Hans-Ulrich Treichel: "Der Papst, den ich kannte"

                                                                    
Die großartige Selbstdarstellung  eines Allround-Genies

Weitere Bücher desselben Autors:

Der irdische Amor















































Ihre Meinung über E-Mail hier


 

BuchumschlagEin Mann ungewissen Alters schaut auf sein Leben zurück: schon nach den ersten Zeilen spürt der Leser, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen Menschen handelt. Verschiedener Sprachen mächtig, davon mindestens ein halbes Dutzend wie eine Muttersprache sprechend und dabei so manchen "Einheimischen" übertreffend, spielt er auch noch göttlich Klavier. Auch sein bisheriges Leben ist kosmopolitisch verlaufen. Wie es sich gehört, hat er in Berlin, Rom, Neapel und New York gelebt und sich jetzt in die Provinz zurückgezogen. Aus einem gebildeten, bürgerlichen Elternhaus stammend, hat er alle Vorzüge einer guten Erziehung genossen und Erfolge gesammelt, wo es nur möglich war. Welches Fachgebiet er auch immer in seinem Leben berührte: er wurde sofort ein Meister in dem jeweiligen Fach. Höhepunkt seines Lebens war sicherlich das zufällige Zusammentreffen mit dem Papst in einem Fahrstuhl, bei dem der Papst gegen die Abwehrversuche seiner Leibwächter sogar ein wenig mit dem offensichtlich faszinierenden Fremden parlierte. Nur kleine Schönheitsflecken verunzieren seinen Lebensweg. Das spielend leicht abgelegte Abitur half leider nichts wegen einer äußerst leistungsschwachen Umwelt, die aus - unerfindlichen - Gründen seinen Notendurchschnitt über den "Numerus clausus"-Level anhob. Eine mit einer Partnerin in Neapel betriebene Galerie musste er fluchtartig räumen, da die Kunden auf die freie Auffassung "limitierter Auflagen" sehr engstirnig reagierten. Ein exotisches Berufspraktikum in der Karibik versagte ihm leider die große Bewährungsprobe und ließ ihn im Alltagstrott verharren, und in New York übte er eine Zeitlang die anspruchsvolle Aufgabe eines Hundeführers aus, bis ihn der berufliche Ehrgeiz zu neuen Ufern lockte.

Liest man das Buch anfangs noch als Schelmenroman eines polyglotten Weltenwanderers, so erstaunen die sich selbst eingeräumten Fähigkeiten des Ich-Erzählers mit zunehmender Seitenzahl über alle Maßen. Neben der Musik war er lange Zeit auch ein begnadeter Maler und kennt sich natürlich in der Kunstgeschichte bestens aus. Ebenfalls kennt er mehr oder weniger die gesamte klassische und moderne Literatur. Natürllich liest er ausländische Autoren grundsätzlich in der jeweiligen Originalsprache. Erwähnt er ein Fach wie Architektur, Soziologie oder Zoologie, hat er dieses natürlich sechs bis acht Semester studiert und bemerkenswerte Examensarbeiten geschrieben, die seine Professoren in Erstaunen versetzten. Eine überschlägige Berechnung ergibt, dass dieser Mann einen 48-Stundentag - natürlich ohne Schlaf - absolviert haben und derzeit um die hundert Jahre alt sein muss.

Bald schwindet der Glaube an den hochbegabten Schelm, und der Verdacht auf krankhaften Größenwahn wächst von Seite zu Seite, vor allem angesichts der gescheiterten beruflichen Ansätze. So hat er in seiner Zeit als Hilfsprofessor in Neapel sich die Miete weitgehend von der lokalen "Organisation" bezahlen lassen und dafür dem unbegabtebn Sohn des Paten etwas "unter die  Arme gegriffen". Seine realitätsfreie Ichbezogenheit kulminiert in der Schilderung seiner malerischen Aktivitäten, die ausschließlich aus Selbstprotraits mit Titeln wie "Ich vor der...." bestanden. Auch die Diktion des Buches wird im Laufe der Zeit immer schneller, ja geradezu hastig, als habe der Erzähler Angst, irgendeine seiner großen Begabungen und Leistungen zu vergessen. Satz für Satz gleitet die joviale Selbstzufriedenheit des Beginns in eine sich geradezu überschlagende Aufzählung von "Heldentaten" ab, die sich alle als Fehlschläge entpuppen. Die letzten Zeilen schreibt er aus einem "Hotel", dessen Personal durchgängig weiße Kleidung zu tragen scheint und das ihm partout keinen Schlüssel zu seinem Zimmer geben will.....

Treichel nimmt in dieser kurzen Biografie die heute nicht nur bei C-Prominenten grassierende Sucht egomanischer Autobiografien aufs Korn (wir nehmen nicht an, dass er Dieter Bohlen wirklich gelesen hat....) sondern die auch in weiten Kreisen des Durchschnittsbürgertums um sich greifende Krankheit der Selbstbespiegelung und -erhöhung. Wunschdenken und Realitätsverlust führen zu einer Weltsicht, die schließlich in einem krankhaften Zustand enden muss. Doch diese Erkenntnis breitet der Autor nicht in einem trockenen wissenschaftlichen Artikel, sondern sehr erheiternd und doch schockierend in einer lesenswerten Satire aus.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41932-8 erschienen und kostet 14,80 €

Frank Raudszus



Hier bestellen bei AMAZON