Ian McEwan: "Am Strand"

                                                                    
Ein kritischer Rückblick auf die prüden sechziger Jahre in Romanform

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BuchumschlagMcEwans Roman spielt Anfang der 60er Jahre, zu einer Zeit, als Sexualität noch ein Tabuthema war, über das man nicht offen sprach. Edward und Florende sind frisch verheiratet, und in der Hochzeitssuite eines georgianischen Landhotels erwartet sie ein festliches Dinner. Im Nebenraum steht ein Himmelbett mit makellos weißem Überwurf. Noch ist es unberührt. Zwei Kellner bedienen das junge Paar sehr zuvorkommend, und Edward achtet eifersüchtig darauf, dass die Mienen der beiden jungen Männer ja keine Anspielung oder gar Belustigung ausdrücken. Doch die Angestellten sind selbst nervös, denn ihre Hände zittern, wenn sie das Geschirr abstellen. In dieser verkrampften Atmosphäre speist das Brautpaar und plant nach noch einen Spaziergang mit festem Schuhwerk auf der berühmten Landzunge von Cecil Beach.

Soweit die äußere Welt der beiden - die innere ist jedoch von großen Ängsten geprägt. Florence hat vorher ein Handbuch über Sexualität gelesen und ist dabei auf Übelkeit erregende Ausdrücke und Wendungen gestoßen wie "Schleimhaut", "Penisspitze" - diese Rezension im amerikanischen Mittelwesten ist ab sofort gesperrt - oder "eindringen". Sie hat das Gefühl, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmt, denn ihr Körper rebelliert gegen jeglilchen Gedanken an nackte Haut und körperliche Liebe. Sex kann keine Freude bereiten, er ist eher ein Preism den man für die Sicherheit der Ehe zu zahlen hat. Edward hat dagegen durchaus Lust auf seine junge Frau und erklärt sich ihre Zurückhaltung mit den gesellschaftlichen Regeln, die besonders Frauen auferlegt sind.

Beim ersten Kuss nach dem Abendessen hat Florence Angst, sich in den Mund des Bräutigams zu erbrechen, und hofft, dass der Kuss bald vorüber ist. Vor Anstrengung und unterdrückter Anspannung stöhnt sie, was Edward natürlich als aufsteigende Lust interpretiert. Je näher sich die beiden kommen, desto höher bauen sich die Ängste in ihnen auf und desto quälender wird das Beisammensein. Als es schließlich zum Geschlechtsakt kommen soll, geht alles schief, und noch in der selben Nacht verlässt Florence ihren Edward.

Ian McEwan beschreibt sehr glaubwürdig die Sehnsucht nach Liebe, aber auch die Unfähigkeit, sie in einer in Tabus erstarrten Geselslchaft auszuleben. Etwas verspätet übt er mit diesem Roman auch Kritik an der Unaufrichtigkeit und bigotten Prüderie der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-06607-4 erschienen und kostet 18,90 €

Frank Raudszus



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