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Vikram Chandra: "Der König von Bombay" |
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Ein breit
gefächertes Oper über die indische Metropole |
Weitere Bücher desselben Autors: |
Wer
dieses umfangreiche Buch zu lesen beginnt, sollte sich jedoch von
Anfang an mit dem Gedanken abfinden, kein schlüssiges Ende -
"happy" oder "unhappy" - vorzufinden; denn dieser Roman ist der erste
Teil einer auf mehrere - zumindest aber zwei -. Bände angelegten
Serie, deren zweiter mit "Bombay Paradise" bereits angekündigt
ist. Am Ende dieses Romans hängen also alle Fäden offen in
der Luft und warten auf ihre Fortführung im nächsten Band. Im
Mittelpunkt des Romans stehen zwei Protagonisten: der Sikh-Kommissar
Sartaj Singh, geschieden und in stiller Askese seinem
Polizeidienst frönend, und der Gangsterchef Ganesh Gaitonde, der
sich in Bombay ein Imperium aufgebaut hat. Zu beginn der Handlung ist
Gaitonde in einem bunkerartigen Gebäude auf seltsame Weise zu Tode
gekommen. Alles deutet auf einen Doppel(selbst)mord, denn neben dem -
selbst ? - erschossenenen Gangsterboss findet man auch eine tote
Lebedame der ersten Garnitur mit einer Kugel in der Brust. Singh
geht dem Tod Gaitondes nach, obwohl die Ermittlungen eigentlich wegen
erwiesenen Selbstmordes eingestellt sind. Dieser
Sachverhalt verweist unvermittelt auf die polizeiliche und
gesellschaftliche Situation im heutigen Bombay - und wohl auch Indien,
wie der Autor sie sieht: das Leben in der Großstadt bestimmen vor
allem mafiöse Clans mit dem Charakter von Großunternehmen,
die ihre Reviere abgesteckt haben und an deren Grenzen laufend um Geld,
Macht und Einfluss kämpfen. Ihre Geschäfte folgen den
üblichen lukrativen Modellen Prostitution, Drogen- und
Waffenhandel, Schutzgelderpressung. Dafür beschützt man die
Armen in den Slums, brennt aber auch mal nächtens eine ganze
Slumsiedlung ab, wenn dort ein finanzstarker Investor ein neues
Büro- oder Freizeitzentrum plant. Die Polizei hat sich mit den
Clanchefs arrangiert und kassiert mehr oder minder offen
Bestechungsgelder, die nach einem wohldurchdachten System den
führenden Polizeioffizieren und den unteren Chargen - letztere
natürlich weniger - zugute kommen. Diese Art der
Gehaltsaufbesserung ist in der Polizei bekannt und wird als allgemeine
Usance akzeptiert. Man nimmt, was man kriegen kann, und jeder
Delinquent zückt bei einer Verhaftung erst einmal die Brieftasche,
so er denn eine wohlgefüllte hat. Wenn die Chefs der
Organisationen doch mal ins Gefängnis kommen, wofür die
Konkurrenz mit entsprechenden Geldern oder Maßnahmen schon zu
sorgen weiß, so leben sie hinter Gittern nicht unbedingt
schlechter und führen von dort ihre Geschäfte fast
ungehindert weiter. Auch Gaitonde hat jahrelang im Gefängnis
gesessen, ohne dass sein Imperium darunter gravierend gelitten
hätte. Singhs
Recherchen hinsichtlich der Hintergründe von Gaitondes Tod
wechseln sich mit Rückblenden von Gaitondes "Karriere" ab, die in
Ich-Form gehalten sind. Woher diese Berichte stammen, wird bis zum
Schluss dieses Bandes nicht klar, man kann aber annehmen, dass Singh zu
einem späteren Zeitpunkt auf diese "Memoiren" stoßen wird,
die der allwissende Autor jetzt bereits dem Lesepublikum
gegenüber freigibt. Ein kurzer Ausflug gilt einem ehemaligen
Geheimdienst-Offizier, der im Sterben liegt und über seine
Dienstzeit und ihre Gefahren nachdenkt. Hintergrund dieses Einschubes
sind die geopolitische Lage Indiens zwischen aggressiven muslimischen
Staaten wie Pakistan und Bengalen bzw. Bangladesch (Ost-Pakistan) und
der Kaschmir-Konflikt, der seit Jahrzehnten wie das Damokles-Schwert
eines nuklearen Krieges über Indien hängt. Ganesh Gaitonde
wird vom Geheimdienst in die internationalen Aktivitäten
einbezogen und verlässt deswegen das Gefängnis und Indien.
