Amélie Nothomb: "Reality Show"

                                                                    
Ein Generalangriff auf voyeuristische Fernsehunterhaltung
 

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Buchumschlag"Dann kam der Tag, an dem das Leid der anderen ihnen nicht mehr genügte; sie wollten die Show!" - und so finden kurzerhand Razzien in der Stadt statt, bei denen wahllos Menschen eingefangen und in Viehwaggons abtransportiert werden. Die Leute wissen nicht Bescheid, was mit ihnen geschehen wird; sie haben Angst, sind verunsichert. All das halten Kameras fest, um es den Fernsehzuschauern in der Sendung "Konzentration" hautnah zu präsentieren. Kinder weinen vor Angst, Erwachsene empören sich, Greise atmen schwer. Herrlich, sich bei Chips und Bier das Leid der anderen als Zugabe einzuverleiben! Die Sendung hat sehr hohe Einschaltquoten. "Öde Containergeschichten waren out."

Die eingefangenen Menschen werden in Lager verfrachtet und dort in Kapos und Gefangene eingeteilt. Zena zum Beispiel, die nie eine Schule abgeschlossen hat und mit 20 Jahren immer noch ohne Ausbildung ist, freut sich auf die Rolle als Kapo. Nun wird sich keiner mehr über sie lustig machen. Sie kann Unbekannte beschimpfen, anbrüllen und sogar schlagen; vom Gejammer der Opfer lässt sie sich nicht erweichen, denn der Zuschauer verdient Respekt. Allein darum geht es.

Die Kameras belauern jeden Schmerz, erniedrigen die eingefangenen Menschen wie Sklaven. Außer Panonica - sie ist hübsch und verweigert die Rolle als Erniedrigte. Die Kamera beobachtet sie deshalb ganz genau, und Kapo Zena hat Freude daran, die Hübsche zu quälen. Die eine von der Natur verwöhnt und intelligent, die andere vernachlässigt und grausam. Die eine das Opfer, die andere Täterin. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich schleichend eine Abhängigkeit voneinander, und schon bald sind die Rollen nicht mehr so festgelegt wie am Anfang. Die Zuschauer fasziniert natürlich gerade diese Wendung, und die Einschaltquoten schnellen weiter in die Höhe. Dann wagt Panonica alles: sie attackiert das Fernsehpublikum......

Amélie Nothomb setzt sich in diesem Buch kritisch mit dem Thema "Reality Show" auseinander. Sie zwingt vor allem die Zuschauer in die Verantwortung, denn nur deren Gier nach nach Intimitäten und ihre Lust am Schmerz der anderen macht Fernsehunterhalung ohne Moral und auf niedrigstem Niveau möglich.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-06577-0 erschienen und kostet 17,90 €

Barbara Raudszus



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