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Rachel Cusic: "Arlington Park" |
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"Desperate
Housewifes" in einer englischen Kleinstadt |
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Kommt uns diese literarische Situation nicht bekannt vor? Erscheint da kein "dèjà vu"-Effekt? Doch hier geht es nicht um das verrußte und trostlose Dublin des frühen 20. Jahrhundert, und hier steht nicht eine kleine Gruppe von Männern im Mittelpunkt, die sich gegenseitig ihr Leben erzählen und den Tag mit Trinken und Beerdigungen zubringen. In diesem modernen "Ulysses" hat es vier Frauen in den Dreißigern in eine Kleinstadt irgendwo weit und doch nah genug von London verschlagen, die ihren Sehnsüchten, Jugendträumen und vermeintlich verpassten Chancen nachsinnen. Doch die Autorin hat ihren Joyce offensichtlich gründlich gelesen und lieben gelernt. Ihr Buch atmet die gleiche Atmosphäre der Vergeblichkeit und des trägen, aber stetigen Vorbeifließens der Zeit wie bei dem großen Iren. Die Dialoge verbergen unter der Beiläufigkeit und dem scheinbar ziellosen Mäandern der Themen die gleiche Ratlosigkeit und Angst vor dem Morgen. Insofern zeigt sich Rachel Cusk als würdige Nachfolgerin - nicht Epigonin! - einer wegweisenden Persönlichkeit der modernen Literatur. Juliet ist Lehrerin und mit ihrem ebenfalls als Lehrer arbeitenden Mann nach Arlington gezogen. Doch sie fühlt sich wie abgestorben und zeiht ihren Mann des langsamen Mordes. Diese Stadt bedeutet für die den sozialen Tod, ohne dass sie es an einem bestimmten Umstand festmachen kann. In der Schule immer die Beste und von Lehrern und Eltern mit viel Vorschusslorbeeren bedacht, brilliert sie jetzt nicht als Professorin, Staranwältin oder Schriftstellerin in den Medien, sondern betreut in dieser ruhigen Kleinstadt zwei kleine Kinder und gibt halbtags an einer höheren Mädchenschule Unterricht. Juliet starrt in die Zukunft wie in einen schwarzen Tunnel, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Ihr Mann - hoch engagierter und respektierter Lehrer an einer Problemschule - scheint von allem nichts zu merken und folgt seinem täglichen Lebensrhythmus scheinbar zufrieden und selbstgenügsam. Für Juliet gibt es in der Woche nur einen Lichtblick: ihre Literaturklasse mit den Mädchen höherer Jahrgänge; dann scheint etwas von den Möglichkeiten durch, die sie für sich gesehen hat und die ein für alle Mal hinter dem grauen Horizont von Arlington Park versunken sind. Von den anderen Frauen, die sie täglich am Kindergarten oder vor der Grundschuole trifft, fühlt sie sich ausgeschlossen, ohne sagen zu können, warum oder wodurch. Ihre Frustration hat sich bereits zu einer depressiven Paranoia entwickelt. Amanda
und ihr Mann haben ihr Leben und vor allem ihr Domizil geradezu
generalstabsmäßig geplant. Nach allen Regeln der
Immobilienkunst haben sie das beste alte Haus in Arlington erworben und
es großzügig hergerichtet. Amanda glaubt, durch
Professionalität und unsentimentale Lebensführung alles im
Griff zu haben und Lebenserfolg - was immer das ist - erzwingen zu
können. Ihr kleiner Sohn wirkt da eher als Störeffekt denn
als Bereicherung, aber ein Kind gehört schließlich zur
Familie. Trotz ihres standesgemäßen Hauses will sich jedoch
das erhoffte Hochgefühl des Erfolgs nicht einstellen. Sie
fühlt sich ihren Nachbarn, ein älteres Ehepaar, sogar auf
unerklärliche Weise unterlegen, weil diese offensichtlich ihr
Leben genießen und sich nur in Maßen um sie kümmern,
was sie im Stillen als Nichtachtung ihrer Lebensleistungen verbucht.
