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Louis Begley: "Ehrensachen" |
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Ein
autobiographischer Roman über die letzten fünfzig Jahre |
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Anfang
der fünfziger Jahre beziehen Sam, Henry und Archie zusammen ein
Studentenwohnheim der Harvard-Universität. Sam, der
Ich-Erzähler, wurde von seinen Eltern als Säugling adoptiert
und lebt von einem Vermögen, das sein Großvater
frühzeitig für ihn angelegt hat. Die Vermutung liegt nahe,
dass er die Frucht eines großväterlichen Fehltritts ist.
Archie ist Sohn eines Armee-Obersten, der unter der ausstehenden
Beförderung zum General leidet, und präsentiert sich den
neuen Kommilitonen als genussfreudiger, lebenslustiger Archetyp des
Amerikaners. Henry schließlich ist mit seinen jüdischen
Eltern nach dem Krieg in die USA ausgewandert, nachdem er den Krieg in
einem Warschauer Versteck überlebt hat. Er leidet von Anfang an
unter dem Komplex des Nichtgesellschaftsfähigen, der ein
akzentbehaftetes Englisch spricht, nicht an den "richtigen" Schulen war
und die falschen Eltern hat. Also bemüht er sich konsequent, sein
Judentum zu verbergen und sich vollständig in die amerikanische
Gesellschaft zu integrieren. Doch der Antisemitismus der neuenglischen
WASP-Gesellschaft (White Anglo-Saxon Protestants) macht es ihm nicht
einfach. Dieser Antisemitismus ist nicht vulgär oder gar
lebensgefährlich wie sein Pendant im nationalsozialistischen
Deutschland sondern eher subtil. Man macht sich einen Sport daraus,
verborgenes Judentum aufzuspüren und deren Träger dann auf
gesellschaftlicher Ebene auszugrenzen. Führende Anwaltskanzleien
stellen keine jüdischen Anwälte ein, die entscheidenden
Country-Clubs nehmen sie nicht auf, und zu den gesellschaftlichen
Veranstaltungen der führenden Schicht werden sie schon gar nicht
eingeladen. Von all dem merkt Archie anfangs natürlich wenig, da
er noch nicht in die Nähe dieser Schicht vorgedrungen ist. Doch
bald zeigt ihm die unterschiedliche Behandlung anderer Studenten aus
eingesessenen - und natürlich reichen - Familien, dass er es
als Jude in der amerikanischen Gesellschaft nicht leicht haben wird.
Während Archie mühelos Zugang zu besseren Clubs und
Veranstaltungen erhält, muss er in den bürgerlichen
Niederungen verharren, und nur die enge Freundschaft mit Sam und Archie
ermöglicht ihm einen Zugang zu dieser Schicht, der jedoch immer
unter Vorbehalt steht. Man fragt nach seiner Herkunft, zeigt sich
entsetzt über und interessiert an seinem jahrelangen Leben im
Versteck, lässt ihn aber auch die unsichtbare Trennlinie zwischen
ihm und der Gesellschaft spüren. Henry löst sich innerlich
von seinen Eltern, die den einzigen Sohn mit ihrer ganzen
besitzergreifenden Fürsorge und jüdischen Tradition
vereinnahmen wollen. Mit zunehmendem Alter verschärfen sich die
Konflikte vor allem mit seiner Mutter, die sich schließlich in
einem Fall egozentrischer Depression das Leben nimmt, da sie sich von
ihrem Sohn nicht ausreichend gewürdigt fühlt. Obwohl
anfangs alle drei Protagonisten gleich bedeutend zu sein scheinen,
dreht sich die Handlung des Romans bald nur noch um Henry. Sam verfolgt
und beschreibt dessen Leben minutiös aus der Sicht des besten
Freundes. Zwar bringt er auch viel Zeit mit seinem Vetter George zu,
mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verbindet, aber sein
eigentliches Interesse gilt dem hochbegabten aber schwierigen Henry.
Während er von sich kaum bedeutende Lebensdetails erzählt -
nur, dass er sein Studium abschließt und in
regelmäßigen Abschnitten Romane veröffentlicht -
seziert er Henrys Leben in allen Details. Literarisch gelingt dem Autor
dies dadurch glaubwürdig, dass Henry Sam als seinen engsten
Vertrauten betrachtet und ihm alles erzählt, was ihn bewegt.
