Amélie Nothomb: "Mit Staunen und Zittern"

                                                                    
Satirischer Erlebnisbericht aus der Arbeitswelt Japans
 

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BuchumschlagUm dieses Buch zu verstehen, muss man wissen, dass die belgische Autorin in Japan und China aufgewachsen ist und eine Zeitlang in Japan gearbeitet hat. Dadurch gewinnt die Geschichte an Schärfe und Realitätsbezug. Der Gattungsbegriff "Roman" gilt hier nur mit ironischem Augenzwinkern, heißt doch die Protagonistin Amélie (!) und bringt am Schluss die Autorin sich sogar selbst in die angeblich frei erfundene Handlung ein. Wenn auch die Namen der handelnden Personen und Firmen mit Sicherheit frei erfunden sein mögen, die dahinter stehende Realität ist es sicherlich nicht.

Amélies stiller Traum, im geliebten Japan arbeiten zu dürfen, wird wahr. Eine große japanische Firma stellt sie, die frisch gebackene Akademikerin, tatsächlich ein und lässt sie gleich zu Beginn an einer vergleichweise trivialen Tätigkeit scheitern. Wie auch immer sie den einfachen Geschäftsbrief formuliert, immer zerreißt Ihr Vorgesetzter ihn ohne Gründe und verlangt eine neue Version. Diese Szene dient als Motto für Amélies gesamtes Jahr in dieser Firma, deren Angestellten es offensichtlich nur darum geht, der verhassten Weißen ihre Unfähigkeit vor Augen zu führen. Ihre Mentorin und unmittelbare Vorgesetzte, eine attraktive junge Frau, konfrontiert sie mit immer neuen Aufgabenstellungen, die nicht Amélies Qualifikationen entsprechen und zielsicher zum Scheitern führen. Ein Grund dafür ist die unter anderen selbständige und kompetente Erarbeitung einer Studie über den europäischen Markt für einen Kollegen, der durch die gelungene Arbeit der wesentlich jüngeren Frau in den Augen der Japaner sein Gesicht verloren hat. Die Rache ihrer Vorgesetzten führt sie schließlich in die Firmenaborte als "Klofrau". Natürlich erledigt sie auch diese Arbeit nicht zur Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten, aber die Freude der eigenen Kündigung - für die Japaner ein Gesichtsverlust der Kündigenden - gönnt sie ihr nicht. Und so verabschiedet sie sich denn am Ende des Jahres mit viel Dank für das Erlernte und demütigen Hinweisen auf ihre eigene Unfähigkeit, ohne dass einer ihrer Kollegen die bitterböse Ironie hinter ihren Worten erkennt. Ihre Vorgesetzte, die noch einmal die Demütigung der Konkurrentin - denn als solche hat sie sie auch gesehen - in vollen Zügen genießt, gratuliert jedoch Jahre später der erfolgreichen Autorin zu ihrem ersten Roman.....

Amélie Nothomb rechnet in diesem Buch mit der japanischen Firmenkultur und der die Menschen zerbrechenden Fixierung auf Hierachie und Tradition ab. In Japan kann man - vor allem als Frau - die gesellschaftlichen Erwartungen nur dann erfüllen, wenn man sich umbringt; alle anderen Versuche, den Anforderungen der Umwelt gerecht zu werden, führen zu unauflösbaren Widersprüchen, und persönliches Glück zähltz sowieso nichts, es sei denn, es besteht in gerade dieser unmöglichen Erfüllung der gesellschaftlichen Forderungen.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-23325-6 erschienen und kostet 7,90 €

Frank Raudszus



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