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Yan Lianke: "Dem Volke dienen" |
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Eine
unerhörte Begebenheit aus der Zeit der chinesischen
Kulturrevolution |
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Der
junge Soldat Wu Dawang leistet fern seines Heimatdorfes den
mehrjährigen Militärdienst ab. Zuhause hat er eine ungeliebte
Frau und einen kleinen Sohn zurückgelassen, die er beide nur
während seltener Urlaubsaufenthalte sieht. Wu hat seiner Frau vor
der Gewährung jeglicher körperlicher Gunstbeweise
schwören müssen, sich zum Offizier hochzuarbeiten, um ihr
später in städtischer Umgebung ein angenehmes Leben bieten zu
können. In der Garnison bewährt er sich dank oftmaliger
fehlerfreier Rezitation umfangreicher Mao-Texte in einem solchen
Maße, dass er die Vorzugsstellung als Ordonnanz und "Mädchen
für alles" im Hause des Divisionskommandeurs erhält. Dort
muss er nicht nur für den Garten und dessen Erzeugnisse, sondern
auch für das leibliche Wohl des Kommandeurs und - im wahrsten
Sinne des Wortes - dessen Frau Liu Lan sorgen. Liu Lan ist eine
bildhübsche Frau Anfang dreißig und für Wu ein
unerreichbarer Stern am Himmel der chinesischen Gesellschaft. Wu ist
glücklich und sieht sich auf dem gradlinigen Weg zum Offizier und
Famileinvater in der Stadt, bis eines Tages der Kommandeur für
mehrere Wochen zu einem Kongress in einen weit entfernten Landesteil
reisen muss. Die Vorgesetzten schärfen Wu ein, alle Wünsche
der allein zuhause bleibenden Kommandeursgattin zu erfüllen, damit
diese ja keinen Grund zur Klage habe und Wus Vorgesetzten
kompromittiere. Wu ahnt jedoch nicht, wohin ihn seine unbedingte Liebe
zum "Dienst am Volke" führen wird. Als Liu ihn das erste Mal in
ihr Schlafzimmer zitiert und dort offensichtlich andere als
kulinarische oder raumpflegerische Dienste erwartet, erstarrt Wu vor
Schreck und versagt seinen Dienst. Erst als Liu sich bei seinen
Vorgesetzten über seine mangelhafte Leistung beschwert, ist er
bereit, seinen bisherigen Arbeitsbereich zu erweitern. Innerhalb
kürzester Zeit entwickelt sich aus dieser Situation eine
leidenschaftliche Beziehung, die von Tag zu Tag die Grenzen der
Schicklichkeit, wenn man davon noch reden kann, weiter
überschreitet. Nicht nur lassen Liu und Wu bald alle erotischen
Hemmungen voreinander fallen, am Schluss schließen sie sich sogar
für eine Woche in der von außen uneinsehbaren Villa
ein und führen ein geradezu paradiesisches Leben in völliger
Nacktheit, das vor allem durch den Rhythmus der erotischen
Ekstase bestimmt ist. Als der Kommandeur
seine Rückkehr vorzeitig ankündigt und Liu obendrein
Anzeichen einer Schwangerschaft feststellt, schickt sie Wu
mit einem unbefristeten Urlaubsschein - eine Kommandeursfrau hat
offensichtlich freie Hand im militärischen Alltagsbetrieb - nach
Hause. Als der liebeskranke Wu nach fast sechs Wochen gegen die
Anweisung in die Kaserne zurückkehrt , muss er feststellen, dass
sich die gesamte Division in Auflösung befindet. Der Kommandeur
will offensichtlich alle unfreiwilligen Zeugen seiner "Hörnung"
aus dem Dunstkreis des Militärs entfernen, und diese Absicht
lässt sich im kulturrevolutionären China anscheinend
problemlos in die Tat umsetzen. Alle Soldaten werden als Zivilisten in
ihre Heimatorte entlassen und viele hoffnungsvolle Karrieren in der
Stadt damit abrupt zersört. Wus eigentliche "Arbeit" im Hause des
Kommandeurs hat sich offenbar zumindest in Offizierskreisen
herumgesprochen, doch ihm macht niemand einen Vorwurf, eher bewundert
man ihn im Stillen. Auch
Wu muss wieder zurück, nachdem er die eindeutig schwangere Liu
kurz gesehen hat, und führt in der Folge ein eher stumpfsinniges
Leben an der Seite einer schlichten und reizlosen Frau. Als er nach
fünfzehn Jahren aus nostalgischen Beweggründen an den Ort
seiner Leidenschaft zurückkehrt und Liu aufsucht, erhält er
von ihr kommentarlos ein Geschenk zurück, das er ihr bei seiner
damaligen Abreise überreicht hat. Der Leser kennt den Inhalt des
geheimnisvollen Päckchens nicht, es muss die beiden Liebenden
jedoch auf ewig miteinander verbinden. Liu konnte sich aus ihrem
gesellschaftlichen Umfeld nicht lösen, um mit Wu zu leben, doch
beide werden die nackten Tage in der Kommandeursvilla nicht vergessen. Das
Buch lebt vor allem von der satirischen Beschreibung des
militärischen Alltags während der Kulturrevolution mit seiner
inhaltslosen Anbetung der Worte des Großen Vorsitzenden und dem
sinnlosen ideologischen Schwadronieren auf allen Ebenen der
Gesellschaft. Wu hat das System längst verinnerlicht und nimmt es
als die "beste aller Welten" hin, Liu Lan jedoch hat die Zwänge
und die Sinnlosigkeit des Systems erkannt, ohne sie selbst
überwinden zu können. Allein die Schilderung der
außerehelichen und so gar nicht revoltionär-puritanischen
erotischen Eskapaden im Hause eines hohen Offiziers, ausgerechnet in
Sichtweite großer Mao-Portraits und -Texte, ist ein Schlag ins
Gesicht aller Chefideologen und Parteigenossen. Lianke genießt es
offensichtlich, erotische Details vor dem Leser auszubreiten, doch
weniger aus einer Perspektive der Lüsternheit, sondern eher, um
den Panzer der ideologischen Verklemmung aufzubrechen. Im Westen wird
er mit seinen erotischen Schilderungen kaum einen Preis für die
gewagteste Darstellung gewinnen, im puritanischen China der
Verbalkommunisten jedoch kommt er damit auf den Index. Literarisch
lässt sich an Liankes Buch Einiges bemängeln. Zwar als
Schelmenroman bewusst mit einiger vordergründiger Naivität
ausgerüstet, fehlt dem Buch doch ein schlüssiger dramatischer
Aufbau. Außerhalb der Liebesaffäre wirkt die Handlung ein
wenig zusammengestückelt und ohne inneren Zusammenhalt. Immer wenn
sich eine Zuspitzung der Handlung anzubahnen scheint, versandet sie in
phantasieloser Belanglosigkeit und folgt ausgetretenen Pfaden. Nach den
besagten Szenen in der Kommandeursvilla bietet der Roman weder
Überraschungen noch gesellschaftliche oder psychologische
Entwicklungen. Lianke ging es ausschließlich um die
unerhörte Liaison über Standesgrenzen (!) hinweg und die
Freizügigkeit, die sich zwei in das Korsett einer puritanischen
Revolutionsgesellschaft gezwängte Menschen selbst einräumen. Das
Buch ist im Ullstein-Verlag
unter der ISBN 3-550-08687-8 erschienen und kostet 16,90 € Frank
Raudszus |
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