O. P. Zier: "Tote Saison"

                                                                    
Eine drastische Realsatire über die kommunale Politik in der österreichischen Provinz

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Sturmfrei
 

BuchumschlagEinleitend möchten wir festhalten, dass der Autor selbst Österreicher ist, wir hier also nicht eine Beschimpfung des schönen Urlaubslands Österreich von externer Stelle vorstellen, sondern sozusagen einen "Nestbeschmutzer" präsentieren. Wir können uns auch durchaus vorstellen, dass in bestimmten - lokalen - Kreisen ain Entrüstungssturm ausbricht, sobald das Buch auf dem Markt erscheint, es sei denn, die Betroffenen schweigen es nach alter politischer Sitte tot. Zwar ist das Buch mit "Roman" übertitelt, dieser Verweis auf den fiktiven Charakter der Handlung gilt jedoch offensichtlich nur für die Namen und konkreten Lebensläufe der Protagonisten, nicht jedoch für  die Sitten und Gebräuche in der Heimat des Autors. Dazu sind die Ortsangaben zu konkret und realistisch. Im Gegensatz zu klassischen Romanciers lässt Zier seinen Roman nicht in "dem kleinen Städtchen J....." spielen, sondern im Salzburgischen St. Johann, und die Landeshauptstadt Salzburg mit ihrem einschlägigen Personal spielt auch eine erhebliche und nicht gerade rühmliche Rolle.

Wie auch verschiedene andere zeitgenössiche Autoren - z. B. Amélie Nothomb - integriert sich der Autor selbst wenig verhüllt in die Handlung. Damit agiert er nicht mehr als der objektive, alles wissende und steuernde Romanautor, sondern als subjektiv empfindender und erlebender Teil der vorgestellten Realitätsfiktion. Zwar trägt er im Roman einen anderen Namen, doch alles verweist bei diesem "Helden" zurück auf den Autor. Dadurch gewinnt dieser "Roman" - wir stellen dieses Wort hier absichtlich in Anführungsstriche - an Authentizität.

Die Handlung beginnt mit einem Paukenschlag: der Ich-Erzähler - Schriftsteller im schönen St. Johann - wird wegen Mordverdachts verhaftet. Kurz nach einer verbalen Auseinandersetzung und zum Zeitpunkt einer Verabredung mit eben dieser wird eine lokale Kulturpolitikerin tot aufgefunden. Die Indizien sprechen so deutlich gegen den Schriftsteller, dass selbst sein Rechtsanwalt und alter Freund schwarz für ihn sieht. Doch wer nun einen spannenden Krimi um die Auflösung des Mordes erwartet, sieht sich getäuscht. Zier geht es nicht um die Aufklärung eines Mordes, der eher als Höhepunkt einer intrigenreichen lokalpolitischen Entwicklung zu verstehen ist. Das Verbrechen und seine letztliche Aufklärung dienen ihm nur als Rahmenhandlung für die Beschreibung einer so grotesken wie skandalösen politischen Situation. Und wieder einmal fragt man sich, ob dies alles auch nur zur Hälfte - Übertreibung und Zuspitzung bis zum Doppelten gehören ins Reich der dichterischen Freiheit - wahr sein kann. Wenn dem so ist, sind die Fundamente der Demokratie in diesem Umfeld tatsächlich schwerwiegend erschüttert.

Im Lande und im Städtchen regiert die "christliche" Partei - Zier macht auch vor den realen Kürzeln nicht halt - und sieht laut Umfragen ihre Macht nach den nächsten Wahlen dahinschwinden. Im Laufe der Jahre hat man alle Positionen mit den eigenen Leuten besetzt, unabhängig von der fachlichen Kompetenz des Einzelnen. Ja, diese scheint geradezu schädlich zu sein, weil ein kompetenter Posteninhaber nicht erpressbar wäre. So hat die völlig unfähige Tochter des ehemaligen Landeshauptmanns (für Deutsche Leser: Ministerpräsident des Landes) aufgrund ihrer mangelnden Eignung den Posten der Kulturbeauftragten erhalten und lässt auch überall durchblicken, wie verhasst ihr die Kultur ist. Bald ist sie auch in allen Behörden und bei wachen Bürgern herzlich unbeliebt oder erfährt deutliche Verachtung, doch das macht ihr angesichts der Position ihres Vaters nichts aus. Sie ist aber nicht die einzige "Schießbudenfigur" in diesem Politiktheater. Je höher die Position, desto geringer die Kompetenz und desto größer die Machtbesessenheit und Arroganz des jeweiligen Inhabers. Dazu kommen Wohlleben, Lustreisen und Alkoholismus, denn irgendwie muss man ja die fehlende fachliche Kompetenz kompensieren. Aufgrund der kritischen Situation hinsichtlich der kommenden Wahlen kommt man auf so groteske wie kriminelle Ideen, um die Situation wieder zu stabilisieren.

Als nun plötzlich die verhasste Kulturbeauftragte tot vor ihrem Appartementhaus liegt und der Schriftsteller in Untersuchungshaft sitzt, wirkt das auf viele Lokalpolitiker wie eine göttliche Fügung, hatte er sich doch in letzter Zeit durch unangenehme Recherchen äußerst unbeliebt gemacht. Ein ortsbekannter Professor, der sich ehrenamtlich im Kulturbereich engagiert hatte, war psychisch zusammengebrochen, weil er sich verfolgt fühlte. Der politisch wache Schriftsteller ist dieser scheinbaren Paranoia nachgegangen und dabei auf unbeschreibliche Zustände in der Kommunal- und Landespolitik gestoßen. Diese überraschen ihn zwar grundsätzlich nicht, aber die grotesken Einzelheiten lassen ihn dann doch staunen. Nicht nur Vetternwirtschaft und Protektion bis in die höchsten Ebenen gehören zum Tagesgeschäft, sondern auch karrierebedingte, teils mehrfache Parteiwechsel nach dem Motto "Was stört mich mein Geschwätz von gestern" und schließlich - der absolute Höhepunkt - ein größenwahnsinniges Projekt eines karrieresüchtigen, realitätsfremden Politikers, der durch eine gewaltige Naturverschandelung Österreich eine ganzjährige Skisaison verschaffen will. Zwar distanzieren sich Parteifreunde von dieser angeblich verrückten Idee eines nicht ernst zu nehmenden Spinners, doch zu viele haben an den entsprechenden Sitzungen bereits teilgenommen und ihre Kommentare dazu abgegeben.

O. P. Zier begeht nicht den Fehler, die Schuldigen am Schluss sämtlich entlarven und das schmutzige Nest der politischen Misswirtschaft ausräuchern zu lassen. Das wäre die reine Utopie, da die große Menge der Nutznießer das in der Realität zu verhindern weiß. So wird lediglich der Täter geschnappt - mit einer gehörigen Portion schwarzer Ironie - und der Held aus dem Gefängnis entlassen. Die Verhältniss jedoch, die "sind nun mal so" und werden sich auch nicht ändern. In der Politik gilt nach der Aufklärung des Falles "business as usual", d.h. zurück auf Los und weitermachen wie bisher. Eine bei allem satirischen Humor traurige Feststellung des Autors, dessen Roman deswegen in einer gewissen Melancholie endet.

O.P. Zier hat bei aller Schärfe der Kritik ein unterhaltsam und über weite Strecken spannendes Buch geschrieben, das trotz des gar nicht lustigen Gegenstandes eine gehörige Portion Humor beinhaltet.

Das Buch ist im Residenz-Verlag unter der ISBN 3-7017-1485-8 erschienen und kostet 21,90 €

Frank Raudszus



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