Christoph Hein:"Frau Paula Trousseau"

                                                                    
Biographischer Roman einer ungewöhnlichen Frau
 

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BuchumschlagDer formal etwas ungewöhnliche Titel dieses Buches hat beim Rezensenten unklare Assoziationen geweckt, und ein Besuch bei Google ergab tatsächlich einen "Treffer": bereits Theodor Fontane hat im 19. Jahrhundert mit "Frau Jenny Treibel" einen Roman geschrieben, der eine durchsetzungsstarke, wenngleich auch nicht gerade positive Frauengestalt in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt. Jenny Treibel, aus großbürgerlichem Hause, hintertreibt mit allen Mitteln die Heirat ihres Sohnes mit einer nicht begüterten Lehrerstochter, um ihn an eine ungeliebte aber wohlhabende junge Frau zu verheiraten. Dank eines schwachen Sohnes und ihres unbeugsamen Willens gelingt der Schachzug, woraufhin sich zwei Vernunftehen bilden. Fontane geht es nicht in erster Linie um eine etwaige Tragik der verhinderten Ehen sondern um die Verlogenheit des Großbürgertums, das gern Kultur im Mund führt aber stets Geld meint. Der etwas gestelzt wirkende Titel lässt angesichts Fontanes Roman die Vermutung zu, es handele sich um ein absichtliches Zitat, und in gewisser Weise lässt auch die Handlung darauf schließen.

Paula wächst in den sechziger und siebziger Jahren in Ostberlin auf. Ihr Vater, Gymnasialdirektor und Haustyrann, führt zu Hause ein gnadenloses Regiment, dem weder die Ehefrau noch die drei Kinder etwas entgegenzusetzen haben. Der einzige Sohn wird bereits im jugendlichen Alter zum Invaliden und verbringt seine Tage trinkend und räsonnierend im Bett oder in der Kneipe. Die kleine Paula erhält also den denkbar schlechtesten Eindruck von Männern und versucht folgerichtig, sich der häuslichen Tristesse durch eine Krankenschwesternlehre im fernen Leipzig zu entziehen. Dort lernt sie einen wesentlich älteren Mann kennen, den sie schließlich auch heiratet. Ihre große Liebe gilt jedoch der Kunst, und heimlich meldet sie sich in der Berliner Kunstakademie an. Als sie angenommen wird und gegenüber ihrem Mann auf ihrem Wunsch besteht, sorgt dieser durch eine Vertauschung der Verhütungsmittel für eine Schwangerschaft, um Paula auf diese Weise an Heim und Herd zu binden. Paula wertet dieses Vorgehen als Vergewaltigung und zieht mit ihrer kleinen Tochter gegen seinen Willen nach Berlin zum Studium. Als die häusliche Situation immer weiter eskaliert, trennt sie sich nach knapp vier Jahren von ihrem Mann, wobei sie ihm das Sorgerecht für die Tochter überlassen muss. Sie kämpft jedoch nicht darum, weil sie die Tochter während ihres Studiums prinzipiell beim Vater besser aufgehoben weiß als bei der jungen, mittellosen Mutter. Noch während des Studiums geht sie eine Beziehung mit ihrem über dreißig Jahre älteren Professor ein, der ihr zwar ein attraktives gesellschaftliches Ambiente bieten kann, sie aber ansonsten als künstlerisch nicht ernstzunehmendes Sexual- und Vorzeigeobjekt betrachtet. Über ihre künstlerischen Ambitionen hat er nur sanften Spott übrig und verreißt ihre ersten Versuche, den Stil des sozialistischen Realismus zu durchbrechen. Schließlich verlässt sie auch ihn und hinterlässt damit einen zutiefst in seiner Eitelkeit getroffenen Egozentriker, der sie fortan mit seinem Hass verfolgt. In den folgenden Jahren schlägt sich Paula mit künstlerischen Gelegenheitsarbeiten durchs Leben, geht hier und da kurzfristige Beziehungen zu Männern ein, pflegt daneben aber auch freundschaftliche und sexuelle Verhältnisse zu Frauen, ohne deswegen mit diesen dauerhaft zusammenleben zu wollen. Als sie einige Jahre nach ihrer Scheidung wieder schwanger wird, trennt sie sich sofort von dem Kindesvater, um nicht ein zweites mal als Mutter enteignet zu werden. In kompromissloser Konsequenz zieht sie ihren Sohn alleine auf, zieht ihm zuliebe sogar aufs Land und lebt dort sogar einige Jahre mit einem Mann zusammen, den sie allerdings verlässt, als er nicht mehr den Ersatzvater für den Sohn spielen muss und ihr keine Perspektiven mehr bieten kann. In ihrem Brandenburger Dorf zieht sie sich immer mehr auf sich selbst und ihre Kunst zurück, muss jedoch erkennen, dass nach dem Fall der Mauer die fragilen Beziehungen in der Kunst- und Verlagswelt der untergehenden DDR zerbrechen und sie vor dem Nichts der Sozialhilfe steht. Als der Sohn sich schließlich als mittlerweile junger Mann in den Zwanzigern mit seiner Freundin auf Weltreise begibt, sieht sie sich nahezu aller sinnstiftenden menschlichen Beziehungen beraubt und mit ihren unzähligen Bildern allein in ihrem Bauernhaus. Sowohl künstlerisch als auch privat hat sie sich durch ihre - durchaus verständliche - Kompromisslosigkeit in eine weitgehende Isolation getrieben, die sie nicht mehr erträgt. Auf einer Reise nach Frankreich, die angeblich der künstlerischen Weiterbildung dienen soll, nimmt sie sich das Leben.

