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Hans-Ulrich Treichel: "Der Papst, den ich kannte" |
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Die
großartige Selbstdarstellung eines Allround-Genies |
Weitere Bücher desselben Autors: Der irdische Amor Ihre Meinung über E-Mail hier |
Liest
man das Buch anfangs noch als Schelmenroman eines polyglotten
Weltenwanderers, so erstaunen die sich selbst eingeräumten
Fähigkeiten des Ich-Erzählers mit zunehmender Seitenzahl
über alle Maßen. Neben der Musik war er lange Zeit auch ein
begnadeter Maler und kennt sich natürlich in der Kunstgeschichte
bestens aus. Ebenfalls kennt er mehr oder weniger die gesamte
klassische und moderne Literatur. Natürllich liest er
ausländische Autoren grundsätzlich in der jeweiligen
Originalsprache. Erwähnt er ein Fach wie Architektur, Soziologie
oder Zoologie, hat er dieses natürlich sechs bis acht Semester
studiert und bemerkenswerte Examensarbeiten geschrieben, die seine
Professoren in Erstaunen versetzten. Eine überschlägige
Berechnung ergibt, dass dieser Mann einen 48-Stundentag -
natürlich ohne Schlaf - absolviert haben und derzeit um die
hundert Jahre alt sein muss. Bald
schwindet der Glaube an den hochbegabten Schelm, und der Verdacht auf
krankhaften Größenwahn wächst von Seite zu Seite, vor
allem angesichts der gescheiterten beruflichen Ansätze. So hat er
in seiner Zeit als Hilfsprofessor in Neapel sich die Miete weitgehend
von der lokalen "Organisation" bezahlen lassen und dafür dem
unbegabtebn Sohn des Paten etwas "unter die Arme gegriffen".
Seine realitätsfreie Ichbezogenheit kulminiert in der Schilderung
seiner malerischen Aktivitäten, die ausschließlich aus
Selbstprotraits mit Titeln wie "Ich vor der...." bestanden. Auch die
Diktion des Buches wird im Laufe der Zeit immer schneller, ja geradezu
hastig, als habe der Erzähler Angst, irgendeine seiner
großen Begabungen und Leistungen zu vergessen. Satz für Satz
gleitet die joviale Selbstzufriedenheit des Beginns in eine sich
geradezu überschlagende Aufzählung von "Heldentaten" ab, die
sich alle als Fehlschläge entpuppen. Die letzten Zeilen schreibt
er aus einem "Hotel", dessen Personal durchgängig weiße
Kleidung zu tragen scheint und das ihm partout keinen Schlüssel zu
seinem Zimmer geben will..... Treichel
nimmt in dieser kurzen Biografie die heute nicht nur bei C-Prominenten
grassierende Sucht egomanischer Autobiografien aufs Korn (wir nehmen
nicht an, dass er Dieter Bohlen wirklich gelesen hat....) sondern die
auch in weiten Kreisen des Durchschnittsbürgertums um sich
greifende Krankheit der Selbstbespiegelung und -erhöhung.
Wunschdenken und Realitätsverlust führen zu einer Weltsicht,
die schließlich in einem krankhaften Zustand enden muss. Doch
diese Erkenntnis breitet der Autor nicht in einem trockenen
wissenschaftlichen Artikel, sondern sehr erheiternd und doch
schockierend in einer lesenswerten Satire aus. Das
Buch ist im Suhrkamp-Verlag
unter der ISBN 3-518-41932-8 erschienen und kostet 14,80 € Frank
Raudszus |
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