Jonathan Lethem: "Du liebst mich, du liebst mich nicht"

                                                                    
Roman über Verlierer und Träumer
 

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BuchumschlagBeim schnellen Hinschauen scheint der US-Büchermarkt weitgehend aus atemlosen Thriller sowie "Sex & Crime"-Romanen aus der Oberschicht zu bestehen. Doch daneben gibt es dort auch das Pflänzchen der alternativen Romane, die sich mit den alltäglichen Problemen, Sehnsüchten und Träumen der Verlierer im gnadenlosen Konkurrenzkampf um Ansehen und Einkommen beschäftigen. Jonathan Lethem, mit knapp über vierzig Jahren dem Rebellenalter entwachsen, aber dennoch nicht zu den "großen Alten" gehörend, ist einer dieser Autoren, die ihre Figuren mit einem melancholischen Witz, einem gewissen Fatalismus und einem erstaunlichen Überlebenswillen ausstatten.

In dem vorliegenden Roman geht es um eine Band von vier jungen Leuten zwischen zwanzig und dreißig. Lucinda, die Hauptperson, spielt Bass und jobbt nebenher in einer Telefonagentur, die "Meckeranrufe" annimmt. Matthew, ihr verflossener Freund, gibt den Sänger und arbeitet nebenher in einem Zoo. Bedwin schreibt die Songs und macht mit seiner großen Brille und den linkischen Bewegungen einen eher unglücklichen Eindruck. Seine Lieder sind ausgesprochen gut, doch für einen Nebenberuf reicht seine geringe Lebenstüchtigkeit nicht. Da ist Denise, die temperamentvolle Schlagzeugerin, aus anderem Holz geschnitzt, auch wenn sie ebenfalls keinen Brotberuf ausübt. Diese vier schlagen sich von Tag zu Tag irgendwie durchs Leben, immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Essen und die Miete zu bezahlen.

Lucinda lernt über die "Nörgler-Hotline" einen Mann kennen, der auf einem höheren Niveau als ihre anderen Kunden über das Leben nörgelt, und entwickelt bald eine besondere Sympathie für den Unbekannten. Als sie sich endlich treffen, geht das Weitere, Abzusehende sehr schnell, und Lucinda verbringt mit ihrem bereits etwas angejahrten Liebhaber die meiste Zeit im Bett und vergisst dabei beinahe die Bandproben. Als Lucindas Chef und ehemaliger Liebhaber für eine abgedrehte Party die Band engagiert, zeichnet sich für die vier Hobby-Musiker auf einmal so etwas wie eine kleine Karriere ab. Lucinda hat ihrem Liebhaber eine Menge Lebensweisheiten und Bemerkungen abgehört und sie Bedwin als Anregungen für neue Songs weitergegeben, und dieser kommt tatsächlich mit einer Reihe von originellen Stücken nieder. Die besagte Party wird dank miserabler Organisation zwar ein Flop, doch die Band rettet den Abend mit ihrem neuen Programm und beeindruckt damit die zur Party eingeladenen Musikgrößen von Los Angeles. Sie erhalten eine Einladung zu einem Live-Auftritt in einer Radiostation und sehen sich schon als die neue Entdeckung im amerikanischen Musikmarkt. Doch Lucindas Liebhaber lässt mit demonstrativen und eitlen Hinweisen auf sein Urheberrecht den Auftritt platzen und damit auch seine Beziehung zu Lucinda. Diese söhnt sich wieder mit Matthew aus, der zwischendurch aus Tierliebe ein Känguruh aus dem Zoo entführt und bei sich in der Badewanne untergebracht hat. Vorher klärt sie noch die Probleme mit Matthews eisenharter Chefin im Zoo ab und erhält Matthew seinen Job. Denise und Bedwin tun sich musikalisch und erotisch zusammen und gründen eine eigene Band, während Lucinda und Matthew jetzt ihr Leben neu gestalten müssen. Am Ende sitzen die beiden am Strand und sehen Lucindas verflossenen Liebhaber und Matthews Chefin zusammen mit dem Tandem vorbeiradeln.

Diese kurze Zusammenfassung zeigt eine ziemlich chaotische Handlung ohne dramaturgische Struktur und ohne durchgängige Aussage. Geradezu demonstrativ verzichtet Lethem auf einen konsistenten und in sich schlüssigen Handlungsablauf und beschränkt sich auf eine Aneinanderreihung von Szenen und Episoden, die sich beim Schreiben ergeben zu haben scheinen. Das liest sich teilweise recht witzig und unterhaltsam, hat sein literarisches Potential jedoch bald ausgeschöpft. Da die Protagonisten weder eine innere Entwicklung durchmachen noch zumindest mit einem durchgängigen Konfliktstoff konfrontiert sind, stolpern sie von einer Situation in die nächste, und die Auflösungen eventueller Problemsituationen ergeben sich ebenso beiläufig oder spontan. Lethem fällt immer wieder ein Schlenker ein, der die Handlung voranbringt, wenn auch bisweilen etwas sehr zäh. Was er mit seinem Roman ausdrücken will, wird schon bald klar: die Beschreibung einer Generation, die in den Tag hineinlebt, nie die Chance zum Durchbruch - sprich Erfolg - haben wird und dennoch immer wieder von einer großen Zukunft träumt. Dabei gelingen ihm recht sympythische und markante Porträts der jungen Menschen, die in ihrer Ungeschminktheit glaubwürdig und bisweilen sogar anrührend wirken. Die Figur des Carl, zeitweiser Liebhaber von Lucinda und großer Nörgler, bleibt jedoch seltsam zwiespältig und inkonsistent. Fast scheint es, als habe Lethem diese Figur nur eingeführt, um einen "Aufhänger" zu haben und - um deftige Sexszenen beschreiben zu können. Wer jetzt jedoch - zum Beispiel aufgrund des Waschzettels - in dieser Hinsicht wirklich "heiße Ware" erwartet, sieht sich enttäuscht, denn besagte Szenen findet man in fast jedem zeitgenössischen Gesellschaftsroman in ähnlichen Abwandlungen.

Für Freunde leichter Lektüre mit einem Schuss Ironie und Anarchie ist dieses Buch durchaus zu empfehlen, wer jedoch von einem Buch eine etwas konkretere Aussage erwartet, wird sie hier kaum finden.

Das Buch ist im Tropen-Verlag unter der ISBN 3-932170-98-0 erschienen und kostet 19,80 Euro.

Frank Raudszus



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