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Uwe Timm: "Der Freund und der Fremde" |
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Erinnerungen an
einen historischen und menschlichen Wendepunkt |
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Uwe
Timm erfuhr bereits kurz nach dem Vorfall am 2. Juni 1967 in Berlin vom
Tode Benno Ohnesorgs und trug die Geschichte dieser Freundschaft lange
mit sich herum, bis er nahezu vierzig Jahre danach seine Erinnerungen
und Gedanken in einem Buch zusammentrug. Dieses Buch will weder eine
Biographie des Benno Ohnesorg noch eine Aufarbeitung der
Studentenrevolte von 1967 bis 1977 sein, sondern will einen Einblick
geben in das Wesen dieses jungen Mannes, seine geistige Herkunft und
Heimat skizzieren und letztlich auch dem Autor selbst Aufschluss geben
über die Freundschaft. Eben diese, die während der Kollegzeit
unverbrüchlichen Bestand hatte, setzte der Autor in gewissem Sinn
selbst aufs Spiel, als er nach der Kollegzeit Neues in Angriff nehmen
wollte und sich diesen Neuanfang nicht mit alten Bindungen belasten
wollte.Timm hält diese Tatsache nüchtern fest, ohne sich
dafür zu rechtfertigungen, aber man spürt das tiefe Bedauern,
damals die eigene Selbstfindung über die Freundschaft gestellt zu
haben. Die Erkenntnis, dass der Tod jegliche Wiederbelebung einer
Beziehung endgültig verhindert, wurde ihm nach Benno Ohnesoprgs
Tod schmerzhaft bewusst. Und so verlagert er die nicht mehr
möglichen menschlichen Kontakte in eine posthume Beobachtung und
Würdigung des ehemaligen Freundes. Zu diesem Zweck reist er nach
Berlin und an andere Orte, um dessen Verwandten zu sprechen und weitere
Informationen über sein kurzes Leben zu erhalten. Vor
dem inneren Auge des Lesers entwickelt sich auf diese Weise langsam das
Psychogramm des jungen Ohnesorg, der Gedichte schrieb, die er leider
nie veröffentlichte und die verloren gingen, der Musik liebte und
dem lauten Treiben seiner Altersgenossen sehr skeptisch gegenüber
stand. Beiden Freunden war damals die indifférence
Camus'scher Prägung eigen. Beide waren fasziniert von
Camus' Roman "Der Fremde" und bemühten sich in einer Art
weltanschaulicher Spätpubertät um die Distanz zur sinnlosen
Welt, die der Held im Roman des Franzosen an den Tag legt. Erst viel
später erkennen sie die fehlende Basis für ihre indifférence, weil ja gerade
sie eine aktive geistige Tätigkeit - das Schreiben - anstreben,
die ja gleichgültige Distanz geradezu ausschließt. Die
Ironie des Schicksals will es dann jedoch, dass Benno Ohnesorg genau in
dem Augenblick unschuldiges Opfer einer sinnlosen Tat wird, als er die indifférence überwinden
und sich zum ersten Mal aktiv an einer Demonstration beteiligen will,
wenn auch nur als sympathisierender Beobachter. Man könnte die
Geschichte des Benno Ohnesorg fast als Fortsetzung von Camus' "Der
Fremde" schreiben, nur diesmal aus der Sicht des Opfers. In
gewisser Weise tut Uwe Timm dies auch. Er verzichtet bewusst auf eine
chronologische Geschichte, die einen Sinn konstituieren könnte. Er
verzichtet auch auf soziologische oder politische Verortungen, die
ebenfalls das Opfer des Benno Ohnesorgs in irgendeiner Wiese
vereinnahmen würden. Stattdessen fügt er das Bild seines
Freundes wie ein Mosaik aus vielen kleinen Steinen zusammen, die er der
eigenen Erinnerung und Gesprächen mit Freunden und Verwandten
entnimmt. Dabei schält sich das Bild eines äußerst
sensiblen und hoch begabten jungen Mannes heraus, der sich jegliche
spontane oder gar aggressive Handlung sehr gut überlegte und der
eine Schüchternheit zeigte, die er wie eine Mauer um sich zog. In
seinen Gedichten öffnete er sich seiner Umwelt so weit, dass er
Angst hatte, dieser bei einer Veröffentlichung eine
Blöße zu zeigen. Auf einfache menschliche Qualitäten
wie Hilfsbereitschaft oder Ehrlichkeit zu verweisen, vermeidet der
Autor bewusst, weil dies leicht eine kleinbürgerlich moralinsaure
Attitüde mit sich führen würde. Und den Polizeibeamten
Kurras, den "Töter" Ohnesorgs, greift er auch vierzig Jahre
später weder aggressiv noch polemisch an, sondern sieht in ihm
lediglich den Vertreter eines zum besagten Zeitpunkt erzkonservativen
Systems, das mit dem plötzlichen Ausbruch der Studentenproteste
nicht fertig wurde. Überhaupt verteilt Timm - was ihn sympathisch
macht - aus der bequemen Distanz von vierzig Jahren keine politischen
oder moralischen Be- und Verurteilungen, sondern hält die Fakten
nüchtern fest, aus denen sich für den Leser die
Schlussfolgerungen wie von selbst ergeben. Das
Buch ist im Deutschen Taschenbuch-Verlag
(dtv) unter
der ISBN 3-423-13557-3 erschienen und kostet 8,50 Euro. Frank Raudszus |
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