Philippe Besson: "Nachsaison"

                                                                    
Literarische Deutung eines berühmten Gemäldes

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Wer kennt nicht das berühmte desillusionierte und desillusionierende Bild "Nighthawks" von Edward Hopper aus dem Jahr 1942. Aus gegebenem Anlass wollen wir es hier noch einmal kurz beschreiben:

BuchumschlagEdward Hopper: "Nighthawks"

Die großflächige Panoramascheibe einer Bar lässt deren Licht auf eine leere nächtliche Straße hinaus. Über der Scheibe steht in großen Lettern der Name der Bar: "Phillies". Im Hintergrund sieht man ein dunkelrotes Haus mit schwarzen Fensterflächen und einem sterilen Eingangsbereich. Kein Mensch ist zu sehen. Nur in der von hellem, fast grellem Deckenlicht erleuchteten Bar sitzen drei Personen vor einem großzügigen Tresen, hinter dem ein Barkeeper in weißer Matrosenuniform die Getränke bereitet. Vor einer Tür im Hintergrund stehen zwei hohe gläserne Mineralwasserbehälter, wie sie in Amerika üblich waren (und sind). Ein Gast in Anzug und Hut sitzt mit dem Rücken zu Fenster und Betrachter an der vorderen Seite der Bar und starrt vor sich auf den Tresen. An der Querseite, im Bild zwischen ihm und dem Barkeeper, sitzt ein Paar: links ein Mann mit Hut, Anzug und Krawatte, rechts von ihm - von vorne gesehen - eine Frau in einem roten Kleid. Beide schauen vor sich hin auf den Barkeeper, als wollten sie eine Gesprächsleere oder Befangenheit durch Fixierung auf ihn überspielen. Das Bild ist in gestochen scharfen Linien und klar abgegrenzten Farbflächen gehalten, kein Weichzeichner, keine farbliche oder motivische Bewegung lockern die Erstarrung auf. Die bildliche Distanzierung der Personen voneinander und der Verzicht auf jeglichen bewussten Blickkontakt zwischen ihnen vermitteln eine Atmosphäre der äußersten Verlorenheit und Pespektivlosigkeit. Das Paar könnte aus Philip Marlowe (alias Humphrey Bogart) und einer dubiosen Klientin bestehen, die sich hier wegen eines Auftrags an den Detektiven der "Schwarzen Serie" getroffen haben, der dritte Gast könnte ein Spitzel der lokalen Mafia sein.

BuchumschlagBuchumschlag

Der Franzose Philippe Besson hat sich zu diesem Bild jedoch eine andere Geschichte ausgedacht. Er stellt sich dabei eine zwischenmenschliche Konstellation vor, die eine lange Vergangenheit in sich birgt und in diesem Moment kulminiert. Die Frau ist bei ihm eine Schriftstellerin, die auf ihren Geliebten und die Bestätigung der endgültigen Trennung von seiner Frau wartet. Der Barkellner ist seit Jahren ihr Vertrauter, jedoch ohne dass jemals ein Kontakt über das Gast-Kellner-Verhältnis hinaus zustande gekommen ist. Der einzelne Gast ist ein Fischer, der nach seiner Rückkehr vom Fang hier einzukehren pflegt. Doch statt des Geliebten kommt plötzlich der ehemalige Geliebte, der die Frau vor Jahren auf äußerst schäbige Weise für eine andere, berechnende und gesellschaftlich attraktivere Frau verlassen hat. Nach kurzem, befangenem Gespräch stellt sich heraus, dass er in Trennung lebt und seine Ehe als großen Fehler betrachtet. Besson beleuchtet jetzt die psychologische Entwicklung zwischen den drei - oder vier - Protagonisten:  Der Barkeeper kennt beide Männer gut und wünscht der Frau alles Gute, ohne sich in irgend einer Weise einzumischen, die Frau ist durch den unerwarteten, eigentlich sogar frechen Besuch ihres vormaligen Geliebten in der ehemaligen "Stammkneipe" fast empört und emotionell aufgewühlt. Der Mann spielt die typische Rolle des alles auf die leichte Schulter Nehmenden, die eigenen Verfehlungen Bagatellisierenden. Er geht von vornherein davon aus, dass man ihm nicht böse sein kann, und zieht mehr oder minder unbewusst all die psychologischen Register, die ihn schwer angreifbar machen. Zäh schleppt sich die Unterhaltung zwischen zwei vom Leben Gezeichneten dahin, keiner will zuviel von sich preisgeben oder seine Stellung in dem untergründig entbrennenden Kampf um die Deutingshoheit über Vergangenheit und Gegenwart verschlechtern; jeder versucht seinen Standpunkt einzubringen und zu festigen, ohne jedoch den anderen das Gesicht verlieren und gleich alle Türen zufallen zu lassen. Besson beschreibt diese fragile, ambivalente Situation mit einem unnachahmlichen Gefühl für psychologische Strukturen und Strömungen sowie für den immerwährenden Kampf zwischen den Geschlechtern um die Führung im Binnenverhältnis. Wie die Geschichte dieses Bildes ausgeht, ist zweitrangig. Doch Besson vermeidet dabei mit Bedacht jegliches zupackende Klischee, sei es das unsagbare Happy-End oder die große Szene. Ihm geht es vor allem um die Situation des unerwarteten Wiedersehens sowie um die Brüchigkeit und Verletzlichkeit menschlicher Beziehungen.

Allerdings sind auch kritische Anmerkungen zu dieser literarischen Bildbeschreibung angebracht. Erst einmal verlagert Besson die Geschichte in die heutige Zeit mit Hinweisen auf Supermarkt, Fast Food und anderen Zeitkrankheiten. Dann steht der modische Anzug mit grauem T-Shirt des Mannes in direktem Gegensatz zum Bild; denn dieses zeigt Männer der vierziger Jahre mit Hut und  Krawatte. Den Ort verlagert er an die Ostküste, was durchaus erlaubt ist, da Hopper keinen Ort vorgab. Dass er aber die Abendsonne im "ruhigen Atlantik" untergehen lässt, ist doch ein Tritt ins geographische Fettnäpfchen! Der Herbst als zeitliche Einordnung soll offensichtlich Abschiedsstimmung signalisieren, allerdings ist die zeitlose Kälte in Hoppers Bild viel eindringlicher als eine jahreszeitliche Zuordnung. Bleibt noch der Fischer: das ist eindeutig die schwächste Figur bei Besson; für diese geheimnisvolle Person in Hoppers Bild ist Besson offensichtlich nichts Besseres eingefallen. Er fühlt sich bemüßigt, auch diese Figur des Bildes einer Person im Roman zuzuordnen, findet jedoch nur eine Rolle, die mit dem Paar nichts zu tun hat. Es könnte ja auch der andere Geliebte sein - zum Beispiel. Auch der Barkellner wirkt im Bild wesentlich serviler als in der Romandeutung; ja, er ist eigentlich der einzig Agile im ganzen Bild. Im Roman jedoch zeichnet er sich vor allem durch Zurückhaltung aus.

Wie dem auch sei: die sprachlose Darstellung des Bildes erlaubt letztlich jede Interpretation, und Dennis Hopper dürfte wohl der letzte gewesen sein, der eine abgeschlossene Geschichte hinter seinem Bild sah. Der Literat ist in seiner Fiktion weitgehend frei, doch hätte man dieses Bild wahrscheinlich auch zwingender in eine Geschichte umsetzen können.

Das Buch ist im Deutschen Taschenbuch-Verlag unter der ISBN 3-423-24597-5 erschienen und kostet 12 €

Frank Raudszus



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