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Walter Benjamin
(1892 -1940) musste als jüdischer Wissenschaftler im Dritten Reich
emigrieren und beging 1940 auf der Flucht von Frankreich nach Spanien
Selbstmord. Vorher hatte er jahrelang in Paris versucht, seine
literaturwissenschaftliche Karriere fortzusetzen. Enge
Kommunikationspartner waren ihm dabei u. a. Theodor
W. Adorno und Max
Horkheimer vom Frankfurter Institut für Sozialforschung, die
ebenfalls hatten emigrieren müssen.
In den Jahren 1935 udn 1936 enstand ein größerer Aufsatz
über den Status des Kunstwerkes unter dem Gesichtspunkt der
beliebigen Reproduzierbarkeit unter dem o. a. Titel. Für eine
eingehende Würdigung ist hier nicht der Platz, vor allem, da sich
der Aufsatz im Laufe der Jahrzehnte zu einer Art "Kult-Essay"
entwickelt hat und insofern heute keine neuen Erkenntnisse mehr
enthält, die zu kommentieren wären. Kurz zusammengefasst
sieht Benjamin den Verlust der "Aura" des klassischen Kunstwerks, sei
es ein Gemälde oder ein Musikstück, da nicht mehr der
einzelne Betrachter vor dem einzigartigen Original steht und es
optisch oder aktustisch vermisst, sondern die "Masse" (dieses
Begriff fällt explizit!) die Kopien an beliebig vielen Orten
gleichzeitig rezipieren kann. Benjamin untersucht dieses Phänomen
sowohl ästhetisch als auch gesellschaftlich und vor allem
politisch, da er im Faschismus einen großen Nutznießer
einer auf Massenwirkung ausgerichteten Ästhetik sieht. So widmet
er denn auch die beiden Randkapitel ausdrücklich der damaligen
politischen Situation und den ästhetischen Implikationen.
Die Rezeptionsgeschichte dieses Aufsatzes ist jedoch mindestens ebenso
aufschlussreich wie sein Inhalt. Vergeblich versuchte Benjamin, den
Aufsatz in deutschsprachigen Zeitschriften - z. B. in der "Zeitschrift
für Sozialforschung" - zu veröffentlichen, doch Max
Horkheimer lehnte dies aus verschiedenen, u. a. politischen,
Gründen ab. Auch der Versuch, den Aufsatz in Moskau durch
kommunistische Freunde - Benjamin war selbst überzeugter Marxist -
zu veröffentlichen, scheiterte an der starren ideologischen
Haltung seiner Briefpartner, die mit seinen nicht streng an der
marxistischen Lehre orientierten ästhetischen Erkenntnissen nicht
übereinstimmten. Einer seiner größten Gegner in der
Sache war Adorno, der in einem Brief an Horkheimer Benjamins Aufsatz -
gelinde gesagt - verriss.
Das Buch enthält neben dem eigentlichen Text - mit
Zeilennumerierung und allen ursprünglichen Anmerkungen - alle
erhaltenen Briefe zwischen den Beteiligten, einen umfangreichen
Kommentar von Detlev Schöttker sowie verschiedene
Stellenkommentare und Register. Vor allem Schöttkers Kommentar ist
lesenswert, das er nicht nur Benjamins Aufsatz aus der Distanz von
siebzig Jahren und ohne jegliche ideologischen Scheuklappen
kommentiert, sondern auch kritisch auf die gesamte Rezeptionsgeschichte
eingeht, u. a. auf die nicht gerade hehre Rolle, die Adorno auch nach
dem Kriege bis zu seinem Tod dabei gespielt hat. Darüber hinaus
analysiert Schöttker auch die Gründe für die
unterschiedliche Rezeption dieses Textes im Laufe der Jahrzehnte, vor
allem im Kontext der "68er Studentenrevolte" und der immer noch
ideologisch eingefärbten siebziger Jahre. Erst in den letzten
fünfzehn Jahren ist die Wissenschaft wieder auf diesen Aufsatz
eingeschwungen und hat ihn mittlerweile fast zu einer Ikone der
ästhetischen Theorien stilisiert.
Wer sich für politisch-ästhetische Theorien interessiert,
sollte sich nicht nur den Aufsatz selbst sondern vor allem das
Hintergrundmaterial und den Kommentar zu Gemüte führen.
Das
Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter
der ISBN 3-518-27001-1 erschienen und kostet 9 €
Frank
Raudszus
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