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Daniel Kehlmann: "Beerholms Vorstellung" |
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Mathematik +
Religion = Magie ?? |
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Der
Ich-Erzähler wächst - überdeutliches und dramaturgisch
nicht notwendiges Symbol für die "Unbehaustheit" des Menschen -
als Adoptivkind eines kinderlosen Ehepaares auf. Nach dem frühen
Blitzschlagtod der Ziehmutter - nächster ironischer Symbolverweis
auf das Überirdische! - bringt er die folgenden Jahre in einem
Schweizer Internat zu, wo er schon bald seine Liebe zur Mathematik
entdeckt. Doch die Abgründe der Mathematik, nämlich das in
dieser Wissenschaft geradezu obszöne Aufscheinen des Undefinierten
- vulgo: der Unendlichkeit - in der Gestalt der Singularität
schockieren den von der in sich geschlossenen Logik der Mathematik
faszinierten Jungen geradezu elementar. Dass eine mathematische
Funktion - als Beispiel nennt Kehlmann f(x)=4/x - an einer Stelle ins
"Unendliche", nicht mehr Fassbare ausbrechen kann, nimmt für ihn
jenseitigen Charakter an, was seine Hinwendung zur Religion zur Folge
hat. Er beschließt Theologie zu studieren und bringt es auf
diesem Gebiet sogar zu den niederen Priesterweihen. Doch wochenlange
Exerzitien mit absolutem Rede-, Arbeits- und Leseverbot lassen ihn an
der strengen, keiner menschlichen Logik zugänglichen Disziplin der
Religion zweifeln. Die bedingungslose Unterwerfung unter einen nicht
hinterfragbaren Glauben lässt ihn zum zweiten Mal ausbrechen und
sich in seine Jugendleidenschaft, die Magie, retten. Diese
Rückwendung zur ursprünglich kindlichen Zauberei - und
nichts als eine professionelle Variante dieses Zeitvertreibs ist
es anfangs - wirkt wie eine Kapitulation vor den
erkenntnistheoretischen Grenzen des menschlichen Geistes. Was man weder
mit Mathematik noch mit Religion erklären kann, dem muss man in
geradezu verzweifelter Ironie mit dem Zaubertrick gegenübertreten.
So wie die Kunst des Zauberers aus simplen, wenn auch lange
geübten Tricks besteht, so ist auch die Welt nur ein Zaubertrick
einer höheren Instanz, die sich über die dummen Zuschauer
lustig macht. Mit
seinen immer ausgefeilteren Zaubertricks verblüfft und begeistert
er sein Publikum und steigt schnell vom Vorstadt-Unterhalter zum
weltweiten agierenden Kultzauberer auf, bis er eines Tages feststellt,
dass ihm tatsächlich eine magische Kraft jenseits aller
Zaubertricks zugewachsen ist. Auch das eine versteckte Reverenz an das
Vorbild aus Weimar, denn diese Fähigkeit kann nur auf einem
unbewussten Pakt mit dem Bösen beruhen. Nachdem er die
schockierende Fähigkeit bei einem Autounfall verloren hat, gibt er
die Magie von einem Tag auf den anderen auf und schreibt seine
Biographie, eben die Kapitel, die eben beschrieben wurden. Am Ende sagt
er seinen Freitod voraus und setzt ihn nach dem letzten Satz in die Tat
um. Man
sieht, Kehlmann hat hier seine eigene Version des "Faust" geschaffen,
zwar nicht als sofort wiedererkennbaren Abklatsch, doch mit denselben
Fragen ("...wie hältst du's mit der Religion?...) und
ähnlichen Antworten, nur dass ein Goethe nach 60 Jahren Werkarbeit
die große Geste des Selbstmords wohl eher lächerlich fand,
während der junge Kehlmann hier noch eine logische Konsequenz
sieht. Nur: man kann sie nur einmal ziehen! Auch
wenn Kehlmann mit diesem Buch eine durchaus spannende, temporeiche und
über weite Strecken geistreiche Geschichte entwickelt, zielt
der Themenkomplex letztlich doch höher als die Kugel
schließlich fliegt. Zu schnell werden die weiten Felder der
Mathematik und der Religion durchschritten und im Vorbeigehen
abgegrast, zu wenig trägt die Magie wirklich als Alternative oder
als Pakt mit dem Bösen; zu sehr bleibt die Geschichte im
Unverbindlichen weil nur Originellen stecken. Dennoch ist die
Lektüre jedem durchschnittlichen Thriller oder den
pseudo-tiefsinnigen Nabelschauen schwermütiger Jungdichter
vorzuziehen, und die Gedanken über Mathematik und Religion
entbehren nicht einer gewissen Originalität. Das
Buch ist im Rowohlt-Verlag
unter der ISBN 3-499-24549-78 erschienen und kostet 8,90 € Frank
Raudszus |
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