Anke Behrend: "Fake off"

                                                                    
"Kill -9" oder Die Entsorgung männlicher Kletten
 

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Buchumschlag"Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um" - lautet ein uralter Gemeinplatz, den man ohne Probleme auch aufs Internet ausdehnen könnte, frei nach dem Motto: "Wer sich in einen Chatroom begibt,......". Die Protagonistin dieses Buches hat eben dies getan, und das aus nahe liegenden Gründen: beruflich stark gefordert und mit wenig außerberuflichen Kontakten gesegnet, fristet sie ein Single-Dasein, das ihr irgendwann nicht mehr als die einzig lebenswerte Alternative erscheint. Als ausgerechnet eine Frau (!) die Vierzigjährige zehn Jahre jünger einschätzt - von Männern würde man diese Behauptung als taktische weil zielorientierte Notlüge einstufen -, beschließt sie, sich in einschlägigen Internetbörsen nach Partnern umzusehen. Nachdem einige erste Annäherungen sie mit den Verlierern der erotischen Globalisierung zusammengebracht haben und demzufolge ziemlich ernüchternd verlaufen sind, lernt sie schließlich einen feinsinnigen, eloquenten und äußerst sensiblen Chatpartner kennen, der zwar nach einer schweren Enttäuschung vor dem privaten und finanziellen Nichts steht, aber eine emotionell, intellektuell und erotisch aufregende Perspektive eröffnet. Nach einigem elektronischen Geplänkel besucht die Leipzigerin den vom Leben gebeutelten Schöngeist Roman in seiner Übergangsbleibe in einer hessischen Kleinstadt, und nun beginnt die Katastrophe.

Das typische Klischee einer Junggesellenwohnung ist ein "Schöner Wohnen"-Domizil gegenüber der kleinen, heruntergekommenen Wohnung von Romans Freund. Er selbst - im Gegensatz zu seiner Selbstbeschreibung eher klein, bierbäuchig und mit dioptrienstarker Brille geschlagen - gefällt sich zunehmend in rechthaberischen, ja erzieherischen Reden, die seinem gewählten Online-Stil Hohn sprechen. Schon hier versteht der geneigte Leser nur mit Mühe, warum frau nicht nur nicht unverzüglich abreist, sondern die Beziehung sogar noch aufrecht erhält. Die Frau tat`s um der Länge des Romans willen! Wie dem auch sei, Romans Besuch wenige Wochen später in Leipzig gerät zum finalen Fiasko: frau bestellt und bezahlt Fahrkarte nach kategorischen Anweisungen des Mannes, er kommt ungewaschen, ohne Geschenk, abgerissen gekleidet, belagert Bier trinkend den Fernseher, weiß alles besser, raisonniert unflätig über alles um ihn herum und leistet sich noch andere Ausfälligkeiten. Als frau ihn schließlich achtkantig hinauswirft und die Beziehung endgültig beendet, atmet selbst der geschlechtssolidarischste männliche Leser erleichtert auf. Doch wer glaubt, dass jetzt Ruhe ist, irrt sich: nach kurzer Pause mit anderen, gleichermaßen frustrierenden Online-Beziehungen fällt unsere Heldin einem Stalker in die Finger, der heimlich in ihre Wohnung eindringt, Kameras anbringt und sie mit Telefonterror quält. Der Leser ahnt natürlich sehr viel früher als die Heldin, um wen es sich handelt, doch um der Spannung willen dauert es noch ein wenig, ehe sie ihn erkennt und die entsprechenden Gegenmaßnahmen ergreift. Den abschließenden "Showdown" möchten wir hier nicht verraten, nur soviel mitteilen, dass die Geschichte ihr gerechtes Ende findet.

Anke Behrend zeigt in diesem dokumentarischen (?) Roman eine ausgeprägte Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, diese Gabe auch mit imponierender Formulierungsgabe, viel Witz und einer weit in den Sarkasmus ausufernden Ironie wiederzugeben. Man könnte sich oftmals des Lachens nicht enthalten, wenn die ganze Geschichte nicht so desolat wäre. Anke Behrend ist eine Meisterin der grotesken Komödie ohne Pardon, und männliche Leser müssen schon eine Menge echten Humors aufweisen, um hier noch lachen zu können, geht es doch um typische, weit verbreitete männliche Schwächen, die hier nur ein wenig auf die Spitze getrieben sind. Darüber hinaus weist sie sich auch noch als exzellente Kennerin der IT-Materie aus, vom trivialen CTRL-ALT DEL über Mac-Finessen bis zum fast kryptischen "kill -9", der ultimativen Beendigung hängender Verhältnisse.

Dem Rezensenten verbleibt jedoch die Pflicht, auch auf einige Schwächen des Romans hinzuweisen. Die zweiteilige Struktur des Buches weist auf eine Verlegenheitslösung hin. Nach der fulminanten Schilderung der Beziehung zu Roman ist zwar die Geschichte zu Ende, jedoch offensichtlich nicht für den Verleger, der für ein richtiges Buch offensichtlich noch einen "Nachschlag" einforderte. So flickt die Autorin noch einige unwichtige Online-Aktionen und Beziehungen ein, um die Ruhepause vor dem Stalker-Sturm etwas auszudehnen, und fügt dann diese zweite "Roman-Phase" an. Doch beide Romanphasen sind nur über die Person des Roman, nicht jedoch über ein gemeinsames "dramaturgisches" Konzept verbunden. So wirkt der Roman - jetzt meinen wir die literarische Form - eher wie eine Sammlung von zwei oder mehr Kurzgeschichten. Darüber hinaus reichert die Autorin die Handlung bisweilen mit Abschweifungen in ihre Jugend und Familiengeschichte an, die wenig mit der Handlung zu tun haben und offensichtlich entweder der Seitenfüllung oder der momentanen Zerstreuung der Autorin dienen. Doch sei's drum: das Buch als ganzes ist frech und mit viel Verve geschrieben und widmet sich im Wesentlichen einem Thema, das vielen Frauen zu Recht auf den Nägeln zu brennen scheint.

Ein kleiner Ratschlag zum Schluss: um den Erfolg der finalen Aktion sicherzustellen, sollte die Protagonistin den abschließenden Befehl in

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abwandeln, um wirklich alles zu bereinigen.

Das Buch ist im Röschen-Verlag unter der ISBN 3-9809915-5-1 erschienen und kostet 9,40 Euro.

Frank Raudszus



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