Auch bei den anderen Frauen vermisst sie die spontane Zuwendung und
leidet darunter, dass diese nicht wie von selbst den Weg zu ihr finden.
Als es ihr schließlich gelingt, einige Frauen an diesem Tag zum
Kaffee einzuladen, bleibt wiederum ein Rest von Distanz und
Selbstbezüglichkeit bei den Frauen, die sich selbst genug zu sein
scheinen. Amanda möchte im Mittelpunkt eines großen
Bekanntenkreises stehen und Anerkennung genießen, wird jedoch
nicht damit fertig, dass genau dies die anderen Frauen auch
möchten. Daneben muss sie sich noch mit den Vorwürfen ihrer
Schwester auseinandersetzen, die ihr fast genüsslich den letzten
Ausspruch der frisch verstorbenen Großmutter kolportiert, sie
könne nicht lieben. Solly
hat bereits drei Kinder und ist wieder schwanger. Sie fühlt sich
unförmig und unsagbar unattraktiv, vernachlässigt deswegen
fast schon aus Trotz ihr Äußeres. Um noch ein wenig Geld in
die Haushaltskasse zu spülen, vermietet sie ein Zimmer an junge
ausländische Frauen. Nacheinander lernt sie auf diese Weise eine
hübsche Taiwanesin, eine verklemmte Japanerin und eine so
selbständige wie attraktive Italienerin kennen. Mit allen dreien
freundet sie sich an und bewundert in ihnen das Weltläufige, das
für sie allein schon in der Tatsache begründet liegt,
längere Zeit allein im Ausland zu leben. Wie unter einem inneren
Drang zieht es sie immer wieder in die Zimmer der Gäste, um dort
aus Fotos oder sonstigen kleinen Besitztümern der Mieterinnen ein
Stück von deren Leben für sich zu rauben. Solly hat sich
längst in der Sackgasse der drei und demnächst vier Kinder
eingerichtet und reagiert ihre Frustration nur noch reflexhaft ab, ohne
sich der Ursachen und Hintergründe bewusst zu werden. Ihre Tage
verlaufen einer wie der andere und sind nur durch die unterschiedlichen
Termine und Forderungen ihrer Kinder strukturiert. Maisie,
Ehefrau eines Anwalts und nur mit einem Kind "gestraft", das bereits
zur Schule geht, wandelt wie ein Zombie durch die Welt. Die eigentlich
- oder einst? - attraktrive Frau achtet kaum auf ihre Kleidung und
steht immer sozusagen neben sich. Bei Gesprächen mit den anderen
Frauen müssen diese sie immer wieder aus einer intellektuellen
Lethargie wecken, und bei Diskussionen bleibt sie seltsam unentschieden
und meinungslos. Maisie scheint in einer anderen inneren Welt zu leben,
die nur wenige Berührungspunkte mit der realen aufweist. Ihre
täglichen Pflichten erfüllt sie mehr schlecht als recht, und
ihr Mann, der nur ihretwegen seinen Anwaltsjob in London aufgegeben hat
und in eine kleine Kanzlei in Arlington Park eingestiegen ist,
räumt abends noch die Küche auf und bringt die Kinder zu
Bett, wenn er aus dem Büro nach Hause kommt. Er scheint Maisies
geradezu krankhafte Lethargie mit Gleichmut zu nehmen, ohne die
Aggression zu wittern, die dahinter lauert. Christine
schließlich, mit einem Architekten verheiratet, ist die Aktive
unter den Frauen, die scheinbar mit beiden Füßen auf dem
Boden steht. Sie überredet die anderen Frauen, an diesem total
verregneten Tag in das große EInkaufszentrum außerhalb des
Ortes zu fahren und dort einen eher sinnlosen aber mäßig
aufregenden Einkaufsbummel zu unternehmen, nur um etwas zu unternehmen.
Sie lädt auch die anderen zu der das Buch abschließenden
Dinnerparty ein, bei der sich alle außer Amanda treffen.
