| Ingo Schulze: "Neue Leben" |
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Vexierspiel um Roman und Realität |
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Die Handlung - ausschließlich in Briefen des Protagonisten dargestellt - beginnt im Januar 1990 im thüringischen Altenburg. Dort arbeitet Enrico Türmer - genau wie der Autor - als Dramaturg am Stadttheater und lebt mit einer Schauspielerin und deren Sohn zusammen. Nach der Wende hat sich auch in Altenburg alles geändert, und Türmer protokolliert die Ereignisse in einem geradezu manischen Bekenntnisdrang in Briefen an seine Schwester Vera, die neue Westbekannte Nicoletta und seinen alten Schulfreund Johann. Zu allen bestehen - zumindest aus Enricos Sicht - erotische Beziehungen. Seiner Schwester gegenüber empfindet er eine fast inzestuöse emotionelle Bindung, die er auch bedenkenlos ihr gegenüber äußert. Die Journalistin Nicoletta - stramm links auch nach dem Zusammenbruch der DDR - wird ihm zum zweiten weiblichen Bezugspunkt, wobei ihm die erotische Parallelität keine Probleme zu bereiten scheint. Beiden Frauen gesteht er wortreich seine Bewunderung und Zuneigung und man fragt sich, was passieren würde, wenn beide auf seine Werbung eingingen. Doch die Antworten seiner Briefpartner existieren nicht (mehr) - ob real oder fiktiv - und so sieht man die Welt nur aus Türmers Sicht. Zu seinem alten Schulkameraden Johann besteht eine alte, versteckte homoerotische Bindung - wohl eher einseitig -, die jedoch einer engen Freundschaft gewichen ist. Der Briefwechsel - und dies spricht für die Fiktion - ist dramaturgisch strukturiert. Die Briefe an Nicoletta handeln chronologisch Türmers Jugend, Militärzeit und sein Leben in Altenburg ab. Hier verdichten sich die letzten fünfzehn Jahre der DDR - "die letzten Tage von Pankowien". Johann berichtet er fortlaufend über die aktuellen Ereignisse in Altenburg und Vera über privaten Ereignisse und seine emotionelle Befindlichkeit. Aus diesen Briefen ergibt sich, dass Türmer Anfang 1990 beim Theater gekündigt hat und mit zwei Freunden eine Zeitung für Altenburg herausgibt. Als Schüler hat er sich lange Zeit in eine schriftstellerische Zukunft geträumt und sich bereits als einen unter dem realen Sozialismus schwer leidenden Dichter gesehen, der erst nach seiner Flucht in den Westen zu Ruhm kommt. Dieser Traum hat ihn periodisch zu schriftstellerischen Versuchen motiviert, in denen er seine Erlebnisse als Schüler, der heldenhaft den Wehrdienst verweigern will, als unglücklich Verliebten oder später als Soldat verarbeitet. Schulze hat diese Manuskripte - angeblich - auf der Rückseite der besagten Briefe gefunden und sie als Anhang beigefügt. Im Begleittext würdigt er diese Texte eher abschätzig und verweist auf entsprechende externe Verrisse. Es scheint dem Autor aus dramaturgischen Gründen wichtig zu sein, die mangelnde künstlerische Substanz von Türmer hervorzuheben, so wie er ihn auch als später gescheiterten Geschäftsmann hinstellt. Für ihn ist Türmer ein entscheidungsschwacher Tagträumer und Zauderer, der selbst offen zutage liegende Gelegenheiten verstreichen lässt. So wird Türmer während der berühmten Montagsdemonstrationen unfreiwillig zu einem Held, als er in der Altenburger Kirche mutige Worte über das DDR-System findet, doch nutzt er diese Situation nicht, um sich in der aufkommenden politischen Bewegung zu profilieren, sondern beobachtet die weitere Entwicklung im Herbst 1989 untätig und wie gelähmt. Zur Jahreswende 1989/90 verfällt er in eine schwere Depression, diesmal jedoch, weil er in einem hellsichtigen Moment das Ende der DDR und der Identität ihrer Bewohner voraussieht. Erst nachdem er alle Chancen auf politisches oder schriftstellerisches Heldentum aufgegeben hat, kann er sich der Tagesarbeit in der Zeitungsredaktion widmen und mutiert vom angepassten DDR-Bürger zum gewinnorientierten West-"Kapitalisten". Der Autor stellt ihm bei dieser Entwicklung einen westlichen Helfer mit zweifelhaften, bisweilen