wenn er die Einwanderung als (All-)Heilmittel gegen die demographischen Probleme (Sozialsysteme!) anbietet, aber die "politisch inkorrekte" Tatsache der Unterqualifizierung und bewussten Abschottung ganzer (Ausländer-)Milieus gegen Bildung und Integration mehr oder weniger unterschlägt. Mittelalterliche Zustände vor allem in türkischen Familien bis hin zu Zwangsheiraten und Ehrenmorden kann man nicht einfach mit dem Hinweis auf mehr Bildung abtun, ohne das "Wie" dieser Bildungsvermittlung zu diskutieren. Sein berechtigter Zorn gilt dabei der pauschalierten Abwertung der Ausländer, die sich auch gerne auf längst integrierte Migranten erstreckt, nur weil sie keinen deutschen Namen und Pass besitzen.

Ein weiteres Kapitel widmet Rickens der "68er-Hatz" und verweist darauf, dass diese Generation eine wesentliche Funktion bei der Erneuerung der unter Adenauer erstarrten Bundesrepublik hatte. Die RAF und ihre Sympathisanten kommen jedoch bei Rickens nicht vor, obwohl sie die nicht zu vernachlässigende dunkle Seite der 68er-Bewegung darstellen, und das auch heute noch, wie die jüngsten Debatten zeigen. Die Globalisierung - von Rickens glücklicherweise nicht kurzschlüssig als reversible Untat der Kapitalisten verdammt - mit ihren Gewinnern und Verlieren - neue Unterschichten! - nimmt Rickens ebenso ins Visier wie die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg, die sich deutlich von der Unterschicht distanziert und dieser die Schuld an ihrem Abstieg zuweist. Auch diese Tendenz belegt Rickens deutlich bei verschiedenen Vertretern der neuen Bürgerlichkeit. Den Ausflug in die Kultur und die den Bürgerlichen so schrecklichen Theater, die angeblich nur Schmutz und Nacktheit zeigen, relativiert Rickens ein wenig durch das Eingeständnis seines mangelnden Theaterverständnisses und muss sich daher auf Kommentare angeblicher Theaterkenner verlassen. Dass die überwiegende Mehrheit der Theaterbesucher eher Entspannung und Erbauung denn kritische Auseinandersetzung mit der Realität suchen, ist allerdings keine Erscheinung einer "neuen" Bürgerlichkeit sondern so alt wie das Theater selbst.

Ausführungen über das Erstarken eines nebulösen und etwas verquasten Patriotismus der neuen Bürgerlichen, über deren mehr oder minder unterschwellige Xenophobie und ihren Angriff auf die Ökobewegungen runden die Ausführungen ab. Zu allen diesen Themen lässt sich sagen, dass Rickens den Finger in die Wunde der populistischen und vorurteilsbeladenen Ansichten dieser neuen Bewegung legt, dabei aber immer wieder die Probleme selbst bagatellisiert, die ja die Ursachen für den Ausbruch nach rechts darstellen. Sie Kritik trifft zwar meist den Kern der Sache und die zum Teil verantwortungslosen Prediger einer neuen Moral, doch Rickens´ konkreten Lösungsvorschläge fehlen oder fallen teilweise recht dünn aus. Nur bei der finanziellen Grundsicherung überzeugt er mit einem Konzept, das bereits seit längerem von Experten propagiert wird, sich aber im politischen Klein-Klein der Koalitionen kaum durchsetzen lassen wird.

Humor ist eine seltene Gabe, die dem Autor glücklicherweise zur Verfügung steht. Als er in dem 68er-Kapitel über idealistische Weltverbesserer redet und unter diesen viele Lehrer und Journalisten erkennt, erteilt der praktizierende Journalist dem schmunzelnden Leser in der Anmerkung die Rüge: "Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt!". Außerdem ist ihm auch Selbstkritik nicht fremd: im letzten Kapitel kommen ihm manche Aussagen in seinem Buch doch ein wenig zu absolut vor, so seine pauschale "Ächtung" von CDU-Wählern. Ohne sich in den wesentlichen Punkten zu widersprechen oder gar zu widerrufen, schwächt er einige Aussagen ab und relativiert andere. Den politischen Gegnern und den "falsch" Wählenden erweist er hier eine Toleranz, die vorher nicht immer zu erkennen ist. Doch sollte man diese abschließende Reverenz an den Toleranzgedanken nicht als verspäteten "Weichmacher" betrachten. Die Kernsätze seiner Konservativen-Kritik bleiben weiterhin bestehen.

Das Buch ist im Ullstein-Verlag unter der ISBN 3-550-07896-56 erschienen und kostet 14 Euro.

Frank Raudszus



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