Während der Leser über die ganze Lebensperiode des Romans von
keiner einzigen erotischen Beziehung Sams geschweige denn von Ehefrauen
und Kindern erfährt - er scheint das Leben eines schreibenden
Mönchs zu führen - liegt in dieserm Bereich Henrys zentrales
Problem. Er verliebt sich in eine junge Frau aus den für ihn
unzugänglichen Kreisen und wird ihr nahezu ein Leben lang
nachlaufen. Zwar unterhält er längere Zeit trotz ihrer
diversen Ehen ein erotisches Verhältniss mit ihr, aber zu der von
ihm erhofften Ehe kommt es nie. Stattdessen macht er als Anwalt in
einer renommierten Kanzlei Karriere und wird zu deren erfolgreichstem
Vertreter in Europa, bis er sich eines Tages - auf dem Hühepunkt
seine beruflichen Erfolges - von einem auf den anderen Tag in ein
unbekanntes Privatleben zurückzieht und sogar zu seinen engsten
Freunden den Kontakt abbricht. Erst gut zwanzig Jahre später wird
Sam nach langer Suche den alten Freund in der Jetztzeit wiederfinden
und seine Gründe für den Ausstieg erfahren. Währenddessen
hat der Autor die übrigen Personen sterben lassen oder in die
literarische Bedeutungslosigkeit geschickt. Archie stirbt einen
frühen Unfalltod, nachdem er seine Rolle als amerikanischer Urtyp
ausreichend ausgefüllt hat, George wird als Anwalt in allen Ehren
alt, und Margot, Henrys Angebetete, bereut ihre frühere
Unnahbarkeit gegenüber Henry. Auch der Tod der jeweiligen Elztern
wird mal gestreift - Sams Eltern - mal, wie in Henrys Fall, detailliert
thematisisert. Doch wichtig sind eigentlich nur alle Entwicklungen, die
Henry betreffen. Betrachtet man diese Konstellation mit einigem
Abstand, so ergibt sich ein deutliches Schema: Sam und Henry sind die
beiden Seiten einer Persönlichkeit, ihr gegenseitiges "alter ego".
Henry repräsentiert den faktisch in einer fremden Welt mit der
privaten und beruflichen Ausgrenzung kämpfenden Juden, der auch im
höchsten Erfolg nicht "dazu gehört". Sam dagegen steht
für den Archetypus des "ewigen Juden" in der Diaspora; vertrieben
aus der Vergangenheit - er kennt seine wahren Eltern nicht - und ohne
Zukunft - weder Frau noch Kinder - zieht er allein durch die Welt und
beschaut sie von außen, alles analytisch verstehend und dennoch
nirgends eingebunden. Sams gesellschaftlich indifferentes Leben ist
kennzeichnend für die seit zweitausend Jahren in der Welt
verstreuten Juden, und sein einziger echter Kontakt zu diesem Leben
besteht im Schreiben. Das Leben wird ihm zum Roman, weil er im
richtigen nicht zu Hause ist. Diese Interpretatiion mag manchem
vielleicht ein wenig hergeholt erscheinen, doch ohne sie wird der Roman
zu einer Lebensgeschichte mit viel Längen. Für einen
typischen Entwicklungsroman mit individuellen Charakteren weist das
Buch schlicht zu viele Längen auf. Besonders im Mittelteil,
nachdem sich die Akteure im Leben positioniert haben und sich die Dinge
mehr oder minder wiederholen, geschieht nichts typisch Romanhaftes -
Katastrophen, Umschwünge, moralische Konflikte -, was die
Handlung vorantreibt und die Spannung steigen lässt. Doch als
romanhafte Biographie mit engem Bezug zur gelebten Realität wirkt
das Buch außerordentlich authentisch, gerade wegen seiner
Längen. Denn das Leben ist nicht immer voll dramaturgisch gut
gesetzter Konflikte und Brüche; oftmals zieht es sich in mehr oder
minder geregeltem und bisweilen auch wohlhabendem Umfeld dahin. Begley
geht es um die Identität des Juden in einer Gesellschaft, die sich
selbst genug ist und diesen nicht braucht; die zwar den Juden Juden
sein lässt und ihn nicht verfolgt, ihn aber auch nicht unbedingt
an ihrem eigenen Leben teilhaben lassen möchte. Der
stille Vorwurf Begleys trifft jedoch die Gesellschaft nur peripher; er
nimmt den mehr oder minder stillen Antisemitismus fast wie eine
historische Konstante hin. Viel mehr stört ihn der unbezwinbare
Drang vieler Juden, die eigene Identität zu verleugnen und sich
als überperfekter Vertreter der jeweiligen Gastgesellschaft zu
verstehen. In Deutschland war dies Phänomen selbst im Dritten
Reich bekannt, als sich viele Juden nicht vorstellen konnten, dass man
sie angesichts ihrer Vaterlandstreue und Verdienste umd das Land
verfolgen könne. Und so trennt sich Henry denn auch auf dem
Höhepunkt seiner vermeintlichen Integration in die amerikanische
Gesellschaft und zieht in einen unbekannten kleinen Ort fernab der USA,
wo er einfach als Mensch und Jude unbeachtet leben kann. Das
Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter
der ISBN 3-518-41870-3 erschienen und kostet 19,80 Euro. Frank Raudszus |
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