Vikram Chandra: "Der König von Bombay"

                                                                    
Ein breit gefächertes Oper über die indische Metropole

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BuchumschlagIndien weckt in Europa verschiedene - aber dennoch fest gefügte - Assoziationen: Arme Kinder mit großen Augen und bettelnde Greise einerseits, bärtige Gurus vor pilgernden Westlern andererseits, und als Kontrast dazu die glitzernden Glaspaläste der IT-Hochburg Bangalore, wo die Inder gegnüber den westlichen Industriestaaten als gefährliche Konkurrenz auftreten. Diesen Vorstellungen von Indien stellt der Autor sein eigenes, der Gegenwart entnommenes Bild seines Landes und der Großstadt Bombay entgegen und enthüllt dabei eine teilweise geradezu archaische "Normalität" der Verhältnisse, wenn man diese mit einem solchen Begriff belegen will.

Wer dieses umfangreiche Buch zu lesen beginnt, sollte sich jedoch von Anfang an mit dem Gedanken abfinden, kein schlüssiges Ende - "happy" oder "unhappy" - vorzufinden; denn dieser Roman ist der erste Teil einer auf mehrere - zumindest aber zwei -. Bände angelegten Serie, deren zweiter mit "Bombay Paradise" bereits angekündigt ist. Am Ende dieses Romans hängen also alle Fäden offen in der Luft und warten auf ihre Fortführung im nächsten Band.

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Protagonisten: der Sikh-Kommissar Sartaj Singh, geschieden und in stiller Askese  seinem Polizeidienst frönend, und der Gangsterchef Ganesh Gaitonde, der sich in Bombay ein Imperium aufgebaut hat. Zu beginn der Handlung ist Gaitonde in einem bunkerartigen Gebäude auf seltsame Weise zu Tode gekommen. Alles deutet auf einen Doppel(selbst)mord, denn neben dem - selbst ? - erschossenenen Gangsterboss findet man auch eine tote Lebedame  der ersten Garnitur mit einer Kugel in der Brust. Singh geht dem Tod Gaitondes nach, obwohl die Ermittlungen eigentlich wegen erwiesenen Selbstmordes eingestellt sind.

Dieser Sachverhalt verweist unvermittelt auf die polizeiliche und gesellschaftliche Situation im heutigen Bombay - und wohl auch Indien, wie der Autor sie sieht: das Leben in der Großstadt bestimmen vor allem mafiöse Clans mit dem Charakter von Großunternehmen, die ihre Reviere abgesteckt haben und an deren Grenzen laufend um Geld, Macht und Einfluss kämpfen. Ihre Geschäfte folgen den üblichen lukrativen Modellen Prostitution, Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung. Dafür beschützt man die Armen in den Slums, brennt aber auch mal nächtens eine ganze Slumsiedlung ab, wenn dort ein finanzstarker Investor ein neues Büro- oder Freizeitzentrum plant. Die Polizei hat sich mit den Clanchefs arrangiert und kassiert mehr oder minder offen Bestechungsgelder, die nach einem wohldurchdachten System den führenden Polizeioffizieren und den unteren Chargen - letztere natürlich weniger - zugute kommen. Diese Art der Gehaltsaufbesserung ist in der Polizei bekannt und wird als allgemeine Usance akzeptiert. Man nimmt, was man kriegen kann, und jeder Delinquent zückt bei einer Verhaftung erst einmal die Brieftasche, so er denn eine wohlgefüllte hat. Wenn die Chefs der Organisationen doch mal ins Gefängnis kommen, wofür die Konkurrenz mit entsprechenden Geldern oder Maßnahmen schon zu sorgen weiß, so leben sie hinter Gittern nicht unbedingt schlechter und führen von dort ihre Geschäfte fast ungehindert weiter. Auch Gaitonde hat jahrelang im Gefängnis gesessen, ohne dass sein Imperium darunter gravierend gelitten hätte.

