Sybil Volks: "Café Größenwahn"

                                                                    
Historischer Kriminalroman aus dem berlin des Jahres 1912
 

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BuchumschlagIn der Reihe "Es geschah in Berlin ..." hat der Jaron-Verlag ein literarisches Verfahren entwickelt, das man - in Ansätzen - sonst nur aus dem Internet kannt: verschiedene Autoren schreiben die Geschichte einer vorgegebenen Figur in einem bestimmten zeitlichen Kontext fort, wobei sie auf den jeweiligen Vorgänger und dessen Besonderheiten eingehen müssen. Die bisher erschienen Romane spielen in den Jahren 1910, 1912 und 1914, und die personelle Konstante besteht in dem Kriminalkommissar Kappe, der sich mit den jeweiligen Fällen befasst.

Der vorliegende Roman spielt im Jahr 1912 und dreht sich um eine historische Örtlichkeit, das berühmte "Café Größenwahn", in dem bis weit in den Ersten Weltkrieg hinein Schauspieler und - teilweise erfolglose - Künstler wie George Grosz und Else Lasker-Schüler verkehrten. In diesem Café landet bald nach seinem Eintreffen in Berlin der junge, unbedarfte Eugen Hoffmann aus der Provinz, der um des künstlerischen Inkognitos willen - er arbeitet an DEM Drama der Dekade - ein Pseudonym angenommen hat. Noch auf dem Bahnhof ist er einem "Bauerfänger" auf den Leim gegangen, der ihm beim Spiel einen Teil seines schmalen Erbes abgenommen hat, und eine noch größere Summe verliert er bald darauf beim Roulette in einem verbotetenen Spielclub. Als angehender berühmter Künstler gibt er im Café Größenwahn den spendablen jungen Herrn mit Geld und erringt auch bald zumindest die Sympathie der emanzipierten jungen Maxi, die regelmäßig in dem Café verkehrt.

Es könnte richtig schön in diesem Boheme-Ambiente sein, mit mehr und mit weniger arrivierten Künstlern, mit improvisierten Lesungen und "Performances", wie man sie heute nennen würde, und mit den unvermeidlichen Schnorrern. Doch Eugens Geld geht dem Ende entgegen, und als Versuche mit ehrlicher Arbeit scheitern, da dem hochfliegenden Geist des Protagonisten nicht angemessen, beschließt er, einen Geldboten zu überfallen. Mit einiger Vorbereitung gelingt es ihm tatsächlich, den ausgekundschafteten Boten mit einer Eigenanweisung in eine kurz zuvor angemietete, einsam gelegene Wohnung zu locken und ihn dort kampfunfähig zu schlagen. Leider hat Eugen übersehen, dass Geldboten am Samstag wenig Geld auszutragen haben, und so fällt die Beute recht mager aus. Der nur verletzte Bote erstickt wider Erwarten an dem Knebel, und die Wirtin, die Eugen unter einem Vorwand zwecks Befreiung des Geldboten dorthin geschickt hat, erscheint zwei Tage zu spät und erleidet beim Anblick des Toten einen Herzschlag. So hat Eugen plötzlich statt eines einfachen Raubes zwei Tote auf dem Gewissen, was ihn aber nicht sehr lange belastet.

Das unwahrscheinliche Glück, dass mit dem Tod der Wirtin die einzige Zeugin "eliminiert" ist, macht Eugen mutig, und die wachsende Sympathie der jungen Maxi, die selbstredend aus gutem Hause kommt, lässt den Geldbedarf dramatisch steigen. So plant Eugen einen zweiten Coup, der ihm diesmal die richtige Beute einbringen soll. Dazu kleidet er sich mit dem letzten Geld ein und nimmt Logis im Adlon. Er findet sogar einen Weg, den Geldboten ohne eine nachvollziehbare Geldanweisung in seine Suite zu locken, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Doch wie so oft laufen dem (fast) alles planenden Protagonisten in letzter Sekunde unliebsame Bekannte über den Weg, und die ganze Aktion droht aufzufliegen. Mit viel Chuzpe, Skrupellosigkeit und dem Genossen Zufall entrinnt Eugen auch diesmal der Entlarvung durch die Polizei, wobei der Untergang des Luxusdampfers "Titanic" eine wesentliche Rolle spielt. Die Polizei schließt die Bücher und Eugen könnte die Früchte seiner Untaten genießen, wäre da nicht Kommissar Kappe, der in diesem Roman lange im Hintergrund arbeitet. Der eher subalterne Beamte mit den guten Ideen, die seine Vorgesetzten jedoch geflissentlich übersehen, ahnt, dass die Auflösung der Geldboten-Morde nicht so einfach sein kann, und nimmt selbst die Spur des wahren Mörders auf. Mit einer - allerdings etwas unwahrscheinlichen - List kann er schließlich die Identität des unbekannten Täters ausgerechnet bei einer Theaterpremiere lüften und diesen zu einem "Showdown" zwingen.

Doch wie der Roman ausgeht, möchten wir dem interessierten Leser nicht verraten. Auch kann diese Zusammenfassung der Handlung nicht die Lektüre des Bändchens ersetzen, die nicht nur spannend und unterhaltsam geschrieben ist, sondern auch das Lokalkolorit des Berlins vor dem Ersten Weltkrieg recht glaubwürdig wiedergibt - soweit wir das heute beurteilen können. Die Autorin vermeidet dabei jegliches Klischee und charakterisiert auch ihre Figuren recht treffend und versieht sie mit individuellen, aber nie gewollt originellen Zügen. Man lebt sich während der Lektüre tatsächlich ein in dieses "alte" Berlin und lernt mit dem Café Größenwahn sogar ein Stück echter Berliner Geschichte kennen - einschließlich so skurriler Figuren wie George Grosz und Else Lasker-Schüler.

Das Buch ist im Jaron-Verlag unter der ISBN 3-89773-555-2 erschienen und kostet 7,95 €

FrankRaudszus



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