Während der Vorbereitung des Abendessens zerstreitet sie sich
gründlich mit ihrem Mann, der nach ihrer Auffassung nicht genug im
Haushalt hilft. Sie hat "gestriche die Nase voll" von ihm, aber kann
während der Essensvorbereitung ein halbstündiges, völlig
inhaltsleeres Telefonat mit ihrer geschwätzigen, egozentrischen
Mutter führen. Das Konfliktpotential reicht also auch in dieser
Familie für eine Scheidung aus, die aus der Sicht der Frauen nur
die Existenz der Kinder und der im Großen und Ganzen angenehme
soziale Standard verhindern. Denn auch das ist ein entscheidender Punkt
in diesem Roman: diesen Frauen geht es finanziell - mit kleinen
Abstrichen - nicht schlecht. Sie haben alle ein mehr oder minder
geräumiges Haus und gut verdienende, nicht trinkende und nicht
fremd gehende Männer. Und dennoch hassen sie diese Männer,
die ihnen ihre nicht konkretisierten Lebensträume geraubt und sie
an Haus und Kinder gekettet haben, und träumen von einem
selbstbestimmten freien Leben, ohne sich dieses in Einzelheiten
ausmalen zu können. Nur anders als hier muss es sein! Bei
Christine äußerst sich das am Ende der Dinnerparty nach
reichlichem Alkoholgenuss in der schwerzüngigen Aufforderung, alle
Möbel beiseite zu räumen und zu tanzen. Ein wilder, fast
verzweifelter Ausbruch von Lebenshunger, der jedoch kein Echo findet. Die
Männer finden in diesem Buch so gut wie gar nicht statt. Der Leser
lernt sie nur als störende Randfiguren in den Gedanken der Frauen
kennen und erlebt sie am Schluss noch einmal in knapper Form bei der
Dinnerparty, wo sie nicht unbedingt so schlecht wegkommen wie ihr Bild
in den Köpfen ihrer Frauen. Die Autorin korrigiert hier ein wenig
deren Bild, ohne deswegen die Männer in irgendeiner Weise
reinzuwaschen. Sie bleiben dem Beruf und einem gewissen Chauvinismus
verhaftete Wesen, die den inneren Problemen ihrer Frauen
verständnislos gegenüberstehen, was jedoch auch auf die
Sprachlosigkeit der Frauen zurückzuführen ist.
Aufschlussreich ist weiterhin, dass dieses Buch vollständig ohne
Sexszenen oder auch nur die verbale Erwähnung oder die Erinnerung
an solche in den Köpfen der Frauen auskommt. Obwohl Sex im Text
keine Rolle spielt, wirkt er doch im Untergrund und trägt zu der
Spannung zwischen den jeweiligen Ehepartnern bei. Man könnte diese
bewusste Auslassung als subtilen Hinweis darauf interpretieren, dass
die Sexualität in diesen Ehen weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Ein
wichtiges Stilelement stellt das Wetter in diesem Roman dar: es regnet
an diesem typisch englischen Tag fast ununterbrochen. Doch diese
Metapher für die Befindlichkeit der Frauen beschränkt sich
nicht vordergründig auf das Graue und in sich Triste des Regens,
sondern auf die scheinbar unendliche Stetigkeit und
Gleichgültigkeit, mit der er auf alles Lebende fällt und es
zum Ducken und Hasten zwingt. Rachel Cusk gelingen mit der Beschreibung
der verregneten und zwischendurch von der Sonne beschienenen Natur
faszinierende Bilder, die unmittelbar vom meteorologischen Aspekt auf
den psychologischen und gesellschaftlichen verweisen. Der Dauerregen
selbst weckt ein Gefühl der endzeitlichen Resignation und Absage
an das Leben; der einzige Lichtblick besteht in den ersten
Sonnenstrahlen am Ende der Regenperiode und in Christines Aufforderung
zum Tanz. Vielleicht finden die Frauen ja doch noch einen Ausweg aus
ihrer Misere. Das
Buch ist im Rowohlt-Verlag unter
der ISBN 3-498-00931-1 erschienen und kostet 19,90 Euro. Frank Raudszus |
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