Norbert Müller: "Easy Deutschland"

                                                                    
Eine satirische Bestandsaufnahme deutcher Befindlichkeit
 

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BuchumschlagWir alle kennen die Fernseh- oder Kinokomödien, in denen es privat, beruflich und befindlich drüber und drunter geht, die Protagonisten nur Schiffbruch erleben und all ihre Schwächen offenbaren. Doch nahezu alle dieser Komödien enden - quotengerecht - in einem Happy-End, bei derm der Vater seinen Job wiederbekommt, sich mit seiner Ehefrau aussöhnt und die Geliebte  in die Wüste schickt, die Tochter endlich ihren Liebsten findet und der Sohn das Endspiel gewinnt. Schließlich soll der Zuschauer zufrieden den Fernseher ausschalten und sich selbst in dem guten Ende wiederfinden.

Norbert Müller, Jahrgang 1963, baut seinen Roman ähnlich auf. Eine Handvoll von Menschen, vorrangig aus dem Medien- und Künstlerumfeld, schlagen sich mehr schlecht als recht durch das tägliche Leben der Hauptstadt, wobei, und das sei hier betont, Berlin dabei nur die bekannte Kulisse liefert und sich nicht etwas selbst der Kritik stellen muss. Doch Müller lässt die Geschichte nicht im "Ende gut - alles gut" enden, sondern die Beziehungen zu Staub zerfallen und die Protagonisten schließlich isoliert und gescheitert dastehen. Das hört sich jetzt nach einer depressiven Kritik an Leben und Sein an, doch Müllers Leistung liegt gerade darin, diese eigentlich niederschmetternde Botschaft in eine Tragikomödie zu verwandeln, die trotz aller individuellen Misslichkeiten eine gehörige Portion Humor in sich birgt. Oder sollte man lieber sagen "Galgenhumor"?

Die eigentliche Handlung ist recht sparsam: eine Gruppe ehemaliger Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen und Schriftsteller trauert vergangenen Erfolgen nach und hofft auf das große Comeback. Guido hat hunderte von Folgen als Hauptfigur in einer Arztserie abgedreht und war der Schwarm der Zuschauerinnen und der Mädchen am Set. Heute spielt er Hausmann für seine als Investmentbankerin tätige Frau. Arthur hat die bewusste Arztserie als Regisseur geleitet aber seinen Job wegen reallitätsfremder pseudokünstlerischer Ambitionen - er fühlte sich als Cassavetes - verloren und verdient sich nun seinen kärglichen Lebensunterhalt als Ausländerbetreuer in der Agentur "Easy Deutschland". Diese wiederum gehört der Amerikanerin Carol, ehemals ebenfalls im Filmgeschäft und verheiratet mit Eckhart, einem so erfolglosen wie verfressenen Dramaturgen, der erfolglos als Sponsorenakquisiteur für ein Alternativtheater agiert. Arthur ist liiert mit Marion, Ehefrau des
leitenden Volkshochschulangestellten Erik und Mutter zweier halbwüchsiger Kinder ist. Ihr liebstes Gesprächsthema ist die latent anstehende Scheidung, denn Matrion betrachtet als ambitionierte und natürlich hochbegabte Künstlerin - keine Kunstrichtung ist vor ihr sicher - ihren Mann schlicht als Spießer. Ihre beste Freundin Ann Charlotte reitet nach einer langen Durststrecke als Schriftstellerin endlich auf der Erfolgswelle zweier Bücher über den Terrorismus, sieht sich im Stillen bereits in der Nachflöge von Joyce und Beckett und hält Marion als Schriftstellerin für absolut unfähig.. Alle Teilnehmer dieses "Reigens" sind zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig, haben - natürlich - außer Marion keine Kinder und träumen sich zum nächsten, ultimativen berufllichen Durchbruch. Da sie sich alle untereinander privat oder durch jetzige und frühere berufliche Tätigkeiten gut kennen, haben sie natürlich ein klares Bild voneinander: die anderen sind unfähige, eitle Verlierertypen und verkennen die einzigartigen Fähigkeiten  des jeweiligen Betrachters vollständig. Man ist sich also gegenseitig haushoch überlegen!

Als irgendwann die Memoiren einer ebenfalls abgetakelten Schauspielerin herauskommen, in der diese ihrer angeblich im Dritten Reich verfolgten Verwandschaft nachtrauert und -forscht, kommt Eckhart auf den genialen Einfall, darüber DEN Betroffenheitsfilm der Dekade zu drehen, und findet sofort die anderen ehemals Medienschaffenden als begeisterte und anfangs willkommene Trittbrettfahrer. Doch dass dieses Projekt bei Norbert Müller nur in der Katastrophe enden kann, ist dem Leser schon bei Beginn klar. In einem wahren Furor von Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Größenwahn reist die Truppe um die halbe Welt, vergeudet das Geld des Sponsors und steht am Schluss vollständig zerstritten und zerschlagen vor dem Nichts. Zwischendurch hatte man sich über Kreuz gepaart: Erst Guido und dann Erik mit Ann Charlotte, Carol mit Arthur und Eckhart mit einer alten Schulfreundin. Am Ende gehen jedoch all diese Beziehungen wieder in die Brüche, weil sich die Protagonisten gegenseitig lediglich sexuell benutzen, sei es, um einen beruflichen Vorteil zu erringen, sei es, um ihr Ego aufzuwerten, sei es, um sich an jemandem zu rächen. Die jeweiligen Partner der Eskapaden spielen dabei die geringste Rolle.

Müller gelingt es in diesem Roman, die psychsichen Strukturen und Befindlichkeiten seiner Personen auf den Punkt zu bringen. Dabei schildert er sie mit punktgenauer Treffsicherheit im Kontext ihres jeweiligen beruflichen oder privaten Lebens, sei es beim Streit um den täglichen Haushalt mit allen dazugehörigen Ausflüchten und Scheinargumenten, sei es in dem von Konkurrenzneid und Intrigen geprägten Berufsalltag in der Volkshochschule, sei es bei dem Klinkenputzen für Sponsorengelder oder beim Antichambrieren in Verlagen. Der Wiedererkennungseffekt bei den geschilderten Eigenschaften und Verhaltensweisen der einzelnen Personen reizt permanent zum Lachen, wenn einem auch letzteres immer wieder im Halse stecken bleibt, weil die geschilderten Schwächen doch allzu menschlich sind. Sollte Müller seine Figuren aus seinem näheren Umfeld gewonnen haben, so dürfte er wohl einigen Ärgers gewärtig sein. 

Müllers Stil ist knapp und vorwärtsdrängend. Oft bezieht er sich auf das Subjekt des vorangehenden Satzes und baut seine Sätze nur aus Prädikat und Objekt auf. Und tut das recht oft! Erreicht damit lakonische Kürze und erhöhtes Tempo. Der Waschzettel weist dieses Buch als humorvolle Darstellung einer Verlierergeneration aus und impliziert damit ein wenig ein augenzwinkerndes Verständnis mit den im Kern doch liebenswerten Menschen. Davon ist Müller jedoch weit entfernt. Er zieht seine Personen nackt aus und lässt sie am Schluss im kalten Wind stehen, ohne jeglichen Schutz durch einen versöhnlichen Autor. Aber gerade diese Konsequenz macht den Wert dieses Buches aus.

Das Buch ist im Residenzverlag unter der ISBN 3-7017-1470-3 erschienen und kostet 21,90 €

Frank Raudszus



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