Daniel Kehlmann: "Beerholms Vorstellung"

                                                                    
Mathematik + Religion = Magie ??

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BuchumschlagDieser Roman des mittlerweile renommierten Autors stammt aus dem Jahre 1997, als Kehlmann gerade 22 Jahre alt war. Darauf weist auch der hohe Anspruch hin, den er in der romanhaften Verbindung von Mathematik, Religion und Magie stellt. Ein anderer hat vor ihm ein ganzes Leben gebraucht, um diese drei Gebiete in einem weit ausholenden Werk zu "fassen", doch Kehlmann wollte offensichtlich im Schnelldurchgang und auf 250 Seiten erfassen, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Seine schriftstellerische Qualität zeigt sich immerhin darin, dass der Versuch nicht zur Lächerlichkeit gerät, obwohl er die drei Gebiete im "Handstreich" erobern will.

Der Ich-Erzähler wächst - überdeutliches und dramaturgisch nicht notwendiges Symbol für die "Unbehaustheit" des Menschen - als Adoptivkind eines kinderlosen Ehepaares auf. Nach dem frühen Blitzschlagtod der Ziehmutter - nächster ironischer Symbolverweis auf das Überirdische! - bringt er die folgenden Jahre in einem Schweizer Internat zu, wo er schon bald seine Liebe zur Mathematik entdeckt. Doch die Abgründe der Mathematik, nämlich das in dieser Wissenschaft geradezu obszöne Aufscheinen des Undefinierten - vulgo: der Unendlichkeit - in der Gestalt der Singularität schockieren den von der in sich geschlossenen Logik der Mathematik faszinierten Jungen geradezu elementar. Dass eine mathematische Funktion - als Beispiel nennt Kehlmann f(x)=4/x - an einer Stelle ins "Unendliche", nicht mehr Fassbare ausbrechen kann, nimmt für ihn jenseitigen Charakter an, was seine Hinwendung zur Religion zur Folge hat. Er beschließt Theologie zu studieren und bringt es auf diesem Gebiet sogar zu den niederen Priesterweihen. Doch wochenlange Exerzitien mit absolutem Rede-, Arbeits- und Leseverbot lassen ihn an der strengen, keiner menschlichen Logik zugänglichen Disziplin der Religion zweifeln. Die bedingungslose Unterwerfung unter einen nicht hinterfragbaren Glauben lässt ihn zum zweiten Mal ausbrechen und sich in seine Jugendleidenschaft, die Magie, retten.  Diese Rückwendung zur ursprünglich kindlichen Zauberei - und nichts als eine professionelle  Variante dieses Zeitvertreibs ist es anfangs - wirkt wie eine Kapitulation vor den erkenntnistheoretischen Grenzen des menschlichen Geistes. Was man weder mit Mathematik noch mit Religion erklären kann, dem muss man in geradezu verzweifelter Ironie mit dem Zaubertrick gegenübertreten. So wie die Kunst des Zauberers aus simplen, wenn auch lange geübten Tricks besteht, so ist auch die Welt nur ein Zaubertrick einer höheren Instanz, die sich über die dummen Zuschauer lustig macht.

Mit seinen immer ausgefeilteren Zaubertricks verblüfft und begeistert er sein Publikum und steigt schnell vom Vorstadt-Unterhalter zum weltweiten agierenden Kultzauberer auf, bis er eines Tages feststellt, dass ihm tatsächlich eine magische Kraft jenseits aller Zaubertricks zugewachsen ist. Auch das eine versteckte Reverenz an das Vorbild aus Weimar, denn diese Fähigkeit kann nur auf einem unbewussten Pakt mit dem Bösen beruhen. Nachdem er die schockierende Fähigkeit bei einem Autounfall verloren hat, gibt er die Magie von einem Tag auf den anderen auf und schreibt seine Biographie, eben die Kapitel, die eben beschrieben wurden. Am Ende sagt er seinen Freitod voraus und setzt ihn nach dem letzten Satz in die Tat um.

Man sieht, Kehlmann hat hier seine eigene Version des "Faust" geschaffen, zwar nicht als sofort wiedererkennbaren Abklatsch, doch mit denselben Fragen ("...wie hältst du's mit der Religion?...) und ähnlichen Antworten, nur dass ein Goethe nach 60 Jahren Werkarbeit die große Geste des Selbstmords wohl eher lächerlich fand, während der junge Kehlmann hier noch eine logische Konsequenz sieht. Nur: man kann sie nur einmal ziehen!

Auch wenn Kehlmann mit diesem Buch eine durchaus spannende, temporeiche und über weite Strecken geistreiche Geschichte entwickelt, zielt der Themenkomplex letztlich doch höher als die Kugel schließlich fliegt. Zu schnell werden die weiten Felder der Mathematik und der Religion durchschritten und im Vorbeigehen abgegrast, zu wenig trägt die Magie wirklich als Alternative oder als Pakt mit dem Bösen; zu sehr bleibt die Geschichte im Unverbindlichen weil nur Originellen stecken. Dennoch ist die Lektüre jedem durchschnittlichen Thriller oder den pseudo-tiefsinnigen Nabelschauen schwermütiger Jungdichter vorzuziehen, und die Gedanken über Mathematik und Religion entbehren nicht einer gewissen Originalität.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-499-24549-78 erschienen und kostet 8,90 €

Frank Raudszus



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