Yan Lianke: "Dem Volke dienen"

                                                                    
Eine unerhörte Begebenheit aus der Zeit der chinesischen Kulturrevolution

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BuchumschlagKritische chinesische Gegenwartsliteratur kennt man üblicherweise nur von emigrierten Autoren, die über ihre - teilweise leidvollen - Erlebnisse im China zur Zeit Maos und danach berichten. Für im Land lebende Autoren stellt der Versuch einer kritischen Betrachtungsweise in literarischer Form stets ein erhebliches Risiko dar. Umso bemerkenswerter ist dann ein Buch wie das vorliegende, auch wenn die Behörden in China die Veröffentlichung verboten und es deshalb in Frankreich erschien. Yan Lianke, Jahrgang 1958, geht in seinem Buch sicherheitshalber weit zurück in die Zeit Mao Zedongs, wohl auch, um die heute herrschende Schicht nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Doch das hilft offensichtlich nicht, denn Mao wird immer noch so hoch gehandelt, dass jegliche auch nur andeutungsweise satirische Betrachtungsweise unter die Zensur fällt.

Der junge Soldat Wu Dawang leistet fern seines Heimatdorfes den mehrjährigen Militärdienst ab. Zuhause hat er eine ungeliebte Frau und einen kleinen Sohn zurückgelassen, die er beide nur während seltener Urlaubsaufenthalte sieht. Wu hat seiner Frau vor der Gewährung jeglicher körperlicher Gunstbeweise schwören müssen, sich zum Offizier hochzuarbeiten, um ihr später in städtischer Umgebung ein angenehmes Leben bieten zu können. In der Garnison bewährt er sich dank oftmaliger fehlerfreier Rezitation umfangreicher Mao-Texte in einem solchen Maße, dass er die Vorzugsstellung als Ordonnanz und "Mädchen für alles" im Hause des Divisionskommandeurs erhält. Dort muss er nicht nur für den Garten und dessen Erzeugnisse, sondern auch für das leibliche Wohl des Kommandeurs und - im wahrsten Sinne des Wortes -  dessen Frau Liu Lan sorgen. Liu Lan ist eine bildhübsche Frau Anfang dreißig und für Wu ein unerreichbarer Stern am Himmel der chinesischen Gesellschaft. Wu ist glücklich und sieht sich auf dem gradlinigen Weg zum Offizier und Famileinvater in der Stadt, bis eines Tages der Kommandeur für mehrere Wochen zu einem Kongress in einen weit entfernten Landesteil reisen muss. Die Vorgesetzten schärfen Wu ein, alle Wünsche der allein zuhause bleibenden Kommandeursgattin zu erfüllen, damit diese ja keinen Grund zur Klage habe und Wus Vorgesetzten kompromittiere. Wu ahnt jedoch nicht, wohin ihn seine unbedingte Liebe zum "Dienst am Volke" führen wird. Als Liu ihn das erste Mal in ihr Schlafzimmer zitiert und dort offensichtlich andere als kulinarische oder raumpflegerische Dienste erwartet, erstarrt Wu vor Schreck und versagt seinen Dienst. Erst als Liu sich bei seinen Vorgesetzten über seine mangelhafte Leistung beschwert, ist er bereit, seinen bisherigen Arbeitsbereich zu erweitern.

Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich aus dieser Situation eine leidenschaftliche Beziehung, die von Tag zu Tag die Grenzen der Schicklichkeit, wenn man davon noch reden kann, weiter überschreitet. Nicht nur lassen Liu und Wu bald alle erotischen Hemmungen voreinander fallen, am Schluss schließen sie sich sogar für eine Woche in der von außen uneinsehbaren Villa  ein und führen ein geradezu paradiesisches Leben in völliger Nacktheit, das vor allem durch den Rhythmus der erotischen Ekstase  bestimmt ist. Als der Kommandeur seine Rückkehr vorzeitig ankündigt und Liu obendrein Anzeichen einer Schwangerschaft feststellt, schickt sie Wu mit einem unbefristeten Urlaubsschein - eine Kommandeursfrau hat offensichtlich freie Hand im militärischen Alltagsbetrieb - nach Hause. Als der liebeskranke Wu nach fast sechs Wochen gegen die Anweisung in die Kaserne zurückkehrt , muss er feststellen, dass sich die gesamte Division in Auflösung befindet. Der Kommandeur will offensichtlich alle unfreiwilligen Zeugen seiner "Hörnung" aus dem Dunstkreis des Militärs entfernen, und diese Absicht lässt sich im kulturrevolutionären China anscheinend problemlos in die Tat umsetzen. Alle Soldaten werden als Zivilisten in ihre Heimatorte entlassen und viele hoffnungsvolle Karrieren in der Stadt damit abrupt zersört. Wus eigentliche "Arbeit" im Hause des Kommandeurs hat sich offenbar zumindest in Offizierskreisen herumgesprochen, doch ihm macht niemand einen Vorwurf, eher bewundert man ihn im Stillen.

Auch Wu muss wieder zurück, nachdem er die eindeutig schwangere Liu kurz gesehen hat, und führt in der Folge ein eher stumpfsinniges Leben an der Seite einer schlichten und reizlosen Frau. Als er nach fünfzehn Jahren aus nostalgischen Beweggründen an den Ort seiner Leidenschaft zurückkehrt und Liu aufsucht, erhält er von ihr kommentarlos ein Geschenk zurück, das er ihr bei seiner damaligen Abreise überreicht hat. Der Leser kennt den Inhalt des geheimnisvollen Päckchens nicht, es muss die beiden Liebenden jedoch auf ewig miteinander verbinden. Liu konnte sich aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld nicht lösen, um mit Wu zu leben, doch beide werden die nackten Tage in der Kommandeursvilla nicht vergessen.

Das Buch lebt vor allem von der satirischen Beschreibung des militärischen Alltags während der Kulturrevolution mit seiner inhaltslosen Anbetung der Worte des Großen Vorsitzenden und dem sinnlosen ideologischen Schwadronieren auf allen Ebenen der Gesellschaft. Wu hat das System längst verinnerlicht und nimmt es als die "beste aller Welten" hin, Liu Lan jedoch hat die Zwänge und die Sinnlosigkeit des Systems erkannt, ohne sie selbst überwinden zu können. Allein die Schilderung der außerehelichen und so gar nicht revoltionär-puritanischen erotischen Eskapaden im Hause eines hohen Offiziers, ausgerechnet in Sichtweite großer Mao-Portraits und -Texte, ist ein Schlag ins Gesicht aller Chefideologen und Parteigenossen. Lianke genießt es offensichtlich, erotische Details vor dem Leser auszubreiten, doch weniger aus einer Perspektive der Lüsternheit, sondern eher, um den Panzer der ideologischen Verklemmung aufzubrechen. Im Westen wird er mit seinen erotischen Schilderungen kaum einen Preis für die gewagteste Darstellung gewinnen, im puritanischen China der Verbalkommunisten jedoch kommt er damit auf den Index.

Literarisch lässt sich an Liankes Buch Einiges bemängeln. Zwar als Schelmenroman bewusst mit einiger vordergründiger Naivität ausgerüstet, fehlt dem Buch doch ein schlüssiger dramatischer Aufbau. Außerhalb der Liebesaffäre wirkt die Handlung ein wenig zusammengestückelt und ohne inneren Zusammenhalt. Immer wenn sich eine Zuspitzung der Handlung anzubahnen scheint, versandet sie in phantasieloser Belanglosigkeit und folgt ausgetretenen Pfaden. Nach den besagten Szenen in der Kommandeursvilla bietet der Roman weder Überraschungen noch gesellschaftliche oder psychologische Entwicklungen. Lianke ging es ausschließlich um die unerhörte Liaison über Standesgrenzen (!) hinweg und die Freizügigkeit, die sich zwei in das Korsett einer puritanischen Revolutionsgesellschaft gezwängte Menschen selbst einräumen.

Das Buch ist im Ullstein-Verlag unter der ISBN 3-550-08687-8 erschienen und kostet 16,90 €

Frank Raudszus



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