fast mephistophelischen Charakterzügen zur Verfügung, der zu sehr literarische und symbolhafte Persönlichkeit ist, um der Realität entsprungen zu sein. Doch manchmal ist die Realität ja grotesker als jede Fiktion.... Die Fußnoten, auf deren offiziell erklärende Funktion Schulze im Vorwort hinweist, haben eine weit wichtigere Funktion, so man den fiktiven Charakter des Buches unterstellt. Da die Briefe nur die Sicht des Protagonisten, einer DDR-Biographie in Zeiten des politischen Wandels, darstellen, entfällt die in Romanen übliche "objektive" Einmischung des Autors in Form von psychologischen oder politischen Erklärungen. Diese liefert Schulze in den Fußnoten punktgenau nach, wobei er die Ausführungen seines Protagonisten scheinbar sachlich um zusätzliche Informationen erweitert und damit in den tatsächlichen politischen Kontext rückt oder falsche Behauptungen richtigstellt. Auf diese Weise stellt Schulze auf raffinierte Weise verschiedene Ebenen der Wahrnehmung dar, vermischt aber durch den dokumentarischen Anschein immer wieder die Realität mit der Fiktion, die Subjektivität des Protagonisten mit der - ebenfalls subjektiven - Objektivität des Autors. Die Fußnote des Autors wird so zur Hinterfragung der von ihm selbst geschaffenen Fiktion, und dadurch vermeidet Schulze den Eindruck einer Abrechnung des Autors mit der Realität. Denn in den meisten zeitgeschichtlichen Romanen fließt die persönliche Meinung des Autors mehr oder minder ungefiltert in die Handlung ein und lässt die Personen der Handlung zu Sprachrohren des Autors und seiner realweltlichen Gegner werden. Schulze verhindert diesen literarischen "Kurzschluss", indem er sich selbst als scheinbar nur protokollierenden und kommentierenden Chronisten einer autonomen Persönlichkeit in den Roman einbringt. Türmer ist nicht Schulzes Geschöpf. sondern Schulze nur dessen Nachlassverwalter. Ingo
Schulze gelingt in diesem Briefroman ein authentisches Bild der
untergehenden bzw. der gerade untergegangenen DDR und der
Befindlichkeit ihrer Bewohner. Die spezielle Konstruktion des Romans
ist auch deshalb wichtig, weil es so kurz nach den historischen
Umbrüchen besonders schwer ist, diese wahrheitsgetreu - was ist
das ? - und glaubwürdig nachzuzeichnen. Am Beispiel der Figur des
Enrico Türmer, seines sozialen wie politischen Umfelds und seiner
persönlichen Auseinandersetzung mit dem anfangs real existierenden
und dann kollabierenden Sozialismus beschreibt Schulze die politischen
und privaten Umbrüche in dem Konstrukt, das einmal DDR hieß.
Dabei lässt er weder die heimelige Versorgungsmentalität noch
die gelebte Solidarität der DDR-Bewohner außer Acht und
zeigt auch, wie letztere unter dem Zugriff der Marktwirtschaft zu
bröckeln beginnt. Auch die Westler mit ihrem schnell
hochschießenden Geschäftssinn und ihrer onkelhaften
Attitüde gegenüber den unbedarften "Ossis" dürfen nicht
fehlen; allerdings verzichtet Schulze auch hier auf jeglichen
naheliegenden Populismus und zeigt ein realistisches Bild des
Verhältnisses zwischen "Ost und West". Auch
das literarische Augenzwinkern und die intellektuelle Koketterie sind
dem Autor nicht ganz fremd. Verweist er doch bereits in den
Fußnoten wiederholt auf die literarischen Versuche seines Helden
Türmerim Anhang des Briefwechsels und hängt ihnen das Verdikt
der Zweitklassigkeit an. Geht man von der anfangs diskutierten Annahme
der vollständigen Fiktion aus, so stammen diese Texte
natürlich auch von Ingo Schulze, und schlecht sind sie durchaus
nicht, wenn auch bewusst fragmentarisch gehalten aus dramaturgischen
Zwecken. Es wäre ja auch ein Akt des Masochismus, würde
Schulze hier bewusst zweitklassige Manuskripte generieren. Doch diese
Beurteilung wollen wir den Lesern überlassen, die sich den Anhang
auf keinen Fall ersparen sollten.
Das Buch ist als broschierte Version im Deutschen Taschenbuch-Verlag
unter der ISBN 3-423-13578-8 erschienen und kostet 97,90 Euro. Frank Raudszus |
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