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Christoph Hein:"Frau Paula Trousseau" |
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Biographischer
Roman einer ungewöhnlichen Frau |
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Paula
wächst in den sechziger und siebziger Jahren in Ostberlin auf. Ihr
Vater, Gymnasialdirektor und Haustyrann, führt zu Hause ein
gnadenloses Regiment, dem weder die Ehefrau noch die drei Kinder etwas
entgegenzusetzen haben. Der einzige Sohn wird bereits im jugendlichen
Alter zum Invaliden und verbringt seine Tage trinkend und
räsonnierend im Bett oder in der Kneipe. Die kleine Paula
erhält also den denkbar schlechtesten Eindruck von Männern
und versucht folgerichtig, sich der häuslichen Tristesse durch
eine Krankenschwesternlehre im fernen Leipzig zu entziehen. Dort lernt
sie einen wesentlich älteren Mann kennen, den sie
schließlich auch heiratet. Ihre große Liebe gilt jedoch der
Kunst, und heimlich meldet sie sich in der Berliner Kunstakademie an.
Als sie angenommen wird und gegenüber ihrem Mann auf ihrem Wunsch
besteht, sorgt dieser durch eine Vertauschung der Verhütungsmittel
für eine Schwangerschaft, um Paula auf diese Weise an Heim und
Herd zu binden. Paula wertet dieses Vorgehen als Vergewaltigung und
zieht mit ihrer kleinen Tochter gegen seinen Willen nach Berlin zum
Studium. Als die häusliche Situation immer weiter eskaliert,
trennt sie sich nach knapp vier Jahren von ihrem Mann, wobei sie ihm
das Sorgerecht für die Tochter überlassen muss. Sie
kämpft jedoch nicht darum, weil sie die Tochter während ihres
Studiums prinzipiell beim Vater besser aufgehoben weiß als bei
der jungen, mittellosen Mutter. Noch während des Studiums geht sie
eine Beziehung mit ihrem über dreißig Jahre älteren
Professor ein, der ihr zwar ein attraktives gesellschaftliches Ambiente
bieten kann, sie aber ansonsten als künstlerisch nicht
ernstzunehmendes Sexual- und Vorzeigeobjekt betrachtet. Über ihre
künstlerischen Ambitionen hat er nur sanften Spott übrig und
verreißt ihre ersten Versuche, den Stil des sozialistischen
Realismus zu durchbrechen. Schließlich verlässt sie auch ihn
und hinterlässt damit einen zutiefst in seiner Eitelkeit
getroffenen Egozentriker, der sie fortan mit seinem Hass verfolgt. In
den folgenden Jahren schlägt sich Paula mit künstlerischen
Gelegenheitsarbeiten durchs Leben, geht hier und da kurzfristige
Beziehungen zu Männern ein, pflegt daneben aber auch
freundschaftliche und sexuelle Verhältnisse zu Frauen, ohne
deswegen mit diesen dauerhaft zusammenleben zu wollen. Als sie einige
Jahre nach ihrer Scheidung wieder schwanger wird, trennt sie sich
sofort von dem Kindesvater, um nicht ein zweites mal als Mutter
enteignet zu werden. In kompromissloser Konsequenz zieht sie ihren Sohn
alleine auf, zieht ihm zuliebe sogar aufs Land und lebt dort sogar
einige Jahre mit einem Mann zusammen, den sie allerdings verlässt,
als er nicht mehr den Ersatzvater für den Sohn spielen muss und
ihr keine Perspektiven mehr bieten kann. In ihrem Brandenburger Dorf
zieht sie sich immer mehr auf sich selbst und ihre Kunst zurück,
muss jedoch erkennen, dass nach dem Fall der Mauer die fragilen
Beziehungen in der Kunst- und Verlagswelt der untergehenden DDR
zerbrechen und sie vor dem Nichts der Sozialhilfe steht. Als der Sohn
sich schließlich als mittlerweile junger Mann in den Zwanzigern
mit seiner Freundin auf Weltreise begibt, sieht sie sich nahezu aller
sinnstiftenden menschlichen Beziehungen beraubt und mit ihren
unzähligen Bildern allein in ihrem Bauernhaus. Sowohl
künstlerisch als auch privat hat sie sich durch ihre - durchaus
verständliche - Kompromisslosigkeit in eine weitgehende Isolation
getrieben, die sie nicht mehr erträgt. Auf einer Reise nach
Frankreich, die angeblich der künstlerischen Weiterbildung dienen
soll, nimmt sie sich das Leben. Diese
Biographie stellt den Interpreten vor einige Probleme. Wer anfangs an
einen typischen DDR-Lebenslauf mit seinen politischen und
wirtschaftlichen Aspekten gedacht hat, sieht sich bald getäuscht.
