Jonathan Franzen: "Unruhezone"

                                                                    
Offenherzige "Zwischenmemoiren"
 

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BuchumschlagNormalerweise pflegen Schriftsteller - und da unterscheiden sie sich kaum von anderen Prominenten und solchen, die es gerne wären - gegen Ende eines mehr oder minder aufregenden, erlebnisreichen Lebens ihre Memoiren zu verfassen und ihre Lebenserkenntnisse an ihre Leser weiterzugeben. Bisweilen fühlt ein Autor jedoch bereits wesentlich früher das Bedürfnis, eine Standortbestimmung vorzunehmen oder sich selbst Rechenschaft über sein bisheriges Leben abzulegen.

Jonathan Franzen, Jahrgang 1959, ist einer von den letzteren Autobiographen. Ihm geht es jedoch weniger um Lebensweisheiten und erfahrungssatte Erkentnisse sondern vielmehr um eine Aufarbeitung seines bisherigen Lebens unter besonderer Berücksichtigung der Jugend. Franzen meidet dabei konsequent jeden Versuch der Schönung und macht vor keinem peinlichen Bekenntnis halt. Jeder von uns kennt diese Momente und Phasen im Leben, die man ungeschehen machen möchte, da sie kein strahlendes Licht auf das eigene Ego werfen. Vor allem die Jugend mit ihren vielfältigen Umbrüchen und Fehlleistungen bietet in dieser Hinsicht ein weites Feld. Franzen schildert seine eigene Kindheit und Jugend mit dem unbestechlichen Blick eines externen Beobachters und schildert die Welt der sechziger und siebziger Jahre aus dem Blickwinkel eines Nachzüglers in einer (klein)bürgerlichen Familie  des berühmt-berüchtigten amerikanischen Mittelwestens. Seine Mutter ist ein Muster an Biederkeit und Rechtschaffenheit, immer um Sitte und Anstand der Söhne bemüht. Die ersten sexuellen Gehversuche der Söhne verfolgt sie mit Entsetzen und Wegsehen, für die Nöte der Heranwachsenden hat sie mehr oder minder nur die Standardsätze der bürgerlichen Konvention übrig.

Der jugendliche Jonathan möchte auch gerne "cool" sein, auch wenn man das damals noch nicht so nannte, entwickelt dabei aber eine eher tolpatschige Art, so dass er schon in der Schule als "sozialer Tod" gilt. Wer sich mit ihm abgibt, ist inder Klasse abgeschrieben. Die Mädchen belächeln ihn lange aus unerreichbarer Ferne, und bei den Aktivitäten seiner Mitschüler steht er nur dabei. Sein Traum, einmal zu schreiben, äußert sich früh, wird jedoch von Schulkameraden und Eltern mit müdem Lächeln quittiert. Erst gegen Ende der Schulzeit wird er Mitglied einer Gruppe Gleichaltriger, mit denen er erfolgreich eine Reihe von harmlosen Schulstreichen verübt.

Im Studium geht es Jonathan nicht anders als in der Schule, doch hier liegen die Probleme zunehmend im Erotischen. Die Kontakte zu Mädchen sind selten und dann ziemlich unbefriedigend, auch, weil er nicht den richtigen Zugang zu ihnen findet. Der Traum vom großen erotischen Erlebnis während seines Auslandsaufenthalt in Europa erweist sich als Illusion, denn auch hier haben die Mädchen nicht mit offenen Armen auf ihn gewartet. Schließlich findet er doch eine gleichaltrige Kommilitonin, doch die Beziehung trägt schon von Anfang an den Keim des Misslingens in sich und schleppt sich jahrelang während einer unbedriedigenden Ehe bis zur endgültigen Scheidung dahin. Andere Beziehungen kommen und gehen und schließlich lebt der Autor mit einer gleichaltrigen Frau in einer lockeren Beziehung ohne Kinder. Sicherlich nicht das, was sich seine Eltern einmal unter seiner Zukunft vorgestellt hatten. Im "Bird Watching", einer geradezuz suchtähnlichen Freizeitbeschäftigung der Amerikaner, findet Franzen schließlich eine ihn - neben dem Schreiben - in gewisser Weise ausfüllende Beschäftigung.

Das Herausragende an diesem Buch ist nicht sein - begrenzter - literarischer Wert, sondern die Ehrlichkeit, mit der Franzen seinen Lesern ein über weite Strecken frustrierendes und von Misserfolgen gepflastertes Leben präsentiert. Aber gerade in der Besinnung auf die vielen kleinen und großen Niederlagen seines Lebens entwickelt der Autor eine Abgeklärtheit, die ihm eine solide Basis für die Zukunft verschafft. Vielen ist es im Leben sicherlich ähnlich wie dem jungen Franzen gegangen, aber so ungeschminkt haben wohl die wenigsten öffentlich über ihr Leben gesprochen. Neben der Eigentherapie, die ganz offensichtlich hinter diesem Buch steckt, leistet der Autor damit sicherlich auch vielen Lesern eine geiwsse therapeutische Hilfe, sehen sie doch, dass es auch "erfolgreichen" Mitmenschen nicht unbedingt besser geht.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-498-02116-0 erschienen und kostet 19,90 Euro.

Frank Raudszus



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