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O. P. Zier: "Tote Saison" |
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Eine drastische
Realsatire über die kommunale Politik in der österreichischen
Provinz |
Weitere Bücher desselben Autors: Sturmfrei |
Wie
auch verschiedene andere zeitgenössiche Autoren - z. B. Amélie Nothomb -
integriert sich der Autor selbst wenig verhüllt in die Handlung.
Damit agiert er nicht mehr als der objektive, alles wissende und
steuernde Romanautor, sondern als subjektiv empfindender und erlebender
Teil der vorgestellten Realitätsfiktion. Zwar trägt er im
Roman einen anderen Namen, doch alles verweist bei diesem "Helden"
zurück auf den Autor. Dadurch gewinnt dieser "Roman" - wir stellen
dieses Wort hier absichtlich in Anführungsstriche - an
Authentizität. Die
Handlung beginnt mit einem Paukenschlag: der Ich-Erzähler -
Schriftsteller im schönen St. Johann - wird wegen Mordverdachts
verhaftet. Kurz nach einer verbalen Auseinandersetzung und zum
Zeitpunkt einer Verabredung mit eben dieser wird eine lokale
Kulturpolitikerin tot aufgefunden. Die Indizien sprechen so deutlich
gegen den Schriftsteller, dass selbst sein Rechtsanwalt und alter
Freund schwarz für ihn sieht. Doch wer nun einen spannenden Krimi
um die Auflösung des Mordes erwartet, sieht sich getäuscht.
Zier geht es nicht um die Aufklärung eines Mordes, der eher als
Höhepunkt einer intrigenreichen lokalpolitischen Entwicklung zu
verstehen ist. Das Verbrechen und seine letztliche Aufklärung
dienen ihm nur als Rahmenhandlung für die Beschreibung einer so
grotesken wie skandalösen politischen Situation. Und wieder einmal
fragt man sich, ob dies alles auch nur zur Hälfte -
Übertreibung und Zuspitzung bis zum Doppelten gehören ins
Reich der dichterischen Freiheit - wahr sein kann. Wenn dem so ist,
sind die Fundamente der Demokratie in diesem Umfeld tatsächlich
schwerwiegend erschüttert. Im
Lande und im Städtchen regiert die "christliche" Partei - Zier
macht auch vor den realen Kürzeln nicht halt - und sieht laut
Umfragen ihre Macht nach den nächsten Wahlen dahinschwinden. Im
Laufe der Jahre hat man alle Positionen mit den eigenen Leuten besetzt,
unabhängig von der fachlichen Kompetenz des Einzelnen. Ja, diese
scheint geradezu schädlich zu sein, weil ein kompetenter
Posteninhaber nicht erpressbar wäre. So hat die völlig
unfähige Tochter des ehemaligen Landeshauptmanns (für
Deutsche Leser: Ministerpräsident des Landes) aufgrund ihrer
mangelnden Eignung den Posten der Kulturbeauftragten erhalten und
lässt auch überall durchblicken, wie verhasst ihr die Kultur
ist. Bald ist sie auch in allen Behörden und bei wachen
Bürgern herzlich unbeliebt oder erfährt deutliche Verachtung,
doch das
macht ihr angesichts der Position ihres Vaters nichts aus. Sie ist aber
nicht
die einzige "Schießbudenfigur" in diesem Politiktheater. Je
höher die Position, desto geringer die Kompetenz und desto
größer die Machtbesessenheit und Arroganz des jeweiligen
Inhabers. Dazu kommen Wohlleben, Lustreisen und Alkoholismus, denn
irgendwie muss man ja die fehlende fachliche Kompetenz kompensieren.
Aufgrund der kritischen Situation hinsichtlich der kommenden Wahlen
kommt man auf so groteske wie kriminelle Ideen, um die Situation wieder
zu stabilisieren. Als
nun plötzlich die verhasste Kulturbeauftragte tot vor ihrem
Appartementhaus liegt und der Schriftsteller in Untersuchungshaft
sitzt, wirkt das auf viele Lokalpolitiker wie eine göttliche
Fügung, hatte er sich doch in letzter Zeit durch unangenehme
Recherchen äußerst unbeliebt gemacht. Ein ortsbekannter
Professor, der sich ehrenamtlich im Kulturbereich engagiert hatte, war
psychisch zusammengebrochen, weil er sich verfolgt fühlte. Der
politisch wache Schriftsteller ist dieser scheinbaren Paranoia
nachgegangen und dabei auf unbeschreibliche Zustände in der
Kommunal- und Landespolitik gestoßen. Diese überraschen ihn
zwar grundsätzlich nicht, aber die grotesken Einzelheiten lassen
ihn dann doch staunen. Nicht nur Vetternwirtschaft und Protektion bis
in die höchsten Ebenen gehören zum Tagesgeschäft,
sondern auch karrierebedingte, teils mehrfache Parteiwechsel nach dem
Motto "Was stört mich mein Geschwätz von gestern" und
schließlich - der absolute Höhepunkt - ein
größenwahnsinniges Projekt eines karrieresüchtigen,
realitätsfremden Politikers, der durch eine gewaltige
Naturverschandelung Österreich eine ganzjährige Skisaison
verschaffen will. Zwar distanzieren sich Parteifreunde von dieser
angeblich verrückten Idee eines nicht ernst zu nehmenden Spinners,
doch zu viele haben an den entsprechenden Sitzungen bereits
teilgenommen und ihre Kommentare dazu abgegeben. O.
P. Zier begeht nicht den Fehler, die Schuldigen am Schluss
sämtlich entlarven und das schmutzige Nest der politischen
Misswirtschaft ausräuchern zu lassen. Das wäre die reine
Utopie, da die große Menge der Nutznießer das in der
Realität zu verhindern weiß. So wird lediglich der
Täter geschnappt - mit einer gehörigen Portion schwarzer
Ironie - und der Held aus dem Gefängnis entlassen. Die
Verhältniss jedoch, die "sind nun mal so" und werden sich auch
nicht ändern. In der Politik gilt nach der Aufklärung des
Falles "business as usual", d.h. zurück auf Los und weitermachen
wie bisher. Eine bei allem satirischen Humor traurige Feststellung des
Autors, dessen Roman deswegen in einer gewissen Melancholie endet. O.P. Zier hat bei aller Schärfe der Kritik ein unterhaltsam und über weite Strecken spannendes Buch geschrieben, das trotz des gar nicht lustigen Gegenstandes eine gehörige Portion Humor beinhaltet. Das
Buch ist im Residenz-Verlag
unter der ISBN 3-7017-1485-8 erschienen und kostet 21,90 € Frank
Raudszus |
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