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Thomas Glavinic: "Das bin doch ich" |
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Unterhaltsame
Nabelschau eines Literaten |
Weitere Bücher desselben Autors: Die Arbeit der Nacht Ihre Meinung über E-Mail hier |
In
Thomas Glavinics neuen Roman ist genau dies der Fall.
Er beschreibt in dem Buch mit dem vielsagenden Titel sein
tägliches Leben nach der Fertigstellung seines letzten Romans "Die
Arbeit der Nacht" und in der Hoffnung auf einen Verlag, der sich des
Manuskripts annimmt. Die Zeit der Handlung erstreckt sich über den
Herbst des Jahres 2005 und spielt in Wien, Glavinics Heimatstadt, sowie
einigen anderen österreichischen Orten. Glavinic muss dieses Buch
als eine Selbst-Therapie verstanden haben, denn er befindet sich laut
seiner eigenen Beschreibung in einem unerträglichen
Schwebezustand, der sich nur mit stetigem Weinkonsum ertragen
lässt. Die Arbeit an dem Roman ist abgeschlossen, ein neuer steht
nicht an (auf diesen ist er noch nicht gekommen!), und so lebt er in
den Tag hinein, schläft lange, verbringt die Nächte mit
Freunden oder Literaturkollegen in verschiedenen Lokalen, verliert
öfters alkoholbedingt die Übersicht und verschickt
nächtens unter Einfluss der allgemeinen Volksdroge E-Mails in alle
Welt, an deren Inhalt er sich am nächsten Tag nicht erinnern kann
und die er am liebsten ungelesen zurückrufen würde. Sein
kleiner Sohn Stanislaus bildet einen Schwerpunkt seines Lebens, und
seine Frau Else zeigt eine geradezu unmenschliche - zumindest
unweibliche - Toleranz seinen nächtlichen Ausflügen und deren
Auswirkungen gegenüber. Daniel
Kehlmann, der Autor der "Vermessung
der Welt", ist sein engster Freund und sendet ihm täglich per
Handy Kurznachrichten (neudeutsch: SMS) über den unglaublichen
Erfolg seines Buches. Hier befinden wir uns also plötzlich in
einer öffentlichen, nachprüfbaren Realität, die mit der
Gattung des Romans durchaus kollidiert. Denn mit Kehlmann kommen auch
andere Personen der realen Welt ins Spiel: Literaturagenten - ist seine
eigene eine fiktive oder reale Person? -, Kollegen bzw. Konkurrenten
und Verlagsvertreter. Wenn der Autor anlässlich einer
Verlagsveranstaltung mit einem international bekannten und
äußerst erfolgreichen Schriftsteller beim Wein an einem
Tisch sitzt, nennt er dessen Namen bewusst nicht, da ihm dessen
nachsichtiges Erfolgslächeln gehörig gegen den Strich geht.
Ebenso leidet er unter der plötzlichen Aufmerksamkeit seiner
näheren Umgebung, die seine Tätigkeit als etwas Exotisches
betrachtet und ihn gerne in einer Mischung aus Neugier und Anbiederung
zu seinem Beruf befragt. Die Öffentlichkeit ist ihm noch nicht zur
Gewohnheit geworden, da er bisher noch als Geheimtip in literarischen
Zirkeln gehandelt wird und sich weder seines Könnens noch seiner
Wirkung wirklich sicher ist. Glavinics
Buch besticht vor allem durch seine ungeschminkte Ehrlichkeit sich
selbst gegenüber. Im Gegensatz zu den meisten Autobiographien
erfolgreicher oder zumindest prominenter Zeitgenossen malt er kein
geschöntes Bild von sich oder rechnet sich Erfolge als notwendige
Folge überdurchschnittllichen Talents an, sondern schildert sich
selbst als einen eher nach Orientierung suchenden Menschen mit
handfesten Schwächen. Dabei ist ihm weder der Hinweis auf den
Alkoholgenuss und dessen oft peinliche Folgen noch das
Eingeständnis einer großen Unsicherheit gegenüber dem
Leben und den Mitmenschen unangenehm. In diesem Buch klingt er wie
jemand, der endlich einmal reinen Tisch mit sich und seiner
Befindlichkeit machen möchte und sich all der belastenden Dinge
nur durch die schriftliche Fixierung entledigen kann. Sympathisch und
geradezu rührend ist seine Einstellung gegenüber dem Erfolg
des Freundes Kehlmann. Er gönnt diesem den Erfolg von ganzem
Herzen, gesteht sich selbst aber zwischen den Zeilen einen nicht ganz
feinen Neid ein, wenn er sich fragt, wann und ob er wohl auch einmal in
den Genuss des öffentlichen Glanzes kommen werde. Thomas Glavinic
kämpft um den Erfolg in einer Branche, die den Erfolg nur sehr
schwer planen kann. Er liebt seinen Beruf offensichtlich, weiß
aber bis zum Schluss dieses Buches nicht, ob er jemals den Durchbruch
erzielen wird. Von der mehr als positiven Aufnahme von "Die Arbeit der
Nacht" weiß er zu diesem Zeitpunkt nichts, und dennoch kommt
für ihn ein Aufgeben nicht in Frage. Es gibt nur den Weg nach
vorne: weiterschreiben. Man muss sich Thomas Glavinic als
glücklichen Menschen vorstellen. Das
Buch ist im Hanser-Verlag
unter der ISBN 3-446-20912-1 erschienen und kostet 19,90 € Frank
Raudszus |
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