Louis Begley: "Ehrensachen"

                                                                    
Ein autobiographischer Roman über die letzten fünfzig Jahre
 

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BuchumschlagLouis Begley wurde 1933 als Sohn jüdischer Eltern in Polen geboren, emigrierte in die USA und wurde dort Anwalt und Romancier. Diese Fakten sind notwendig für das Verständnis eines Romans, der wohl mehr eine Autobiographie ist. Über eine Spanne von gut fünfzig Jahren schildert er das Leben einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich seit Studententagen kennen.

Anfang der fünfziger Jahre beziehen Sam, Henry und Archie zusammen ein Studentenwohnheim der Harvard-Universität. Sam, der Ich-Erzähler, wurde von seinen Eltern als Säugling adoptiert und lebt von einem Vermögen, das sein Großvater frühzeitig für ihn angelegt hat. Die Vermutung liegt nahe, dass er die Frucht eines großväterlichen Fehltritts ist. Archie ist Sohn eines Armee-Obersten, der unter der ausstehenden Beförderung zum General leidet, und präsentiert sich den neuen Kommilitonen als genussfreudiger, lebenslustiger Archetyp des Amerikaners. Henry schließlich ist mit seinen jüdischen Eltern nach dem Krieg in die USA ausgewandert, nachdem er den Krieg in einem Warschauer Versteck überlebt hat. Er leidet von Anfang an unter dem Komplex des Nichtgesellschaftsfähigen, der ein akzentbehaftetes Englisch spricht, nicht an den "richtigen" Schulen war und die falschen Eltern hat. Also bemüht er sich konsequent, sein Judentum zu verbergen und sich vollständig in die amerikanische Gesellschaft zu integrieren. Doch der Antisemitismus der neuenglischen WASP-Gesellschaft (White Anglo-Saxon Protestants) macht es ihm nicht einfach. Dieser Antisemitismus ist nicht vulgär oder gar lebensgefährlich  wie sein Pendant im nationalsozialistischen Deutschland sondern eher subtil. Man macht sich einen Sport daraus, verborgenes Judentum aufzuspüren und deren Träger dann auf gesellschaftlicher Ebene auszugrenzen. Führende Anwaltskanzleien stellen keine jüdischen Anwälte ein, die entscheidenden Country-Clubs nehmen sie nicht auf, und zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen der führenden Schicht werden sie schon gar nicht eingeladen. Von all dem merkt Archie anfangs natürlich wenig, da er noch nicht in die Nähe dieser Schicht vorgedrungen ist. Doch bald zeigt ihm die unterschiedliche Behandlung anderer Studenten aus eingesessenen  - und natürlich reichen - Familien, dass er es als Jude in der amerikanischen Gesellschaft nicht leicht haben wird. Während Archie mühelos Zugang zu besseren Clubs und Veranstaltungen erhält, muss er in den bürgerlichen Niederungen verharren, und nur die enge Freundschaft mit Sam und Archie ermöglicht ihm einen Zugang zu dieser Schicht, der jedoch immer unter Vorbehalt steht. Man fragt nach seiner Herkunft, zeigt sich entsetzt über und interessiert an seinem jahrelangen Leben im Versteck, lässt ihn aber auch die unsichtbare Trennlinie zwischen ihm und der Gesellschaft spüren. Henry löst sich innerlich von seinen Eltern, die den einzigen Sohn mit ihrer ganzen besitzergreifenden Fürsorge und jüdischen Tradition vereinnahmen wollen. Mit zunehmendem Alter verschärfen sich die Konflikte vor allem mit seiner Mutter, die sich schließlich in einem Fall egozentrischer Depression das Leben nimmt, da sie sich von ihrem Sohn nicht ausreichend gewürdigt fühlt.

Obwohl anfangs alle drei Protagonisten gleich bedeutend zu sein scheinen, dreht sich die Handlung des Romans bald nur noch um Henry. Sam verfolgt und beschreibt dessen Leben minutiös aus der Sicht des besten Freundes. Zwar bringt er auch viel Zeit mit seinem Vetter George zu, mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verbindet, aber sein eigentliches Interesse gilt dem hochbegabten aber schwierigen Henry. Während er von sich kaum bedeutende Lebensdetails erzählt - nur, dass er sein Studium abschließt und in regelmäßigen Abschnitten Romane veröffentlicht - seziert er Henrys Leben in allen Details. Literarisch gelingt dem Autor dies dadurch glaubwürdig, dass Henry Sam als seinen engsten Vertrauten betrachtet und ihm alles erzählt, was ihn bewegt. Während der Leser über die ganze Lebensperiode des Romans von keiner einzigen erotischen Beziehung Sams geschweige denn von Ehefrauen und Kindern erfährt - er scheint das Leben eines schreibenden Mönchs zu führen - liegt in dieserm Bereich Henrys zentrales Problem. Er verliebt sich in eine junge Frau aus den für ihn unzugänglichen Kreisen und wird ihr nahezu ein Leben lang nachlaufen. Zwar unterhält er längere Zeit trotz ihrer diversen Ehen ein erotisches Verhältniss mit ihr, aber zu der von ihm erhofften Ehe kommt es nie. Stattdessen macht er als Anwalt in einer renommierten Kanzlei Karriere und wird zu deren erfolgreichstem Vertreter in Europa, bis er sich eines Tages - auf dem Hühepunkt seine beruflichen Erfolges - von einem auf den anderen Tag in ein unbekanntes Privatleben zurückzieht und sogar zu seinen engsten Freunden den Kontakt abbricht. Erst gut zwanzig Jahre später wird Sam nach langer Suche den alten Freund in der Jetztzeit wiederfinden und seine Gründe für den Ausstieg erfahren.

