Cormac McCarthy: "Die Straße"

                                                                    
Bericht über eine endzeitliche Wanderung
 

Weitere Bücher dieses Autors:



 

BuchumschlagIn den Zeiten des kalten Krieges herrschte Hochkonjunktur bei apokalyptischen Büchern und Filmen, die die Zeit nach einem nuklearen Weltkrieg heraufbeschworen. Ab 1990 überwog erst einmal die Friedenseuphorie, doch der 11. September und die Zeit danach ließen die Hoffnungen auf ein "goldenes Zeitalter" zur Illusion gerinnen. Der amerikanische Autor Cormac McCarthy hat mit seiner Lebenserfahrung von nahezu einem dreiviertel Jahrhundert dieses Thema wieder aufgenommen und - zeitgerecht - globalisiert.

In seinem Roman zieht ein Vater mit seinem etwa zehnjährigen Sohn durch ein zerstörtes Land. Nichts deutet auf den geographischen Ort und die Nationalität dieses Landes hin, auch wenn der Leser damit intuitiv die USA verbindet. Doch der Vater heißt immer nur "der Mann" und der Sohn "der Junge". Eine weltweite Katastrophe hat dieses fiktive Land - und damit wohl auch den Erdball - in einen grauen, noch rauchenden Trümmerhaufen verwandelt. Riesenbrände haben Städte, Felder und Wälder in Schutt und Asche gelegt, kein Baum oder Strauch blüht mehr, kalter Regen oder Schnee fallen auf das starre Land nieder. Man darf eine nukleare Katastrophe globalen Umfangs voraussetzen, aber im Grunde genommen spielt die Ursache keine Rolle. Die letzten Tage der Menschheit sind angebrochen, und die wenigen Überlebenden schlagen sich mehr schlecht als recht durch das langsam verlöschende Leben. Die Katastrophe liegt offenbar schon mehrere Jahre zurück, denn sämtliche nicht abgebrannten Lager, Supermärkte oder was sonst noch Lebensmittel enthalten könnte, stehen leer und ausgeplündert in der grauen Landschaft. Schon seit Jahren wühlen die Menschen in abgelegenen Häusern und Höhlen nach etwas Essbarem. Kurz nach der Geburt des Jungen hat die Frau sich nach einer Diskussion mit ihrem Mann das Leben genommen, weil sie keine Hoffnung auf ein zukünftiges Leben mehr sah. Auch der Mann hat diese Alternative erwogen, doch dann hätte er vorher seinen eigenen Sohn umbringen müssen, was er nicht übers Herz brachte. So hat er eines Tages beschlossen, mit ihm durchs Land zur Küste zu marschieren. Er weiß zwar nicht, was ihn dort erwartet, die Küste wird für ihn jedoch zum mythischen Ort der Hoffnung und der Weg dorthin zum eigentlichen Ziel. Alles ist besser als an dem angestammten Ort auf den Tod zu warten.

Auf ihrer Wanderschaft durch das tote Land führen sie ihre wenigen Habseligkeiten in einem Einkaufswagen mit sich und müssen permanent auf der Hut vor Wegelagerern sein, denn die staatliche Ordnung ist seit Jahren zusammengebrochen und auf der Straße gilt das Recht des Stärkeren. Überall im Land gibt es Mordgruppen, die sich umherstreifende Menschen einfangen und als Lebendnahrung gefangen halten. Das einzige Vertrauen, das in dieser Welt herrscht, ist das des Jungen zu seinem Vater. Von ihm hat er, der nur diese tote Welt kennt, gelernt, dass sie zu den Guten gehören und niemandem ein Leid antun werden. Der Mann jedoch muss sich und - vor allem - den Jungen vor Mördern und Kannibalen schützen, und so wird er selbst in Notwehr zum Mörder oder versagt den Opfern der Kannibalen seine Hilfe, weil er weiß, wo das für sie endet. Für den Sohn bricht damit Stück für Stück das kleine Weltbild zusammen, das er sich mühsam aufgebaut und an dem er Halt gefunden hat, und der Vater hat nach jedem solchen Zwischenfall mehr Mühe, dem Jungen wieder Vertrauen einzuflößen.

Die Ereignisse dieses Marsches an die Küste sind nicht spektakulär; es geht dem Autor offensichtlich nicht um einen "Action-Thriller" in einer nachzivilisatorischen Welt sondern um das Verhältnis zwischen Vater und Sohn in einer existenziellen Situation, die jederzeit für beide mit dem Tod enden kann. Als der Vater an sich selbst die Anzeichen einer schweren Erkrankung  feststellt, wächst panikartig die Angst vor der Verlassenheit des Jungen, und mehr als einmal erwägt er, die letzte Patrone seines Revolvers für seinen Sohn einzusetzen. Dass es dazu dennoch nicht kommt, ist nur der so sinnlosen wie beharrlichen Hoffnung auf eine Besserung der Situation zu verdanken. Der freiwillige Tod ist die Vorwegnahme einer Entscheidung, die letztlich nur das Leben treffen kann. Der Mann verhält sich wie Sysiphus, indem er jeden Morgen den Stein des Tages gegen die Zeit bergauf  wuchtet, um ihn in der Nacht wieder bergab rollen zu lassen.

Der Leser zittert mit diesen beiden verlorenen Geschöpfen und befürchtet ein Ende, das unausweichlich scheint. Doch einen kleinen Hoffnungsschimmer gewährt der Autor dem Leser: wenn am Ende der Mann tatsächlich an seiner Krankheit stirbt, findet der Junge ein Paar mit Kindern, das ihn in ihre kleine Gemeinschaft mit aufnimmt. Ob sie die dunkle Zeit gemeinsam überleben, ist in diesem Augenblick unwichtig, für den Jungen jedoch eröffnet sich die Möglichkeit eines Lebens in minimal menschenwürdigen Umständen.

McCarthy erzählt diese einfache Geschichte mit einer bruchlosen Kontinuität und Kompromisslosigkeit, ohne Hinweise auf politische oder allgemein gesellschaftliche Zustände und nur auf die Reise entlang der Todeslinie konzentriert. Der Verzicht auf die in der US-Literatur so beliebten multiplen Handlungsstränge und nicht zur unmittelbaren Geschichte gehörende Abschweifungen verdichtet und intensiviert die Erzählung in einem Ausmaß, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Als Unterhaltungslektüre kann man diesen Roman wahrhaftig nicht bezeichnen, aber vergessen wird man ihn nach der Lektüre lange nicht.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-498-04507-4 erschienen und kostet 19,90 €

FrankRaudszus



Hier bestellen bei AMAZON