Singhs Recherchen hinsichtlich der Hintergründe von Gaitondes Tod wechseln sich mit Rückblenden von Gaitondes "Karriere" ab, die in Ich-Form gehalten sind. Woher diese Berichte stammen, wird bis zum Schluss dieses Bandes nicht klar, man kann aber annehmen, dass Singh zu einem späteren Zeitpunkt auf diese "Memoiren" stoßen wird, die der allwissende Autor jetzt bereits  dem Lesepublikum gegenüber freigibt. Ein kurzer Ausflug gilt einem ehemaligen Geheimdienst-Offizier, der im Sterben liegt und  über seine Dienstzeit und ihre Gefahren nachdenkt. Hintergrund dieses Einschubes sind die geopolitische Lage Indiens zwischen aggressiven muslimischen Staaten wie Pakistan und Bengalen bzw. Bangladesch (Ost-Pakistan) und der Kaschmir-Konflikt, der seit Jahrzehnten wie das Damokles-Schwert eines nuklearen Krieges über Indien hängt. Ganesh Gaitonde wird vom Geheimdienst in die internationalen Aktivitäten einbezogen und verlässt deswegen das Gefängnis und Indien. Seine plötzliche Rückkehr mündet dann in seinen myteriösen Tod. Von daher versteht sich auch die Bereitschaft der höheren Dienststellen und der Politik, Selbstmord zu unterstellen....

Neben dieser politisch-gesellschaftlichen Handlungsstruktur steht fast gleichberechtigt die Beschreibung der heutigen indischen Lebensverhältnisse, sei es das Leben in der Familie, die Wohnungssituation - eher Wohnungsnot zu nennen -, das Verhältnis der Generationen untereinander und das tägliche Leben der einfachen Leute, zu denen auch die Polizisten gehören. Die berühmten Bettler und Waisenkinder - siehe oben - sind dagegen nicht Gegenstand des Romans, stellen also offenbar mehr ein tränenträchtiges Gewissenssymbol für westliche Gutmenschen dar. In Indien selbst kämpft jeder selbst um sein tägliches Brot, und zwar mit den Mittel, die ihm zur Verfügung stehen: der Polizist nimmt gern ein paar Schmiergelder oder zweigt sich einen Anteil von beschlagnahmten Geldern ab, der einfache Mann (oder die Frau) erpresst oder bestiehlt auch mal den Nachbarn. Die Menschen sind in Indien nicht besser als in der übrigen Welt, aber auch nicht schlechter, und die Großstadt Bombay verlangt ihnen im täglichen Überlebenskampf alle Kräfte ab.

Chakras Roman enthält alle Elemente eines Epos, wie wir es in Europa eigentlich seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr kennen. Mit einer gewissen literarischen Naivität, die bewusst hinter die intellektuelle Gebrochenheit und Selbstreferenz westlicher Literaten zurückgeht, schildert er einfach das Leben, Denken und Handeln seiner Protagonisten. Erotik hat dabei ebenfalls ihren angemessenen Platz wie praktische Nächstenliebe oder niedrige Gesinnung. Sie alle gehören zum Menschsein, und selbst das Verbrechen beschreibt Chakra nicht mit der Empörung des Moralisten sondern mit der Neugier des Chronisten. So ist sein Clan-Chef Gaitonde für die Mitglieder seines Clans ein geradezu sozialer und mitfühlender Familienvorstand, der sich um die Witwen und Waisen getöteter Mitglieder genauso kümmert wie um finanzielle oder gesundheitliche Probleme. Er steht einem richtigen, in sich funktionsfähigen Gemeinwesen mit vollem Gewaltmonopol vor, das die Existenz der öffentlichen Polizei eher als lästig empfindet, sie aber als Tatsache akzeptiert und mit ihr umzugehen weiß.

Eine Besonderheit des Buches liegt darin, dass die deutsche Übersetzung viele indischen Begriffe und (Schimpf-)Wörter im Original belässt (natürlich in lateinischer Schrift phonetisch nachgebildet). Ein umfangreiches Wortregister am Ende des Buches erklärt diese Begriffe, sodass man am Ende der Lektüre über ein beachtliches Repertoire an Schimpfwörtern und "four letter words"  verfügt. Es ist jedoch davon abzuraten, diese Kenntnisse Indern gegenüber mit dem Stolz des - vor allem bei Deutschen verbreiteten - Sprachinteressierten auszubreiten.....

Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 3-351-03091-6 erschienen und kostet 24,90 €

Frank Raudszus



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