Währenddessen hat der Autor die übrigen Personen sterben lassen oder in die literarische Bedeutungslosigkeit geschickt. Archie stirbt einen frühen Unfalltod, nachdem er seine Rolle als amerikanischer Urtyp ausreichend ausgefüllt hat, George wird als Anwalt in allen Ehren alt, und Margot, Henrys Angebetete, bereut ihre frühere Unnahbarkeit gegenüber Henry. Auch der Tod der jeweiligen Elztern wird mal gestreift - Sams Eltern - mal, wie in Henrys Fall, detailliert thematisisert. Doch wichtig sind eigentlich nur alle Entwicklungen, die Henry betreffen. Betrachtet man diese Konstellation mit einigem Abstand, so ergibt sich ein deutliches Schema: Sam und Henry sind die beiden Seiten einer Persönlichkeit, ihr gegenseitiges "alter ego". Henry repräsentiert den faktisch in einer fremden Welt mit der privaten und beruflichen Ausgrenzung kämpfenden Juden, der auch im höchsten Erfolg nicht "dazu gehört". Sam dagegen steht für den Archetypus des "ewigen Juden" in der Diaspora; vertrieben aus der Vergangenheit - er kennt seine wahren Eltern nicht - und ohne Zukunft - weder Frau noch Kinder - zieht er allein durch die Welt und beschaut sie von außen, alles analytisch verstehend und dennoch nirgends eingebunden. Sams gesellschaftlich indifferentes Leben ist kennzeichnend für die seit zweitausend Jahren in der Welt verstreuten Juden, und sein einziger echter Kontakt zu diesem Leben besteht im Schreiben. Das Leben wird ihm zum Roman, weil er im richtigen nicht zu Hause ist. Diese Interpretatiion mag manchem vielleicht ein wenig hergeholt erscheinen, doch ohne sie wird der Roman zu einer Lebensgeschichte mit viel Längen. Für einen typischen Entwicklungsroman mit individuellen Charakteren weist das Buch schlicht zu viele Längen auf. Besonders im Mittelteil, nachdem sich die Akteure im Leben positioniert haben und sich die Dinge mehr oder minder wiederholen, geschieht nichts typisch Romanhaftes - Katastrophen, Umschwünge, moralische Konflikte  -, was die Handlung vorantreibt und die Spannung steigen lässt. Doch als romanhafte Biographie mit engem Bezug zur gelebten Realität wirkt das Buch außerordentlich authentisch, gerade wegen seiner Längen. Denn das Leben ist nicht immer voll dramaturgisch gut gesetzter Konflikte und Brüche; oftmals zieht es sich in mehr oder minder geregeltem und bisweilen auch wohlhabendem Umfeld dahin.

Begley geht es um die Identität des Juden in einer Gesellschaft, die sich selbst genug ist und diesen nicht braucht; die zwar den Juden Juden sein lässt und ihn nicht verfolgt, ihn aber auch nicht unbedingt an ihrem  eigenen Leben teilhaben lassen möchte.  Der stille Vorwurf Begleys trifft jedoch die Gesellschaft nur peripher; er nimmt den mehr oder minder stillen Antisemitismus fast wie eine historische Konstante hin. Viel mehr stört ihn der unbezwinbare Drang vieler Juden, die eigene Identität zu verleugnen und sich als überperfekter Vertreter der jeweiligen Gastgesellschaft zu verstehen. In Deutschland war dies Phänomen selbst im Dritten Reich bekannt, als sich viele Juden nicht vorstellen konnten, dass man sie angesichts ihrer Vaterlandstreue und Verdienste umd das Land verfolgen könne. Und so trennt sich Henry denn auch auf dem Höhepunkt seiner vermeintlichen Integration in die amerikanische Gesellschaft und zieht in einen unbekannten kleinen Ort fernab der USA, wo er einfach als Mensch und Jude unbeachtet leben kann.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41870-3 erschienen und kostet 19,80 Euro.

Frank Raudszus



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