Seine plötzliche Rückkehr mündet dann in seinen
myteriösen Tod. Von daher versteht sich auch die Bereitschaft der
höheren Dienststellen und der Politik, Selbstmord zu
unterstellen.... Neben
dieser politisch-gesellschaftlichen Handlungsstruktur steht fast
gleichberechtigt die Beschreibung der heutigen indischen
Lebensverhältnisse, sei es das Leben in der Familie, die
Wohnungssituation - eher Wohnungsnot zu nennen -, das Verhältnis
der Generationen untereinander und das tägliche Leben der
einfachen Leute, zu denen auch die Polizisten gehören. Die
berühmten Bettler und Waisenkinder - siehe oben - sind dagegen
nicht Gegenstand des Romans, stellen also offenbar mehr ein
tränenträchtiges Gewissenssymbol für westliche
Gutmenschen dar. In Indien selbst kämpft jeder selbst um sein
tägliches Brot, und zwar mit den Mittel, die ihm zur
Verfügung stehen: der Polizist nimmt gern ein paar Schmiergelder
oder zweigt sich einen Anteil von beschlagnahmten Geldern ab, der
einfache Mann (oder die Frau) erpresst oder bestiehlt auch mal den
Nachbarn. Die Menschen sind in Indien nicht besser als in der
übrigen Welt, aber auch nicht schlechter, und die Großstadt
Bombay verlangt ihnen im täglichen Überlebenskampf alle
Kräfte ab. Chakras
Roman enthält alle Elemente eines Epos, wie wir es in Europa
eigentlich seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr kennen. Mit einer
gewissen literarischen Naivität, die bewusst hinter die
intellektuelle Gebrochenheit und Selbstreferenz westlicher Literaten
zurückgeht, schildert er einfach das Leben, Denken und Handeln
seiner Protagonisten. Erotik hat dabei ebenfalls ihren angemessenen
Platz wie praktische Nächstenliebe oder niedrige Gesinnung. Sie
alle gehören zum Menschsein, und selbst das Verbrechen beschreibt
Chakra nicht mit der Empörung des Moralisten sondern mit der
Neugier des Chronisten. So ist sein Clan-Chef Gaitonde für die
Mitglieder seines Clans ein geradezu sozialer und mitfühlender
Familienvorstand, der sich um die Witwen und Waisen getöteter
Mitglieder genauso kümmert wie um finanzielle oder gesundheitliche
Probleme. Er steht einem richtigen, in sich funktionsfähigen
Gemeinwesen mit vollem Gewaltmonopol vor, das die Existenz der
öffentlichen Polizei eher als lästig empfindet, sie aber als
Tatsache akzeptiert und mit ihr umzugehen weiß. Eine Besonderheit des Buches liegt darin, dass die deutsche Übersetzung viele indischen Begriffe und (Schimpf-)Wörter im Original belässt (natürlich in lateinischer Schrift phonetisch nachgebildet). Ein umfangreiches Wortregister am Ende des Buches erklärt diese Begriffe, sodass man am Ende der Lektüre über ein beachtliches Repertoire an Schimpfwörtern und "four letter words" verfügt. Es ist jedoch davon abzuraten, diese Kenntnisse Indern gegenüber mit dem Stolz des - vor allem bei Deutschen verbreiteten - Sprachinteressierten auszubreiten..... Das
Buch ist im Aufbau-Verlag
unter der ISBN 3-351-03091-6 erschienen und kostet 24,90 € Frank
Raudszus |
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