Darum geht es nicht, und wenn nicht Ortsnamen wie Leipzig und Schwerin
die eindeutigen Verortung erlauben würden, könnte sich diese
Lebensgeschichte zur selben Zeit ebensogut im Westen abgespielt haben.
Mit keinem Wort verweist der Autor auf Versorgungsschwierigkeiten oder
DDR-typische Umweltprobleme, auch die Rücksichtnahme der
Protagonisten - sprich Professoren - auf politische
Umgebungsbedingungen ist in einem so geringen Maße
ausgeprägt, dass sie in entsprechend herausgehobenen Positionen
auch in Düsseldorf oder München denkbar gewesen wäre.
Christoph Hein scheint diese Angleichung der Verhältnisse bewusst
zu betreiben, um von vornherein die Vereinnahmung als "typische
DDR-Biographie" zu unterlaufen. Doch auch als Bericht einer weiblichen
Emanzipation lässt sich diese Buch nicht eindeutig deuten. Dazu
trägt Paula selbst zu ihrem Unglück selbst ein gerüttelt
Maß bei: den professoralen Liebhaber fängt sie sich durch
eine so unerwartete wie unstimmige Liebeserklärung ein und
versteht es in ihrem Bericht angeblich selbst nicht. Dass sich der so
angehimmelte Mann darauf etwas zugute hält und das hübsche
junge Mädchen "mitnimmt", liegt dann auf der Hand. Auch bei ihren
sonstigen zwischenmenschlichen Beziehungen folgt Paula nicht unbedingt
immer einem klaren emanzipatorischen Kurs. So bleibt letztlich nur eine
Interpretation: Paula spiegelt für den Autor die Situation des
engagierten Künstlers in der Gesellschaft wider. Folgt der
Künstler konsequent seiner inneren Berufung, so endet er
zwangsläufig in der Isolation. Künstlerische Selbstbehauptung
verträgt sich nicht mit einem ausgewogenen sozialen Leben, das
immer wieder Kompromisse verlangt. Darüber hinaus sind es
natürlich immer wieder die Männer in ihrerm chauvinistischen
Rollenverständnis, die der Künstlerin Paula ihr eigenes
Selbstverständnis auszutreiben versuchen. Für einen
männlichen Autor immerhin eine bemerkenswert kritische Reflexion
des eigenen Rollenverständnisses. Man möchte ihm nicht
unterstellen, dass er nur die "anderen" Männer so sieht. Formal
gliedert Hein das Buch in zwei Teile: den Bericht über Paulas
Kindheit hält er durchgehend in der dritten Person, betont damit
sozusagen das Unfertige, Fremdgesteuerte des Kindes. Der Bericht
über Paulas Leben als Erwachsene, angefangen bei der
Schwesternlehre, erfolgt dagegen aus Paulas Ich-Perspektive, womit er
ihre Selbstbefreiung auch stilistisch markiert. Für den
äußeren Ablauf von Paulas Biographie mitsamt finalem Freitod
wählt er eine knappe Rahmenhandlung aus der Sicht eines alten
Freundes, der unerwartet mit ihrem Nachlass konfrontiert wird. Durch
diesen "a posteriori"-Blick erhält der Roman einen
abgeschlossenen, fast historischen Charakter. Christoph
Hein zeigt auch in diesem Buch wieder seine pessimistische Weltsicht,
die den Protagonisten wenig Glück und vor allem keinen Humor
vergönnt. Letzteren wird man in seinen Büchern vergebens
suchen, und da macht der vorliegende Roman keine Ausnahme. Das
Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter
der ISBN 3-518-41878-9 erschienen und kostet 22,80 Euro. Frank Raudszus |
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