Diese Biographie stellt den Interpreten vor einige Probleme. Wer anfangs an einen typischen DDR-Lebenslauf mit seinen politischen und wirtschaftlichen Aspekten gedacht hat, sieht sich bald getäuscht. Darum geht es nicht, und wenn nicht Ortsnamen wie Leipzig und Schwerin die eindeutigen Verortung erlauben würden, könnte sich diese Lebensgeschichte zur selben Zeit ebensogut im Westen abgespielt haben. Mit keinem Wort verweist der Autor auf Versorgungsschwierigkeiten oder DDR-typische Umweltprobleme, auch die Rücksichtnahme der Protagonisten - sprich Professoren - auf politische Umgebungsbedingungen ist in einem so geringen Maße ausgeprägt, dass sie in entsprechend herausgehobenen Positionen auch in Düsseldorf oder München denkbar gewesen wäre. Christoph Hein scheint diese Angleichung der Verhältnisse bewusst zu betreiben, um von vornherein die Vereinnahmung als "typische DDR-Biographie" zu unterlaufen. Doch auch als Bericht einer weiblichen Emanzipation lässt sich diese Buch nicht eindeutig deuten. Dazu trägt Paula selbst zu ihrem Unglück selbst ein gerüttelt Maß bei: den professoralen Liebhaber fängt sie sich durch eine so unerwartete wie unstimmige Liebeserklärung ein und versteht es in ihrem Bericht angeblich selbst nicht. Dass sich der so angehimmelte Mann darauf etwas zugute hält und das hübsche junge Mädchen "mitnimmt", liegt dann auf der Hand. Auch bei ihren sonstigen zwischenmenschlichen Beziehungen folgt Paula nicht unbedingt immer einem klaren emanzipatorischen Kurs. So bleibt letztlich nur eine Interpretation: Paula spiegelt für den Autor die Situation des engagierten Künstlers in der Gesellschaft wider. Folgt der Künstler konsequent seiner inneren Berufung, so endet er zwangsläufig in der Isolation. Künstlerische Selbstbehauptung verträgt sich nicht mit einem ausgewogenen sozialen Leben, das immer wieder Kompromisse verlangt. Darüber hinaus sind es natürlich immer wieder die Männer in ihrerm chauvinistischen Rollenverständnis, die der Künstlerin Paula ihr eigenes Selbstverständnis auszutreiben versuchen. Für einen männlichen Autor immerhin eine bemerkenswert kritische Reflexion des eigenen Rollenverständnisses. Man möchte ihm nicht unterstellen, dass er nur die "anderen" Männer so sieht.

Formal gliedert Hein das Buch in zwei Teile: den Bericht über Paulas Kindheit hält er durchgehend in der dritten Person, betont damit sozusagen das Unfertige, Fremdgesteuerte des Kindes. Der Bericht über Paulas Leben als Erwachsene, angefangen bei der Schwesternlehre, erfolgt dagegen aus Paulas Ich-Perspektive, womit er ihre Selbstbefreiung auch stilistisch markiert. Für den äußeren Ablauf von Paulas Biographie mitsamt finalem Freitod wählt er eine knappe Rahmenhandlung aus der Sicht eines alten Freundes, der unerwartet mit ihrem Nachlass konfrontiert wird. Durch diesen "a posteriori"-Blick erhält der Roman einen abgeschlossenen, fast historischen Charakter.

Christoph Hein zeigt auch in diesem Buch wieder seine pessimistische Weltsicht, die den Protagonisten wenig Glück und vor allem keinen Humor vergönnt. Letzteren wird man in seinen Büchern vergebens suchen, und da macht der vorliegende Roman keine Ausnahme.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41878-9 erschienen und kostet 22,80 Euro.

Frank Raudszus



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