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Cormac McCarthy: "Die Straße" |
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Bericht
über eine endzeitliche Wanderung |
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In
seinem Roman zieht ein Vater mit seinem etwa zehnjährigen Sohn
durch ein zerstörtes Land. Nichts deutet auf den geographischen
Ort und die Nationalität dieses Landes hin, auch wenn der Leser
damit intuitiv die USA verbindet. Doch der Vater heißt immer nur
"der Mann" und der Sohn "der Junge". Eine weltweite Katastrophe hat
dieses fiktive Land - und damit wohl auch den Erdball - in einen
grauen, noch rauchenden Trümmerhaufen verwandelt.
Riesenbrände haben Städte, Felder und Wälder in Schutt
und Asche gelegt, kein Baum oder Strauch blüht mehr, kalter Regen
oder Schnee fallen auf das starre Land nieder. Man darf eine nukleare
Katastrophe globalen Umfangs voraussetzen, aber im Grunde genommen
spielt die Ursache keine Rolle. Die letzten Tage der Menschheit sind
angebrochen, und die wenigen Überlebenden schlagen sich mehr
schlecht als recht durch das langsam verlöschende Leben. Die
Katastrophe liegt offenbar schon mehrere Jahre zurück, denn
sämtliche nicht abgebrannten Lager, Supermärkte oder was
sonst noch Lebensmittel enthalten könnte, stehen leer und
ausgeplündert in der grauen Landschaft. Schon seit Jahren
wühlen die Menschen in abgelegenen Häusern und Höhlen
nach etwas Essbarem. Kurz nach der Geburt des Jungen hat die Frau sich
nach einer Diskussion mit ihrem Mann das Leben genommen, weil sie keine
Hoffnung auf ein zukünftiges Leben mehr sah. Auch der Mann hat
diese Alternative erwogen, doch dann hätte er vorher seinen
eigenen Sohn umbringen müssen, was er nicht übers Herz
brachte. So hat er eines Tages beschlossen, mit ihm durchs Land zur
Küste zu marschieren. Er weiß zwar nicht, was ihn dort
erwartet, die Küste wird für ihn jedoch zum mythischen Ort
der Hoffnung und der Weg dorthin zum eigentlichen Ziel. Alles ist
besser als an dem angestammten Ort auf den Tod zu warten. Auf
ihrer Wanderschaft durch das tote Land führen sie ihre wenigen
Habseligkeiten in einem Einkaufswagen mit sich und müssen
permanent auf der Hut vor Wegelagerern sein, denn die staatliche
Ordnung ist seit Jahren zusammengebrochen und auf der Straße gilt
das Recht des Stärkeren. Überall im Land gibt es Mordgruppen,
die sich umherstreifende Menschen einfangen und als Lebendnahrung
gefangen halten. Das einzige Vertrauen, das in dieser Welt herrscht,
ist das des Jungen zu seinem Vater. Von ihm hat er, der nur diese tote
Welt kennt, gelernt, dass sie zu den Guten gehören und niemandem
ein Leid antun werden. Der Mann jedoch muss sich und - vor allem - den
Jungen vor Mördern und Kannibalen schützen, und so wird er
selbst in Notwehr zum Mörder oder versagt den Opfern der
Kannibalen seine Hilfe, weil er weiß, wo das für sie endet.
Für den Sohn bricht damit Stück für Stück das
kleine Weltbild zusammen, das er sich mühsam aufgebaut und an dem
er Halt gefunden hat, und der Vater hat nach jedem solchen Zwischenfall
mehr Mühe, dem Jungen wieder Vertrauen einzuflößen. Die
Ereignisse dieses Marsches an die Küste sind nicht
spektakulär; es geht dem Autor offensichtlich nicht um einen
"Action-Thriller" in einer nachzivilisatorischen Welt sondern um das
Verhältnis zwischen Vater und Sohn in einer existenziellen
Situation, die jederzeit für beide mit dem Tod enden kann. Als der
Vater an sich selbst die Anzeichen
einer schweren Erkrankung feststellt, wächst panikartig die
Angst vor der Verlassenheit des Jungen, und mehr als einmal erwägt
er, die letzte Patrone seines Revolvers für seinen Sohn
einzusetzen. Dass es dazu dennoch nicht kommt, ist nur der so sinnlosen
wie beharrlichen Hoffnung auf eine Besserung der Situation zu
verdanken. Der freiwillige Tod ist die Vorwegnahme einer Entscheidung,
die letztlich nur das Leben treffen kann. Der Mann verhält sich
wie Sysiphus, indem er jeden Morgen den Stein des Tages gegen die Zeit
bergauf wuchtet, um ihn in der Nacht wieder bergab rollen zu
lassen. Der
Leser zittert mit diesen beiden verlorenen Geschöpfen und
befürchtet ein Ende, das unausweichlich scheint. Doch einen
kleinen Hoffnungsschimmer gewährt der Autor dem Leser: wenn am
Ende der Mann tatsächlich an seiner Krankheit stirbt, findet der
Junge ein Paar mit Kindern, das ihn in ihre kleine Gemeinschaft mit
aufnimmt. Ob sie die dunkle Zeit gemeinsam überleben, ist in
diesem Augenblick unwichtig, für den Jungen jedoch eröffnet
sich die Möglichkeit eines Lebens in minimal menschenwürdigen
Umständen. McCarthy
erzählt diese einfache Geschichte mit einer bruchlosen
Kontinuität und Kompromisslosigkeit, ohne Hinweise auf politische
oder allgemein gesellschaftliche Zustände und nur auf die Reise
entlang der Todeslinie konzentriert. Der Verzicht auf die in der
US-Literatur so beliebten multiplen Handlungsstränge und nicht zur
unmittelbaren Geschichte gehörende Abschweifungen verdichtet und
intensiviert die Erzählung in einem Ausmaß, dass man das
Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Als Unterhaltungslektüre
kann man diesen Roman wahrhaftig nicht bezeichnen, aber vergessen wird
man ihn nach der Lektüre lange nicht. Das
Buch ist im Rowohlt-Verlag
unter der ISBN 3-498-04507-4 erschienen und kostet 19,90 € FrankRaudszus |
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