![]() |
Thomas Brussig: "Schiedsrichter Uwe Fertig" |
![]() |
Die "Litanei"
eines sich ungerecht behandelt fühlenden Unparteiischen |
Weitere Bücher desselben Autors: Ihre Meinung über E-Mail hier |
Der
Schiedsrichter ist der einsame "Held", der (fast) nie ausreichend
gewürdigt wird, sich für einen lächerlichen Lohn mit
Jungmillionären auseinandersetzen und der besonderen, weil
subtilen Bestechung großzügiger Heimvereine erwehren muss.
Fertig - alias Brussig als Schiedsrichter? - ist zu dieser
Tätigkeit als Jugendlicher eigentlich nur aufgrund einer Sperrung
für mehrere Spieltage gekommen und dann aufgrund der Knappheit an
guten Schiedsrichtern (wer tut sich sowas schon an?) im Laufe der Zeit
in diesen Nebenberuf hineingewachsen. Andererseits fasziniert ihn die
Tätigkeit, weil sie einzigartige Konsequenz, das heißt: eine
"Linie", verlangt, an die man sich zu halten hat. Wer diese Linie
verlässt, verliert den Respekt der Spieler; diese sind wie
Raubtiere vor dem Dompteur, die diesen bewusst provozieren, um die
Grenzen der Vorführung auszuloten. Ein guter Schiedsrichter
erinnert Brussig an den Hausmeister zu DDR-Zeiten, der alle, besonders
die Kinder, zu jeder Zeit kritisierte und keine Kompromisse kannte.
Brussig braucht das Wort "totalitär" nicht zu verwenden, um die
Haltung des "kleinen Mannes mit Machtbefugnis" zu beschreiben. Der
Schiedsrichter hat dessen institutionelle Macht nur für die Dauer
von neunzig Minuten, muss sich also der Zeit danach bewusst sein,
während besagter Hausmeister mit der dauerhaften (?) Kraft der
Institutionen rechnen kann. Brussig
zieht auch noch den Chirurgen als vergleichbaren Posten heran.
Während dessen richtiger Schnitt ebenso wichtig wie der richtige
Pfiff des Schiedsrichters ist (von den unterschiedlichen Folgen hier
einmal abgesehen), erfolgen die Aktionen des Chirurgen immer in der
abgeschlossenen Enge des OP-Saales und werden der Öffentlichkeit
höchstens in einer gereinigten "a posteriori"-Darstellung oder in
From von Arztserien zugänglich gemacht. Dieser Vergleich endet
dann in einer Betroffenheitssituation, die der anfänglich
scheinbar dem Selbstzweck und -mitleid dienenden Litanei des
Ich-Erzählers eine neue Richtung gibt. Eben dieser Chirurg, dessen
Fehler so gut wie nicht an die Öffentlichkeit kommen, hat aufgrund
einer Fehldiagnose den Tod von Fertigs Frau auf dem Gewissen. Doch das
Pfeifkonzert von Hunderttausend empörten Bürgern, die
Morddrohungen und die vernichtenden Kommentare der Presse bleiben aus.
Der Schiedsrichter Fertig, immer auf dem schmalen Grat zwischen
Unsichtbarkeit und - im besten Falle - stiller Anerkennung auf der
einen Seite und öffentlicher Ächtung wandelnd, hat nach
diesem Schlag endgültig fertig. Brussig
setzt sich in diesem Buch mit der herausgehobenen Rolle des
(Fußball-)Schiedsrichters auseinander, die in dieser Form in
unserer Gesellschaft einmalig ist. Ihm geht es dabei weniger um die
fachliche Tätigkeit des Unparteiischen, obwohl er auch auf diesem
Gebiet einschlägige Kenntnisse zeigt. Ihm geht es um die
menschliche, bisweilen geradezu existenzielle Situation dieses Berufs
sowie um seine Einsamkeit und Ohnmacht angesichts einer fast
durchgängig feindlich gesinnten Umwelt. Nicht umsonst gilt eine
längere Passage in dem Buch der Situation eines Inhaftierten, den
die Stasi während der - natürlich beliebig ausgedehnten -
Untersuchungshaft mit einer Flut von Lügen geradezu zudeckte, die
ihn fast vollständig seiner Lebensorientierung beraubten. Der so
misshandelte Häftling ist das Abbild des Schiedsrichters in einer
Welt außerhalb des Fußballplatzes, die sich die geradezu
asozialen, immerhin auf 90 Minuten begrenzten - Gesetze des Stadions
zueigen macht und den "Fußballkrieg" mit anderen Mitteln
fortsetzt. Das
Buch ist im Residenz-Verlag
unter der ISBN 3-7017-1481-0 erschienen und kostet 12,90 € Frank
Raudszus |
| |
| |